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Pit Huber

Pia bewirbt sich gerade um einen Job. Genauer gesagt: Es wurde ihr nahegelegt, sich um diesen Job zu bewerben. Das heißt: Jemand will wohl, dass sie diesen Job bekommt. Vielleicht hat sie ihn schon so gut wie sicher. Dennoch macht sie sich natürlich Gedanken, was sie in ihre Bewerbung reinschreiben soll.
 
„Meinst du, ich sollte Ohrdruf lieber weglassen?“
„Weglassen? Wieso denn?“ Ich unterbreche nur ungern meine Frühstückslektüre.
„Na, was assoziierst du bei Ohrdruf?“, fragt Pia lauernd.
„Kriegste was uffs Ohr druff!“, sage ich spontan. „Da gab’s doch schließlich immer viel Musik. Lebte nicht sogar der Bach dort mal?“
„Ja, aber es gab auch ein KZ. Man sagt, die Nazis hätten den Ort ausgesucht, weil er für seine Peitschenmacher bekannt war. Eben: Kriegste was uffs Ohr druff!“
„Ach was. Ich finde, Ohrdruf klingt straight und stark. So jemanden will jeder Arbeitgeber einstellen.“
 
Ich wende mich wieder der Zeitung zu. Die 3D-Technik ist weiter im Vormarsch, lese ich gerade. Alle Regisseure, sogar die guten, wollen jetzt einen 3D-Film machen. Dabei war 3D schon in meiner Jugend ein ganz, ganz alter Hut, absolut uncool. So was wie 360°-Kino. Oder olle Tätowierungen. Wahrscheinlich kann man jede Mode an jede Generation wieder neu verkaufen.
 
„Aber denkst du bei Ohrdruf nicht zuerst: Aha, Ossi?!“
„Nö. Und wenn?“
„Na, hör mal. Da wurde jetzt gerade wieder eine Bewerbung abgelehnt, weil die Frau aus dem Osten kam. Und dann sagt der Richter auch noch, das sei keine Diskriminierung, weil Ossi kein Volksstamm ist.“
„Aber Sächsin wäre eine Diskriminierung?“
„Ohrdruf liegt in Thüringen.“
„Weiß ich doch.“
„Aber du hast ‚Sächsin‘ gesagt.“
„Dann eben: Thüringerin. Vielleicht meinten die mit ‚Ossi‘ auch einfach: Sie sächselt? Dabei heißt es doch: Niemand darf wegen seiner Sprache benachteiligt werden.“
„Ich sächsle nicht.“
 
Wo war ich beim Lesen stehen geblieben? Ach so, ja. Also, ehrlich, ich brauche diese 3D-Filme nicht. Ist doch eh alles nur digitaler Krimskrams für Action-Freaks. Ständig fliegt dir im Kino das Zeug um den Kopf, als wärst du auf einem Schlachtfeld. Nichts gegen 3D, versteht mich nicht falsch. So ein Film übers Hochgebirge oder die Tiefsee kann in 3D ganz schön beeindruckend sein. Oder eine Bikini-Modenschau…
 
„Apropos Sächs—“, sage ich. „Hat nicht der Wowereit gefordert, dass auch die ‚sexuelle Identität‘ in diesen Nicht-Benachteiligungs-Paragrafen reinkommt?“
„Was willst du damit sagen?“
„Fällt mir gerade nur so ein, bei dem Thema.“
„Sexuelle Identität? Wäre ja nicht falsch, oder?“
„Und was ist mit dem Musikgeschmack? Wenn du in einer Bewerbung zum Beispiel schreibst, du hörst Death Metal, hast du doch keine Chance. Da halten sie dich gleich für einen Berserker, Alkoholiker, Defätisten…“
„Ich höre doch nicht Death Metal.“
„Aber Jazz“, sage ich mit einem gewissen Stolz in der Stimme.
 
Frau Merkel, lese ich gerade, hat schon 3D-Fernsehen geguckt. Wenn sich das durchsetzt, ist die 3D-Welle im Kino sowieso gleich wieder vorbei. Aber will man zu Hause vor der Glotze immer so eine blöde Brille tragen? Das engt doch das Gesichtsfeld total ein. Das ist doch…
 
„Soll ich schreiben, dass ich Jazz mag, oder besser nicht?“
„Klar.“
„Was klar?“
„Klar: schreiben. Jazzfans sind doch was Tolles. Jazzfans gelten als spontan, begeisterungsfähig, kommunikativ und so weiter. Das heißt für den Arbeitgeber: Sie sind flexibel, aufopferungswillig, teamfähig… solche Sachen. Die idealen Mitarbeiter.“
„Meinst du?“
„Logo.“
„Mir hat mal jemand gesagt, Jazz käme bei Arbeitgebern gar nicht so gut. Jazzfans, sagte der, gelten als unorganisiert, zu emotional, sie reden zu viel…“
„Reden wir zu viel?“
Pause.
„Du bist überhaupt keine Hilfe“, sagt Pia daraufhin.
„Ich lese“, sage ich.
Pause.
„Wir könnten mal wieder ins Kino gehen“, sage ich dann. „3D oder so.“
 
Pit Huber

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1 Kommentar zu „Die Bewerbung“

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