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Lili Lameng

Gestern hatte ich ein Engagement in einem Küchenstudio. Der Betreiber hat seine Ausstellungsräume erweitert und wollte das gebührend feiern. Gut gelaunt machte ich mich auf den Weg zum Soundcheck, per Fahrrad durch die Innenstadt, die Anlage sollte die Pianistin bringen. Am späteren Nachmittag ist bei gutem Wetter in der Leipziger Fußgängerzone viel los, und für die Einkaufenden hält das städtische Leben wie überall auch eine akustische Kulisse bereit. Auf meinem Weg begegneten mir zwei Klangquellen: Ein etwa zwölfjähriger Junge versuchte sich auf der Geige an einem Lied, das er in Endlosschleife spielte und das ich nach genauem Hinhören als das „Heideröslein“ identifizierte. Das Volkslied mischte sich mit den Klängen eines Duos, in dem ein Saxofonist im Bebop-Stil über den Akkorden eines Gitarristen improvisierte, der sonst der Fußgängerzonen-Spezialist für Beatles-Songs ist. In meinem inneren Ohr jedoch hatte sich das Heideröslein festgesetzt, vielleicht auch wegen der kleinen Korrekturen, die ich beim Hören unwillkürlich vornahm.

Mit diesem jetzt schon lästigen Ohrwurm betrat ich den Auftrittsort. Wir bauten auf, die Leute vom Catering bereiteten sich geschäftig auf den Ansturm der Gäste vor. In einer Nische neben unserem Standort unter der Treppe zum Obergeschoss wurde auf einem großen Flachbildschirm ein Konzert mit Celine Dion gezeigt, zum Glück ohne Ton. Da ich gerne esse und koche, freute ich mich trotz Ohrwurm auf den Abend, und ich hatte mir zuvor Gedanken gemacht, welche Songs zum Thema Küche und Essen passen könnten. Natürlich eine müßige Beschäftigung, denn wir hatten keine Sängerin dabei, und selbst wenn es so gewesen wäre, ist es unwahrscheinlich, dass das Publikum an der Stelle, an der in „Lush Life“ die Worte „jazz and cocktails“ gesungen worden wären, aufgehorcht oder „Tea for Two“ in einer Musterküchenausstellung besonders geschätzt hätte.

Der Ohrwurm war weg, wir spielten, die Gäste trafen ein. Die Stehtische vor uns wurden immer dichter besetzt, der Geräuschpegel stieg. Uns würdigte man höchstens mit flüchtiger Kenntnisnahme. Die Vertreterin der Agentur, die uns vermittelt hatte, versuchte zweimal, Applaus für uns zu generieren, doch ihr Klatschen blieb einsam.

Begeistertes Raunen umfing dagegen die Lachsmousse mit Forellenkaviar, die überbackenen Cocktailtomaten wurden strahlend in Empfang genommen. Die Agentin lehnte die ihr angebotenen Delikatessen ab, wohl aus Solidarität mit uns. In der ersten Pause, sie war wohl schon beim zweiten Glas Wein, gestand sie uns, man habe halt „Gedudel im Hintergrund“ gewünscht. So deutlich war noch niemand gewesen. Mein Überlegenheitsgefühl gegenüber dem Heiderösleingeiger schwand. Gedudel – im Englischen „tootling“, falls von einer Klarinette oder einem ähnlichen Blasinstrument gespielt, dudeln – to be out of tune, to drone on, leiern, tuten… In der Bildenden Kunst wäre es ein Kritzeln, flüchtig und unbedeutend – to doodle.

Ich hatte keinen Appetit mehr auf die mit uns konkurrierenden hors d‘œuvres. Ich packte meine Klarinette aus und zwang meine Mitstreiter, mein Aufbegehren gegen unsere Bedeutungslosigkeit durch das Spielen von Horace Silvers „Doodlin‘“ zu unterstützen. Die Agentin schlich unterdessen schwankend davon.

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3 Kommentare zu „Gedudel“

  1. och menno. ja, manchmal muß man da leider durch. mir gegenüber hat auch noch niemand so krass von „dudeln“ geredet. aber vorgekommen ist es mir schon oft so. sind echt die undakbarsten muggen. :( habt ihr wenigstens noch was zu essen abbekommen???

  2. Bitte keine Beiträge mehr, in welchen sich verkannte Künstler über Dienstleistungstätigkeiten beklagen! Das darf, finde ich, ein Kanalarbeiter oder Krankenpfleger. Aber Standards spielen ist keine unangenehme Tätigkeit – auch wenn keiner zuhört.

    Gruß,
    Philip

  3. Guter Beitrag – von dieser Seite habe ich das noch nicht betrachtet aber ich kann der Sache ja einmal nachgehen.

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