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Lili Lameng

Mehr als 40 Prozent der Europäer haben nach dem 35. Lebensjahr einige weiße Haare, sie ergrauen also. Wann dieser Alterungsprozess beginnt, ist genetisch bedingt. Es gibt sogar Babys, die mit weißen Haaren geboren werden. Dennoch ist das Ergrauen, die Canities – so klingt es weniger hart –, ein Zeichen des Älterwerdens.

Ich bin noch nicht 40. Heute Morgen habe ich mein erstes weißes Haar entdeckt. Ich stecke in einer Krise:
Was habe ich bislang zustande gebracht? Hinterlasse ich nennenswerte Spuren? Wie viel Zeit habe ich dazu noch? Muss man nicht den Trumpf der Jugend mit in die Waagschale werfen können, um zu einem gewissen Ruhm zu gelangen? Zumindest als Musikerin, als Instrumentalistin?

In den anderen Künsten mag es anders zugehen. Salinger hat mit Mitte 40 seinen berühmten Roman „Der Fänger im Roggen“ geschrieben und dann nie wieder etwas veröffentlicht. Dieses Jahr ist er mit 91 Jahren gestorben.

Gibt es Ähnliches bei einer Saxophonistin? Peggy Gilbert! Doch sie hatte sich schon gleich nach der Highschool mit ihren Melody Girls einen Namen gemacht. Mit 69 gründete sie die Dixie Belles und spielte mit ihnen bis Mitte der neunziger Jahre. Sie starb 2007 mit 102 Jahren. Ich habe bis jetzt keine Band gegründet. Mein Abitur liegt schon länger zurück.

Man kann nachweislich auch als Frau schreibend in sehr späten Jahren ohne lange Erfahrung auf dem jeweiligen Gebiet zu gewissem Ruhm gelangen: Die Australierin Olive Riley, geboren 1899, startete ihren Blog „The Life of Riley“ im Alter von 107 Jahren, ihren letzten Eintrag schrieb sie 2008 in einem Pflegeheim. Sie starb zwei Wochen später im Alter von 108 Jahren.

Das Leben birgt also Überraschungen. Es ist nie zu spät. Die Intensität des Melanins kann variieren.

Manche bleiben ihr Leben lang bei einer Sache, und immer schwimmen sie unbeachtet im Mittelfeld. Wohl denen, die nicht verzagen und sich an den kleinen Dingen des Alltags freuen können. Die Lektüre von Henry Thoreaus Walden wirkt da unterstützend.
Ich habe meinen Walden gelesen. Ich freue mich, wenn mir ein Solo besonders gut gelingt, wenn die Band harmoniert, wenn ich Aufträge habe, wenn die Vögel singen.

Doch jetzt, mit Canities, fällt es mir schwerer. Wie lange werde ich noch als Saxophonistin gebucht? Soll ich mein Alter verleugnen? Mit dem Haarefärben anfangen? An wen soll ich mich halten?

Candy Dulfer, die nicht viel älter als ich ist, wirkt überzeugend, attraktiv und voller Energie. Doch sie ist schon lange bekannt. Erste Plattenaufnahme mit elf, erste eigene Band – Funky Material – mit 14! Dann 1989, mit 20 also, der Durchbruch mit Lily was here.

Gut, Grandma Moses kam auch erst in späten Jahren zu Ruhm, als ein Kunsthändler ihre Bilder im Schaufenster einer Drogerie entdeckte, 1938, da war sie 78 Jahre alt. Doch bei Malerinnen ist es egal, ob sie weiße oder brünette Haare haben. Sie stehen nicht auf der Bühne. Sie werden beim Verkauf eines Bildes nicht gefragt, wie alt sie sind und ob sie nicht vielleicht neben einem Probegemälde noch ein Foto von sich schicken können.

Bis jetzt ist es nur ein weißes Haar. Das reiße ich mir aus. Und denke an Jessie Mae Hemphill, geboren 1923, aufgewachsen in Senatobia, Mississipi, Blues-Sängerin und Gitarristin. In den fünfziger Jahren zog sie nach Memphis und spielte in verschiedenen Blues-Bands. Dabei hielt sie sich mit Jobs in Cafés und Läden und als Putzfrau über Wasser. Bis sie schließlich 1979 dem Musikethnologen Dr. David Evans auffiel, der ihre erste Aufnahme produzierte. Da war sie schon 40 Jahre lang Gitarristin. 1981 folgte ihr Debütalbum, She-Wolf. Für ihr zweites Album bekam sie eine Auszeichnung, den W.C. Handy Award. Weitere Auszeichnungen folgten.

Sollen meine Melanozyten doch machen, was sie wollen.

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1 Kommentar zu „Canities“

  1. Jugendwahn? Ich empfehle als Vorbild Dee Dee Bridgewater mit ihrer aktuellen „Frisur“. Bei richtig guter Musik macht das Auditorium (nicht Viditorium!) übrigens die Augen zu.

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