Pit Huber

Ich habe den Test gemacht: Habe zehn Leutchen gefragt – Nachbarn, Neffen, Eltern von Freunden, keine Musikprofis –, ob sie Jazz mögen. Drei von zehn sagten: Kommt drauf an. Die restlichen sieben waren sich spontan sicher: dreimal grundsätzlich ja, viermal entschieden nein. Allen habe ich dann sechs Musikstücke vorgespielt: Club-Geblubber mit synthetischem Schlagzeug, eine Nummer mit Cajun-Akkordeon, ein Balkan-Orchester und drei echte Jazztitel von Kid Ory, Shelly Manne und Carla Bley. Dann fragte ich: Wo steckt am meisten Jazz drin? Nur einer nannte die drei Jazztitel zuerst.
 
Manchmal weiß ich nicht, ob ich selbst noch weiß, was Jazz ist. Etwa wenn das neueste Singer/Songwriter-Stimmchen zur Nachfolgerin von Ella Fitzgerald erklärt wird. Wenn Jazzfestivals Swingverbot haben und transsibirische Bauchsänger als Headliner präsentieren. Wenn Jazzredaktionen unisono Lambchop oder Giant Sand zu ihren Lieblingsbands erklären. Wenn irgendein Remix-Geschwirre als „endlich mal wieder echter Jazz“ gepriesen wird. Ein Kollege meinte kürzlich: Nur was nicht in den Kindercharts auftaucht, kann noch Jazz sein.
 
Denn das Prinzip Jazz regiert heute in allen Bereichen. Guter Fußball, sagt César Luis Menotti, sei wie Jazz. Dirk Nowitzkis Trainer sagt: Basketball ist Jazz. Stanford-Professor Gumbrecht sagt: Bildung ist Jazz. Die vom Oberhausener Literaturpreis meinen, Literatur sei Jazz. Der Stern schreibt: Kochen ist Jazz. Honda weiß: Autofahren ist Jazz. Drummer Jolly Kunjappu doziert in seinen Seminaren: Leben ist Jazz. Manager Scheer: Management ist Jazz. Lauter Jazz-Sachverständige. Und die Liste lässt sich beliebig fortsetzen: Krimis sind Jazz. Benzinpreise sind Jazz. Nachmittags-Talkshows sind Jazz. Wetterprognosen sind Jazz. Börsennachrichten sowieso.
 
Weil Jazz so „sehr populär“ ist, hat Media Control jetzt die ersten offiziellen deutschen Top-30-Jazzcharts eingeführt. Man darf gespannt sein, was dort alles landen wird. Fußball-DVDs wahrscheinlich. Kochkurs-Hörbücher. Das Wetter im Ersten. Lambchop auf alle Fälle.
 
Pit Huber

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10 Kommentare zu „Das Prinzip Jazz“

  1. Da sieht man mal wieder wie der gute alte Jazz von der heutigen zeit „missbraucht“ wird. Ich finde Jazz aufjedemn fall Klasse.

    Gruß
    Klaus

  2. Wenn die Rede von der „Jazzpolizei“ ist, dann sollte man dies nicht mehr nur als Schimpfwort oder leere Drohung verwenden. Ich bin der Überzeugung, dass eine wie auch immer zusammengesetzte Jazzpolizei mittlerweile notwendig und nötig ist – nicht nur national sondern europaweit. Immer dann, wenn ein neues Europaparlament gewählt wird, sollte auch über die Zusammensetzung eines Tribunals namens Jazzpolizei abgestimmt werden – dann könnte man auch Fördergelder in Brüssel beantragen. Dieses Tribunal wird dem Den Haager Gerichtshof angegliedert und tagt regelmäßig. Die Strafen müssten drakonisch ausfallen, um abzuschrecken. Ich schlage zum Beispiel vor, dass der Delinquent in einer fünf Quadratmeter kleinen, verdunkelten Zelle 36 Stunden ununterbrochen ohne Schlaf Nigel Kennedy mit englischer Volume-Einstellung hören muss, im ständigen Wechsel zwischen seiner Fassung von Vivaldis Vier Jahreszeiten und seinem Jazz-Dilettieren, wie es auf der frech als „Blue Note Session“ betitelten Jazz-CD nachzuhören ist.

  3. Felix Boerschmann

    Hallo Pit,

    um das Ganze ein wenig abzukürzen hättest du deine Bekannten vielleicht einfach fragen sollen, was ihnen am meisten Spaß beim Zuhören macht und sie dann darin bestärken können damit weiterzumachen.
    Vielleicht hätte ja auch einer auf Jazz getippt !?
    Ich empfand es jedenfalls als Kompliment für den Musiker Roger Cicero bzw. für seinen Texter und Produzenten, dass meine 11jährige Tochter \“Zieh die Schuhe aus\“ für ihren mp3-player haben wollte.
    Kein Jazz ? – Big Band uninspiriert ?
    Geschenkt – ich hab mich gefreut, dass die Musik ihr gefällt, weil ich fand’s auch lustig.Hauptsache sie hat Ihren Spaß dabei.
    Und mein lieber Pit, eines noch: Musik transportiert Lebensgefühl und Geisteshaltung. Wenn das fehlt ist auch Jazz nur Hochleistungssport für Technikfreaks. So leid mirs tut – aber Jazz wird als akademisierte Hochkultur in Reinform so interessant sein wie eine Scheibe Knäcke.
    Bleib locker und hör dir mal Bugge Wesseltoft an. Mach den Jazztest.

    Gruß Felix Boerschmann
    Jazzlinez/Kiel

  4. Das Phänomen ist keineswegs auf Jazz beschränkt:

    Ist ein Produkt ohne Eigenschaften (außer billig)?
    Ist eine Frau/ein Mann so glatt „schön“operiert, daß das Auge haltlos abgleitet?
    Ist ein Text, ein Lied, ein Bild, etc. ohne, Inhalt ohne Form?

    Dann bleibt dem Verkäufer, Kommentator, Werber, etc. nur, es mit einem möglichst „hippen“ Modewort zu belegen: Jazz, Bio, Nano…

    Ist aber völlig egal. Erstens höre ich Jazz, weil er mir gefällt, nicht weil ich elitär sein will. Zweitens wissen die Schwätzer gar nicht was Jazz ist (außer den 10 Namen, die sie gelernt haben: Coltrane, Miles Davis, etc.), haben außer einer Wilson noch nie was Jazz-artiges gehört.

    Oliver

  5. Marcus Scheltinga

    Wer hat noch gesagt: „Reden über Jazz ist wie Tanzen über Architektur!“?

    In diesem Sinne.
    Marcus

  6. Lasst doch die Leute glauben, sie hören Jazz, wenn mal ein 7 9 dabei ist… das geht vorbei. Ansonsten kann ich mich nur Marcus anschließen.

  7. Gibt es nicht schon genügend Jazz-Nazis, die im Grunde standrechtlich erschossen gehören? Sprüche wie der von Marcus zitierte wiederholen gebetsmühlenartig die gleichen Klischees wie sie auch mit Sätzen wie etwa „Ich kenne nur gute und schlechte Musik“ zum Ausdruck kommen. Aber vielleicht sollte man tatsächlich die Kuh mal auf’s Eis treiben, um sich dann an die eigene Nase zu packen, oder Chrisfried? Ansonsten gilt: Achtung, Satire!

  8. Ich persönlich hab‘ die Schnauze voll von jungen Leuten, die mir irgentwelche halbgaren, programmierten, loungigen Soundcollagen vorspielen, in denen eine 20jährige Sängerin so tut als hätte sie schon was erlebt, und dann entäuscht sind, wenn’s mir nix sagt.

    Die Jugend von heute (hätte nie gedacht, dass ich sowas mal sage ;-) „fühlt“ mit dem Kopf anstatt ab und zu mal mit dem Bauch zu denken.

    Wenn aber doch so ein romantisches Gefühl mal hochkommt, hört man eben was loungiges, was zumindest so ein wenig akustischen Kerzenschein und Atmosphäre simuliert.

    Ich bin kein Jazzpurist, höre Funk und Soul und vieles mehr, aber echt und gut muss es eben sein.

    Ein Nazi will ich aber auf keinen Fall sein; auch kein Jazz-Nazi. Ich stehe halt auf authentische, analoge Musik; das echte Leben eben, keine gefühlsechte, naturidentische Simulation.

  9. habe SEHR gelacht!!

  10. Na, was den Oberhausener Literaturpreis betrifft, verhielt es sich aber anders. Da ging doch tatsächlich um das Gegenteil von Beliebigkeit – nämlich das Spezielle. Literatur ist nicht Jazz. Aber was wäre, wenn?

    Wenn sie mal schauen mögen:

    „Wie schreibt man Jazz? Das Wesen des Jazz zu beschreiben würde vermutlich so mannigfaltige Ergebnisse ans Tageslicht führen wie der Versuch, Regeln in der Lautmalerei zu finden. Und darum soll es nicht gehen.

    Aber: Sowohl, was den Jazz als auch die Literatur betrifft, ist es die eigene Sprache, welche die Spreu vom Weizen trennt – oder der spezielle Klang, der eigene Rhytmus, die besondere Phrasierung und letztlich die Stimmung. Wie schreibt man also Jazz?

    Improvisiert oder komponiert? Frei erfunden oder historisch belegt? Traditionell oder gänzlich neu? Oder vollkommen anders? Die Frage lautet letztlich: Wie nähert man sich Jazz mit literarischen Mitteln? “

    Die Ergebnisse finden sie hier:
    http://www.bibliothek.oberhausen.de/literatur2006/preis1.html

    Und möglicherweise ist doch ein Wesensmerkmal von Jazz, über den Tellerrand zu schauen … In dem Sinne: Viel Spaß beim Lesen.

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