ELBJAZZ 2018

Lorenz Hargassner

Eben bekomme ich wieder eine Nachricht über die Neugründung einer Schule, die eine Ausbildung zum Musiker anbietet. Also Profis ausbilden will. Professionelle Musiker. Auf den Musikerberuf vorbereiten soll.

Moment mal: Beruf? – „Kann man denn davon leben?“

Eine der beliebtesten Fragen an Musiker, gleichzeitig die (von Musikern) ungeliebteste von allen. Sie kommen meist zu den unpassendsten Gelegenheiten – wie nach dem Konzert, wenn man außer vielleicht einem direkten Lob eigentlich gar nichts hören will. Dabei sind diese – sicherlich auch mal gut gemeinten – Annäherungsversuche an Musiker nur ehrliche Bemühungen, diese fremde und irgendwie wohl faszinierende Welt zu verstehen.

Und die Frage ist ja nicht von der Hand zu weisen: „Kann man denn davon leben?“ Darin steckt ein Zweifel, eine Verwunderung darüber, mit einem „Hobby, das man sich zum Beruf gemacht hat“, Geld verdienen zu können, vielleicht sogar so viel, dass man sich damit über Wasser halten kann. Ich versuche jeden Monat, genau das zu beweisen. In erster Linie mir selbst, aber auch all jenen, die ständig danach fragen.

Und es sind viele! Kein Mitreisender in der Bahn, kein Taxifahrer, Bäcker, Zeitungsverkäufer, Schüler, Konzertbesucher oder sogar Veranstalter, der diese Frage nicht einmal stellt. In Zeiten der Wirtschaftskrise umso eher.

So kommt man ständig in Erklärungsnot – denn diese Frage impliziert, dass ein Musiker „nichts Anständiges“ mache. Genau darum bringt sie einige meiner Kollegen auch regelmäßig in Rage. In Deutschland ist das Künstlerdasein schlechthin in Frage gestellt. Es sei denn, man malt Kanzlerporträts, singt vor dem Brandenburger Tor zur Verabschiedung der Fußball-Nationalmannschaft nach der Heim-WM oder vermisst literarisch die Welt (übersetzt in über 20 Sprachen).

Dabei waren viele große, nachhaltig die Welt verändernde Künstler zu Lebzeiten keine Popstars. Und – ohne die Leistungen der oben angedeuteten Kulturschaffenden schmälern zu wollen –: Großer kommerzieller Erfolg oder Prominenz können daher kein Gradmesser für künstlerische Qualität sein. Dennoch denkt sich der eingangs Fragende wohl: „Wenn ich den nicht kenn‘, kann der nix können.“ Ins Fernsehen müsste man!

Aber im Ernst: Warum fällt es dem mittelständischen Deutschen (falls es den heute überhaupt noch gibt) so schwer, sich vorzustellen, dass auch das Leben als Künstler ein lebenswertes sein kann? In der Süddeutschen Zeitung gab es vor einiger Zeit einen interessanten Artikel unter dem Titel „Arme Künstler: Kein Brot, dafür Hoffnung“ (siehe www.sueddeutsche.de/jobkarriere/946/339792/text/), der feststellte: „Grund zu übermäßigem Mitleid besteht allerdings nicht: Denn die große Mehrheit schätzt an der eigenen Lage die schöpferische Freiheit und die freie Verfügbarkeit über die Zeit.“

Und deswegen stelle ich hier mal die Gegenfrage an alle Anwälte, Manager, leitenden Angestellten und alle anderen rechtschaffenen Berufsgruppen, die täglich immer mehr ran müssen, um ihren finanziellen Ansprüchen zu genügen:

„Kann man denn dabei noch leben?“

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2 Kommentare zu „Das ist hier die Frage“

  1. Sehr geile Gegenfrage, Lorenz! Mach nur weiter so … :-)

    Peter

  2. Hi Lorenz,
    „Kann man denn dabei noch leben?“

    kann ich nur mit NEIN beantworten, jedenfalls wenn man den Sinn des Lebens nicht nur im Erreichen monetären Wohlstandes sieht.
    Den idealen Mittelweg muss / sollte sich Jeder selbst wählen. Kleine Kinder helfen oft, ware Werte zu erkennen (oder???:-) )
    Gruß aus BS

    sven

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