Lili Lameng

Jazz soll ja eine Lebenseinstellung sein.

Darüber denke ich meist dann nach, wenn mir das Finanzamt ein Formular zustellt – oder die Krankenkasse oder eine Versicherung. Das Formular lege ich in eine sichere Ablage, um es baldmöglichst auszufüllen. Es soll schnell vom Tisch sein, damit ich mich nicht lange damit belaste und mich wieder ganz meinem jazzigen Leben zuwenden kann. Ab und zu sehe ich es an: Morgen ist auch noch ein Tag. Das Wochenende will ich mir wirklich nicht mit Formalitäten verderben. Ich bekomme schon schlechte Laune, wenn ich nur an das Formular denke. Erst mal den Saxofonkoffer aussaugen. Das ist auch lästig und muss sein. Es vergehen zwei Wochen. Dann kommt mit der Post eine Erinnerung. Jetzt muss ich aber: Let’s do it… Sich verlieben ist da leichter, wenn auch manchmal folgenschwerer. Und schließlich überwinde ich mich. Und siehe da, es ist weniger schlimm als gedacht, auch wenn ich die gewünschten Informationen meist nicht gleich parat habe, auch eine Folge einer nicht ganz durchdachten Einstellung zur bürokratischen Seite des Lebens. Hätte ich den Kram gleich ausgefüllt, wäre meine Durchschnittslaune erheblich besser gewesen.

So eine jazzige Lebenseinstellung muss doch mit guter Laune zusammenhängen. Oder mit Blues? Immer ein bisschen traurig, bei schummeriger Beleuchtung, ein Glas Rotwein in der Hand? Früher vielleicht. Im Bereich Smoothjazz steht Jazz jetzt immer öfter im Zusammenhang mit dem Wunderwort Lifestyle: immer locker und schick daher kommen, ohne Ecken und Kanten. Dabei scheint die Sonne in California. Ein bisschen elitär und hip, so wie mir ein Gitarrist seine Jazzstudenten beschreibt? Auch das passt nicht zu mir.

Seit vier Wochen spiele ich einer kleinen Kapelle zur Begleitung einer 20er-Jahre-Show. Das Schicksal der in der Halbwelt Tätigen wird mir allabendlich szenisch vor Augen geführt, und ich fühle mich ihnen durchaus zugehörig. Beim Management ist jazziges Verhalten unerwünscht. Kein Improvisieren, eineinhalb Stunden vor Vorstellungsbeginn vor Ort sein, nicht über die geringe Gage meckern, froh sein, dass man mitmachen darf. Das Improvisatorische übertrage ich derzeit eher auf mein Leben: flexibel sein, aus allem das Beste machen, die kleinen Möglichkeiten zum Solieren genießen, ohne Rezept kochen. Wenn ich unterrichte – und ich hätte auch nicht gedacht, dass dies mal einen großen Teil meiner Zeit in Anspruch nehmen würde –, gehe ich jazzig-flexibel auf meine sehr unterschiedlichen Schüler ein. Nach Stundenplan. Und drum herum wird improvisiert.

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