Martin Schüller

Kaum jemand hat das Ohr so nah am Herz des Publikums wie der Filmverleiher. Er weiß: das Publikum mag nicht, wenn die Verliebten sich am Ende nicht kriegen, wenn der Bösewicht überlebt, wenn Gemetzel nur angedeutet wird; es verlässt enttäuscht das Kino, wenn der Sohn nicht irgendwann »Ich liebe dich auch, Dad« gesagt hat. Und immer schon wusste der Verleiher, wie man Titel übersetzt.

Heutzutage passiert das leider kaum noch. Das Publikum kann Englisch, es weiß, was ein Handy, eine Flatrate, ein Happy End ist, wie man downloadet und outgesourcet wird. Nur vereinzelt noch gibt es Beispiele dieser vom Vergessen bedrohten Kunstform, aktuell: »Todeszug nach Yuma«. Der heißt im englischen Original »3:10 to Yuma« und ist ein Remake des Filmes »3:10 to Yuma« von 1957. Der hieß auf Deutsch »Zähl bis drei und bete«, was mehr sophisticated klingt als der aktuelle Verleihtitel. Während dieser sich auf den Eigennamen »Yuma« stützt, war man damals, im goldenen Zeitalter des Titelübersetzens, weit wagemutiger und verließ sich ausschließlich auf das Zahlwort »drei«, dessen eigentliche Bedeutung auch noch kühn umgedeutet und erweitert wurde. Völlig klar, dass einem deutschen Westernpublikum der Titel »15 Uhr 10 nach Yuma Hauptbahnhof« nicht zugemutet werden konnte. (Erst vier Jahre später wagte man, eine britische Undergroundkrimiproduktion unter dem Titel »16 Uhr 50 ab Paddington« in die Kinos zu bringen.)

Warum, möchte man heute fragen, verzichtete der Jazz auf das publikumsbindende Potential dieser Methode?

Was, wenn die deutschen Plattenvertriebe ähnlich kreativ, mutig und rigoros vorgegangen wären?

Ein Titel wie »Birth Of The Cool« ist für den durchschnittlichen Gymnasiasten in seiner Gesamtbedeutung doch gar nicht zu erfassen; »Geburt des Kühlen« dagegen klingt unangemessen harmlos. Nehmen wir uns also die Worte einzeln vor und assoziieren möglichst frei: »Kühl« ist schwach, wirkt wie »lauwarm«, also werten wir das auf in »kalt« oder besser – viel besser – in »eiskalt«. »Geburt« ist zu aufgeladen mit sowohl quasireligiösen als auch quasikörperlichen Bedeutungen, und quasi ist immer schlecht. Was aber assoziieren wir Profis als Erstes mit »Geburt«? Na klar: »Tod«! Unter dem Titel »Eiskalter Tod«, da können wir sicher sein, wären die Verkaufszahlen durch die Decke gegangen!

Sonny Rollins‘ »Way Out West«, das vom Cover her ohnehin in die richtige Richtung zielt (siehe hier: http://www.albumart.org/), hätte unter dem Titel »Tenor des Todes« fraglos das Zeug zum Chartbreaker gehabt.

Was fällt uns sonst noch ein? Cannonballs »Mercy, Mercy, Mercy« wäre zu »Schrei um Gnade!«, Dexters »Round Midnight« zu »Fünf Minuten bis Mitternacht«, Jack Wilsons »Easterly Winds« zu »Todeswind aus Osten« geworden, »Bitches Brew« zu »Die Teufelshuren von Brooklyn«, und aus »A Love Supreme« hätte man irgendwas total Romantisches machen können. Ich bin sicher, dem geneigten Leser kommen zahllose weitere Ideen.

Eine vom Jazz verpasste Chance, eine von vielen.
Jetzt ist es zu spät. Oder kann einer Norwegisch?

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7 Kommentare zu „Bedrohte Arten, Folge 3: Der Titelübersetzer“

  1. Erst gestern habe ich mich über einen alten Jazztitel sehr amüsiert: Originaltitel: „The mess is here“, von Lionel Hampton, 1944. Übersetzung : „Auf der Messe“ (Kurt Henkels, 1955).

  2. Lionel Hampton? Von dem war doch auch „Aufruhr in Newport“ …?

  3. Cannonballs „Mercy, Mercy, Mercy“ ist nicht Cannonballs „Mercy, Mercy, Mercy“, sondern Zawinuls „Mercy, Mercy, Mercy“. Und weil auch wir Deutschen in einem vereinten „Europa“ mittlerweile polyglott sind, ließe sich dieser Titel in ein schlichtes „Merci, Merci, Merci“ umformen. Das versteht man in Wien ebenso wie beispielsweise in Stuttgart.

  4. Ach, ganz übersehen: Auch Dexters „Round Midnight“ ist nicht Dexters „Round Midnight“, sondern Monks „Round Midnight“. Und dafür hat man ja bereits vor langem eine deutsche Übersetzung gefunden: „Zwölf Uhr Mittags“. Aber nun genug genörgelt und verbessert…

  5. Die Übersetzung des afroamerikanischen Slang-Filmtitels „Mo‘ money“ zu „Meh‘ Geld“ ist schon sehr bemüht und war im Jahre 1992 dennoch bittere Realität…
    Schöner Text und Beste Grüße

  6. @Laurie:
    Immerhin reden wir von LP-Titeln, nicht von Kompositions-Credits. Aber „Merci, Merci, Merci“ ist schon sehr schön. Schade, dass das noch bessere „Merci Chérie“ schon von einem anderen Ösi (2 Jahre jünger als Zawinul; lebt noch)benutzt wurde.

  7. @Martin Schüller: Ich bin kein Jäger und Sammler – sprich: Für mich sind Platten und Aufnahmen nicht wichtig (so sieht’s auch in meiner Platten- und CD-Sammlung aus: die sprichwörtliche Kraut-und-Rüben-Ordnung). Was das Jazz-hören betrifft, so sehe ich mich eher als „Dilettant im Sinne des 19. Jahrhunderts“ – reine Liebhaberei ohne „Hintergedanken“. Aber das nur am Rande…

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