Pit Huber

Neben Ehrentiteln wie „Vater des Free Jazz“ oder „Mann mit dem weißen Plastiksax“ gehört zum Gesamtkunstwerk namens Ornette Coleman auch das harmolodische System. Es soll erklären, wie Ornettes Musik funktioniert. Etwa fünf Menschen auf der Welt behaupten von sich, dass sie das harmolodische System verstanden haben. Dagegen glauben Tausende, dass Ornettes Musik keine Erklärung benötigt, verträgt oder zulässt. Wenn sie Recht haben, könnte das der Grund sein, warum der Saxofonist seit mehr als 40 Jahren ein Buch über sein System ankündigt, aber nie liefert. Falls es doch noch kommen sollte, wird sich die Zahl der Harmolodics-Versteher vermutlich glatt verdoppeln.
 
Kürzlich sah ich einen 15 Jahre alten Film des gefürchteten Kult-Regisseurs David Cronenberg. Das Werk heißt „Naked Lunch“, beruht auf einem Buch von William Burroughs und ist ein wilder, offenbar drogenaffiner Alptraum-Cocktail aus folgenden drei Hauptzutaten: Spionage im Orient, sprechende Schreibmaschinen, viel Insektenvernichtungsmittel. Bemerkenswert fand ich, dass die Musik zum Film unverfroren Ornette Coleman imitierte. Bis ich herausfand, dass hier der Meister selbst am Werk war – zusammen mit dem Filmkomponisten Howard Shore. Seitdem versuche ich die tiefere Geistesverwandtschaft zwischen Cronenbergs Film und Ornettes Musik zu begreifen.
 
Die besten Hinweise lieferten mir Ornettes Kommentare in der Soundtrack-CD: „Partitur und Drehbuch (des Films) sind harmolodisch. Des Schauspielers Sound, Szenen, Dialoge, Objekte und Farben haben eine gleichberechtigte Beziehung zur Kunst von ‚Naked Lunch‘.“ Oder: „Melodie ist multipler Einklang und genauso ist Cronenbergs Drehbuch multipel im Dialog der Konversation.“ Oder: „Stimmen, Modulation, Einklang als sinfonische Form. Doch keine dieser Formen existierte vor ihrem Verhältnis zueinander. Das kann man durch die Schauspieler und den Dialog im Film ‚Naked Lunch‘ erfahren.“ Ich vermute mal: Man versteht diese Sätze erst richtig, wenn man Ornettes Buch gelesen hat.
 
Pit Huber

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