ELBJAZZ 2018

Pit Huber

Auf einer Klassenfahrt nach Paris, irgendwann im letzten Jahrhundert, hatte einer meiner Mitschüler seine Gitarre dabei und klimperte sich damit durch die Eisenbahnabteile. Unser Lehrer, immer bemüht, selbst Lerneifer zu beweisen, ließ sich beflissentlich das Instrument erklären und stellte eine Menge dummer Fragen. Am Ende seufzte er anerkennend: Da handle es sich ja um ein sehr abstraktes System, nicht vergleichbar mit Klavier oder Blockflöte. Wir zeigten einander heimlich den Vogel. Schließlich gehörte der Gitarre spielende Mitschüler nicht gerade zu den Hellsten und hatte doch keine Probleme, ein „abstraktes System“ zu kapieren. Ritchie Blackmore, den wir ebenfalls für etwas beschränkt hielten, hatte ja auch keine.

 

Die Gitarre ist noch immer bei Teenagern und Hardrockbretterern das beliebteste und bei Musikkennern das gefürchtetste aller Instrumente. Heute weiß ich: Da besteht ein direkter Zusammenhang. Wer die geniale Begabung zur Quarten-Abstraktion besitzt, kann auf der Gitarre rasch ein paar richtig gut klingende Tonfolgen erzeugen und sie auf virtuos anmutende Weise endlos wiederholen. Hat sich Mister Teenager auf diese Weise einen halbwegs sinnvollen Trampelpfad auf dem Griffbrett erschlossen, kann er getrost den Rest des abstrakten Dschungels vergessen. Er geht einfach immer wieder dieselbe verlässliche Spur, bis sie nicht mehr zu verfehlen ist. Das Griffbrett der Gitarre – ein massentouristisch erschließbares Urwald-Paradies für Pauschalnudler und All-inclusive-Gniedler.

 

Und die gibt es auch im Jazz massenweise: die Gewittergitarreros, die Lawinenzupfer, die Hochgeschwindigkeitsfingerer, die Bühnenrampenprotzer, die dich mit zischenden Flutwellen von Noten eindecken, anstatt den einen rührenden, aufrüttelnden, unerhörten, richtigen, falschen Ton zu suchen. All die DiMeolas, Methenys, Martinos waren einst als Teenager mit ihrer Gitarre auf Klassenfahrt. Und der beflissene Erzieher, der ihr geniales Talent zur Abstraktion bestaunte, hätte sie wohl besser gefragt: Machst du Musik oder spielst du nur Gitarre?

 

Pit Huber

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1 Kommentar zu „Das besaitete Nudelbrett“

  1. //Und die gibt es auch im Jazz massenweise: die Gewittergitarreros, die Lawinenzupfer, die Hochgeschwindigkeitsfingerer, die Bühnenrampenprotzer, die dich mit zischenden Flutwellen von Noten eindecken//
    ja die gibts – genauso wie die Hundepfeiffentrompeter und die Billigsoundkeyborder und die Paganninigeiger und…..
    In jeder Art von Musik und auf wohl fast allen Instrumenten gibt es die virtuosen Techniker die oft einmal auf die Musik vergessen – aber auch die finden Ihre Hörer – also ist letztlich doch alles Geschmackssache!

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