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Pit Huber

Während der Fußball-WM hat sich der Hund meines Vermieters zu einem vollwertigen Jens Lehmann entwickelt. Ständig streunt er nun über den Rasen vor seiner Hütte, den Ball im Maul, und bettelt um ein paar scharfe Schüsse auf seinen Kasten. „Wenn mein Hund das Talent von Lehmann hat“, hat sich mein Vermieter im Achtelfinale gedacht, „dann bin ich mindestens John Coltrane.“ Sprach’s, ging hin, kaufte sich sein Jazz Student’s Beginner’s Kit und bläst nun täglich drei Stunden direkt über meinem Arbeitszimmer auf einem alten Tenorsaxofon zu neuen Playalong-CDs. Ihr kennt das ja: Blues in F, Blues in Bb, Rhythm Changes fast/medium/slow, Dorisch über F, Mixokorinthisch über Ais. Das ganze Programm.
 
Am Anfang war ihm ein Blues noch ein Rätsel. Doch inzwischen hat mein Vermieter entdeckt, dass der Pianist auf der Playalong-CD in jedem Chorus immer dieselben Akkorde spielt. Also spielt sein Saxofon dort auch immer die gleichen Töne. Das, so erzählt mir mein Vermieter täglich, erleichtere das Musizieren ungemein! Wenn er so weitermacht, ist er bald CD-reif und kann sein eigenes Modern-Mainstream-Album aufnehmen. Ihr kennt das ja: Blues in F, Blues in Bb, Rhythm Changes fast/medium/slow, Dorisch über F, Mixokorinthisch über Ais. Das ganze Programm.
 
Um das zu verhindern, bastele ich ihm jetzt „Advanced Playalongs“. Mein erstes am Computer zusammengeflicktes Werk ist ein langsamer pentatonischer Blues mit mehreren stillen Pausen, die der Spieler beliebig gestalten kann. Beim nächsten Mal mache ich die Pausen noch länger. Im Jazz muss die Fantasie schließlich frei fluten dürfen. Und wenn mein Vermieter so weit ist, schenke ich ihm vielleicht sogar eine dieser neuen „Silent Playalongs“, die jetzt aus Kalifornien kommen. Da gibt es eine CD mit 72 Minuten ungestörter Stille (24-bit-Mastering, 96 KHz, Sonic Solutions) oder auch eine mit 15 stillen Tracks von unterschiedlicher Länge. Professionell produziert. Da stehen der improvisierenden Fantasie des Jazz-Studenten alle Wege offen.
 
Mein Vermieter muss nur noch lernen, wie wichtig das Weglassen von Tönen ist. Die nicht zu hörenden wiegen oft schwerer als die gehörten. Das konnte man kürzlich auch in Bochum beim ersten SilentArt-Festival erfahren. Dort trafen sich hervorragende Instrumentalisten, um gemeinsam möglichst nicht zu spielen. Das waren die schönsten Momente. Ach, wäre mein Vermieter nur auch schon so weit!
 
Pit Huber

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4 Kommentare zu „Play along, Sam! oder: Lob der Stille“

  1. Aber es kann doch nicht jeder frischgebackene Sax-Besitzer in den Fussgängerzonen vor Karstadt üben!

  2. Und seit wann spielst du Saxofon?

  3. Ich? Nicht mehr, seit meine Nachbarn meinten mit meinen Klavierkünsten seien sie musikalisch mehr als versorgt.

  4. Maceo Parker sagte schon: „Die Töne, die man nicht spielt, sind genauso wichtig wie die, die man spielt.“

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