RIP: Mike Westbrook

Mike WestbrookMike WestbrookSeine Musik hatte stets etwas Szenisches; sie „klang“ wie visualisiert und assoziierte oftmals Bilder. Der Engländer Mike Westbrook besaß diese einmalige Gabe, mit seinen Kompositionen etwas zum Ausdruck zu bringen, das weit über das Akustische und Künstlerische hinausging. Er erzählte Geschichten in Tönen und Klängen, die einen tief im Innern zu berühren wussten, und konnte Menschen auch mit „seinem“ Jazz so unterhalten, dass sie die Leichtigkeit einer leisen Sommerbrise zu spüren glaubten, aber auch die Tiefgründigkeit eines regen Gedankenaustauschs. Er war ein Meister des Tonsatzes, der später zur Grundierung wurde für die Improvisationskunst vieler Musikerinnen und Musiker seiner Bands und Orchester.

Westbrook, 1936 in High Wycombe westlich von London geboren, hatte zwar bei seiner Mutter, einer Klavierlehrerin, ersten Unterricht. Doch das Klavierspielen ebenso wie das Komponieren und Arrangieren brachte er sich weitestgehend selbst bei. Anfang der 1960er-Jahre studierte er in Plymouth und London bildende Kunst, dort begann er auch, sich mit Jazz zu beschäftigen. Er lernte den Saxofonisten John Surman kennen, und rief 1967 seine Mike Westbrook Concert Band ins Leben, der neben Surman und ihm unter anderem Kenny Wheeler, Alan Skidmore oder Michael Gibbs angehörten. 1973 ging Westbrook mit seiner Brass Band an den Start, die zum Nukleus wurde für viele seiner späteren Projekte. Mit dieser Brass Band kombinierte er Jazz und Opernarien, brachte ethnische Musik ebenso ins Spiel wie Rock und Pop, und brach seine sowieso schon skurrile Mixtur auch gegenüber Folklore, Film- und Theatermusik auf.

Basierend auf der afroamerikanischen Tradition des Jazz entwickelte Westbrook das Vokabular für eine eigene Sprache, die es ihm ermöglichte, sich gleichzeitig von den US-amerikanischen Künstler/-innen zu emanzipieren und mit diesen zu kooperieren. Er realisierte eine zeitgenössische Version der Rossini-Oper „Wilhelm Tell“ und verwirklichte eine Jazzfassung des Beatles-Klassikers „Abbey Road“. Mit „On Duke’s Birthday“ spielte er ein Ellington-Tribute ein, für „The Cortège“ wurde er mit dem Grand Prix du Disque Montreux ausgezeichnet. Mit seiner Ehefrau, der Sängerin (und Malerin) Kate Westbrook, war er als Pianist häufig im Trio mit dem Saxofonisten Chris Biscoe zu hören.

„Mike Westbrook hat nicht nur einige der besten Jazzmusiker Großbritanniens in seine Bands integriert, sondern dem europäischen Jazz auch einen ganz eigenen Klang verliehen“, schrieb der Leipziger Musikjournalist Bert Noglik einmal über Westbrook. „Seine Art, die Essenz der amerikanischen Pioniere aufzusaugen und sie dann innovativ weiterzuentwickeln, um die europäische Kultur aus der Perspektive eines jazzbegeisterten Musikers widerzuspiegeln, ist einzigartig. Sein Werk, das das Beste aus beiden Welten vereint, hat etwas ganz Eigenes geschaffen. Hier ergänzen und bereichern sich Musik und Kunst, Klang und Poesie.“ Nur wenige Wochen nach seinem 90. Geburtstag am 21. März ist Michael John David Westbrook am 11. April im südenglischen Exeter gestorben.

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Mike Westbrook

Text
Martin Laurentius
Foto
Andy Newcombe/CC BY 2.0

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