Martin Schüller

Im Nachbarhaus hat jemand ein neues Hobby. Will sagen: In einer Wohnung, die eine Wand mit meiner teilt, ist ein Mensch in den Besitz eines Saxofones geraten. Und er bläst hinein, zögerlich, wie staunend den Geräuschen nachhorchend, die dem Instrument entströmen. Keiner Form etwas schuldig, nicht Ton noch Tonalität, nicht Takt noch Rhythmus, reine Lebensäußerung ist es, die dem Horn entweicht, und jener Mensch ist darob so begeistert, dass er jemanden dazu gebracht hat, ähnliches mit einem weiteren Saxofon gemeinsam mit ihm zu tun, oft, fast täglich, in der Wohnung, die eine Wand mit meiner teilt.Man verstehe mich richtig: Hier schreibt kein nörgelnder Blockwart, schließlich habe ich selbst als Halbwüchsiger mit meinem Trixon einen ganzen Straßenzug gefoltert, aber es gibtda ein Problem.Dieses Problem ist: mein Kühlschrank.Es ist ja unter deutschen Kolumnisten weder neu noch originell, kommunikative Beziehungen zu Kühlschränken zu unterhalten. Auch ist meiner kein „alter Freund“. Eher ein jugendlich-schnöselig wirkender Neuling, dessen Energieverbrauch so akzeptabel ist wie sein sattblauer Retrolook.Ich gebe zu, er hat sogar einen Namen. In Alliteration auf seinen Herstellernamen nannten meine Gattin und ich ihn Gerry. Er spricht nicht mit mir, und ich auch nicht mit ihm, aber seit die beiden in der Nachbarwohnung begannen, ihre Instrumente und die Musik zu erforschen, hat er auch angefangen.Ich meine: Er spielt auch Saxofon.Kein sanft-sonores Bariton, wie sein Name erhoffen ließe, sondern eher höhere Register, irgendwo zwischen Alt und Sopran, nur selten hinabsteigend zum fast Hotjazz-mäßig anmutenden Sound eines C-Melody. Sein Melodikstil scheint mir in der traditionellen Musik seiner slowenischen Heimat zu wurzeln, und die Zirkulationstechnik beherrscht er so souverän, dass ich erwäge, ihn in Roland umzutaufen, was auch mehr zu seinen tonalen Experimenten passte, mal sehen, was meine Frau dazu sagt.Der Aufenthalt in unserer wunderbaren Wohnküche jedenfalls ist nun gelegentlich etwas unentspannend, denn wenn Gerry und seine neuen Freunde in der Nachbarwohnung richtig loslegen, kann es selbst einem in der Nähe der Wuppertaler Freejazzszene sozialisierten Musikfreund die Tränen in die Augen treiben.Aber jetzt fangen die beiden nebenan mit Tonleitern an. So richtig Dur und Moll, auch mal chromatisch, nicht immer, aber immerhin. Das macht mir Sorgen um Gerrys Zukunft in diesem Projekt.Kennt jemand einen guten Sax-Lehrer? Einen für Kühlschränke?

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2 Kommentare zu „Cool Jazz“

  1. Oh ha. Wenn jetzt schon die Kühlschränke musikalisch werden, wird es wohl höchste Zeit für den gemeinen Typ Mensch auch mal sein Gesangsorgan zu ölen und ein paar Stimm-Pirouetten zu drehen.

    Schließlich will der Frühling ja auch willkommen geheißen werden :o)

    Schöne Grüße von der Karaoke-Bekanntschaft aus dem Qhof!

  2. Hm. Meine Mitbewohnerin ist Saxophonistin. Ich Querflöte. Sei doch froh, daß Dein Kühlschrank nur Sax spielt. Soll ich sie mal fragen wegen Unterricht? Wuppertal sagst Du?

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