Lili Lameng

Meine ersten musikalischen Gehversuche waren im Kindergartenalter eine Singgruppe, aus der mir noch einige Liedtexte gegenwärtig sind – Elephant –phant – phant – noch vor neumodischen Rechtschreibreformen – kommt gerannt – rannt – rannt. Dann in der zweiten Klasse Blockflötenunterricht bei einem schwerhörigen Herrn, im Wechsel bei mir zuhause und bei meiner Freundin Helga. Dort lernte ich Noten lesen, ziemlich gut sogar, so dass ich bald auf das Üben verzichtete und im Unterricht vom Blatt spielte. Ich hatte die Noten verinnerlicht, sie hatten mich im Griff. Später im Schulorchester – ich spielte jetzt Klarinette – war das gut.
Gegen Ende meiner Schulzeit entdeckte ich den Jazz. Jetzt wurde es schwierig. Ich wollte frei spielen, doch ohne ein Notenblatt vor der Nase fühlte ich mich wie bei einem Drahtseilakt ohne Sicherheitsnetz. Ausdauer war gefragt, ein Über-den–Dingen-Stehen, Selbstbewusstsein, das ich nicht hatte.
Parallel dazu hatte ich als Leseratte eine große Hochachtung vor der Literatur. Mit vierzehn hatten es mir die Existenzialisten angetan, später unternahm ich einen kleinen Ausflug in ein Germanistikstudium. Vor lauter Ehrfurcht brachte ich in Diskussionsrunden keinen Ton hervor. Ich blieb bei der Musik, das Improvisieren klappte dort inzwischen ganz gut.
Vorbei war es mit der ernsten Literatur. Ich wagte es, Krimis zu lesen, unter dem Vorwand, es gehe mir bei der Lektüre vor allem um die Handlungsstruktur. Ein längerer Frankreichaufenthalt lehrte mich, auch Comics zu schätzen. Nun las ich nur noch zu meinem eigenen reinen Vergnügen. Wie wunderbar müsste es sein, selbst zu schreiben? Doch selbst beim Tagebuchschreiben litt ich unter meinem literarischen Anspruchsdenken und ließ es bleiben. Einen Versuch unternahm ich bei einem Kurzgeschichten-Wettbewerb. Eine hoch komplizierte Geschichte entstand. Einen Preis gewann ich nicht. Spaß hatte das Schreiben auch nicht gemacht.

Doch dann, die Erlösung: Das Bloggen kam auf! Einfach drauflos schreiben und ab ins Netz. Ohne Regeln. Zum Vergnügen, einfach so. Eine Art öffentliches Tagebuch für ein imaginäres Publikum. Das war wie Kochen ohne Rezept. Das konnte ich immer schon. Lesen, was man Leckeres essen könnte, sich dann ganz seinem Vorstellungsvermögen und seinen Sinnen überlassen. Bloggen – die Auflösung der Form, die Ablösung des Tagebuchs. Jazzbloggen: potenzierte Improvisation.

Bloggen hat für mich unbedingt ein heiteres Element. Düsteres Brüten über der richtigen Wortwahl, das geht dabei nicht. In einem Schwung zu einem Thema entstandene Gedankensplitter in die Tastatur geben, verdichtete Spielerei. Chorusspiel mit Flowgefühl, Schreiben zum reinen Vergnügen, einfach drauflos. Das Tun anstelle des Darüberredens. Jazzbloggen!!! Mehr davon!
Und was ich unbedingt loswerden muss: Dies ist der 200. Text auf blog thing!

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