Pit Huber

Am Wochenende meinte meine Freundin, mein größter Fehler sei, dass ich alles zu einseitig sähe, zu tendenziös. Also versprach ich ihr, ab sofort auf Ausgewogenheit zu achten – und jetzt mache ich den Anfang. Als Trainingsobjekt für meine neue Tugend habe ich mir eines der bekanntesten Stücke der Jazzgeschichte ausgesucht, damit jeder Leser meine Bemühungen nachvollziehen und würdigen kann: „Take Five“ vom Dave Brubeck Quartet, aufgenommen 1959 in New York. Und hier ist er, der neue Pit Huber: ausgewogen, abgehangen, überparteilich.
 
Brubecks Musik schafft es auf Anhieb, eine Atmosphäre der Entspannung zu erzeugen, die zugleich aber sehr anregend wirkt. Der seltene 5/4-Takt kommt frisch und unverbraucht daher und hat dabei doch etwas ganz Vertrautes. Obwohl der Schwerpunkt des Stücks auf der Improvisation liegt, ist das Thema mindestens ebenso wichtig: Seine Intellektualität wirkt nie kopfgesteuert, sondern entströmt ganz dem Bauch, ohne dabei in dumpfe Emo abzusacken. Dementsprechend swingt das Stück und swingt eben doch nicht: eine Leistung, die so einzigartig und unvergleichlich ist, dass man sie nur mit den Aufnahmen eines Rollins, Coltrane, Monk, Miles, Ellington, Mingus oder Blakey vergleichen kann.
 
Natürlich reißt Paul Desmond, der Komponist des Stücks, die Nummer an sich, dominiert dabei aber nie seine Mitspieler. In seiner Improvisation verströmt er sich hörbar und bleibt doch ganz bei sich selbst: Man möchte als Hörer sofort relaxen, ohne das forcierte Fußwippen darüber zu vernachlässigen. Einen weiteren Höhepunkt – doch im Grunde ist jeder Takt ein Höhepunkt – bildet das Drumsolo von Joe Morello, das sowohl Fluss wie Stauung, Geradlinigkeit wie Verzögerung, Groove wie Anti-Groove vorführt. Hier triumphiert Virtuosität, ohne sich aufzudrängen. Ein lebendiges Dokument kühlen Musizierens, aber voller Wärme.
 
Pit Huber

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2 Kommentare zu „Ausgewogen“

  1. mein freund sagt das gleiche über mich. nichtsdestotrotz:
    tendenziös gefallen sie, respektive ihre texte, mir besser, herr huber.

  2. Ich musste mir leider mit einer Aufnahme auf die Sprünge helfen. Da haben wohl Aufzugspfeifer und Frühschoppen in Sachen Traumatisierung ganze Arbeit geleistet. Ich wurde beim Versuch des Zurückerinnerns immer wieder auf „My Favorite Things“ umgeleitet.

    Zur Ausgewogenheit: Hier ist doch eindeutig ein Hang zu alten Meistern/ Giants zu entdecken. Ich habe den Blog heute erst entdeckt. Weiter so! RSS vom live-Teil wäre wünschenswert.

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