237/19: Jazz thing Mixtape auf ByteFM & onejazz

Nduduzo MakhathiniNduduzo Makhathini„Der große Feind der Wahrheit ist oftmals nicht die Lüge – vorsätzlich, erfunden und intrigant –, sondern der Mythos: beständig, überzeugend und wirklichkeitsfremd“, meinte einst John F. Kennedy. Dem Entstehen von Mythen und ihrem gesellschaftlichen Transport durch Musik geht der südafrikanische Musiker, Philosoph und Heiler Nduduzo Makhathini auf seinem neuen Album für Blue Note nach. „The Myth We Choose“, produziert von seinem Sohn, wartet auch mit Features von Black Coffee, Shabaka oder seiner Ehefrau Omagugu auf. „Imvunge KaNtu“ mit dem großen N, das auf das prä-afrikanische Konzept von Ntu verweist, ist ein Tribut an dessen Traditionen und das Konzept der universellen Verbundenheit, die es beschwört. Auch Joe Lovano bezieht sich mit „Congretation“, sprich; „Gemeinde“, auf dieses Konzept. Das Stück, zu finden auf seinem neuen ECM-Album „Paramount Quartet“ mit dem Gitarristen Julian Lage, Bassist Asante Santi Depriano und Drummer Will Calhoun, entstand schon vor Längerem – nach einem Besuch bei Fela Kuti in dessen Shrine in Lagos.

„Erst spielen, später verstehen“ ist der Vorsatz des Drummers David Giesel, dessen Debüt jetzt in der Serie „Jazz thing Next Generation“ erscheint. „Echoes Of The Unknown“ ist sein Quartettalbum (mit gelegentlichen Vocals), das die Energie des AC/DC-Fans aus Feldkirch im Breisgau in eine schöne neue Ungewissheit trägt – und in schöne neue Jazzmusik. Der französische Posaunist, Keyboarder und Komponist Robinson Khoury setzt ebenfalls auf das Ungewöhnliche. Sein Act-Debüt „Transara“, ein „Portal zu einer unsichtbaren Welt, ein Weg, der jenseits eines Zustand des Bewusstseins führt“, hat Khoury mit seinem Trio MŸA mit der Perkussionistin Anissa Nehari und Keyboarder Léo Yassef eingespielt „Ich glaube, wir funktionieren auch deshalb so gut miteinander, weil wir gemeinsame mediterrane Wurzeln in unseren Familien haben – das Mittelmeer verbindet uns“, sagt Khoury. Nachzuhören hier auf „Alaoui Club“.

Die Saxofonistin Lakecia Benjamin veröffentlicht demnächst ihr sechstes Studioalbum „We Dream“, auf dem neben ihrer langjährigen Band auch Features von  Terence Blanchard, Chief Xian aTunde Adjuah, Chris Potter, Hiromi, Bilal, Black Thought, Kassa Overall und Tarriona „Tank“ Ball von Tank And The Bangas zu hören sind, Letztere im Titelstück. Ein langjähriger Weggefährte unseres Titelhelden ist der Bassist Thembinkosi Mavimbela alias Vimbs Mavimbs. Nach einem Konzert mit Asher Gamedze in Hamburg wurde er auf den Jazz-Studiengang an der Alster aufmerksam, den er momentan absolviert – weshalb er auch den offiziellen Album-Launch von „Late Bloomer“ am 13. Juni in der Hansestadt feiert. Das Quartett hilde legt mit „Timbre“ bei Boomslang ein faszinierend intensives Zweitwerk nach. Wie es in der Rezension im aktuellen Heft heißt: „Diese postklassische Suite lädt zum subliminalen Weiterhören ein, bei dem der Hörer selbst zum Komponisten, Arrangeur und Ausführenden wird. Welch ein Geschenk!“

Die Harfenistin (und „House of Jazz“-Berlin-Aktivistin) Kathrin Pechlof nennt ihr neues Album für Nils Wograms Label nwog „Hyperobjekt“. Aufgenommen im Trio mit Altsaxophonist Christian Weidner und Robert Landfermann am Kontrabass hat es eine sehr direkte und intensive räumliche Offenheit, eine beruhigende Kraft, die sich schon nach wenigen Tönen auf die Kiefermuskulatur legt und diese zu einem „Aaah!“ entspannt. Ähnlich besonnen und doch ganz anders geht das finnische Trio Kiri Ra! um Lau Nau alias Laura Naukkarinen, eine sehr spannende finnische Musikerin, die gerne auch Soundtracks, Unterwassermusik oder Sounds für Schulglocken komponiert, Saxofonperson Linda Fredriksson (Mopo) aus Helsinki und dem schwedischen Pianisten Matty Bye, der neben (atmo)sphärischen Soloprojekten unter anderem auch die Musik für den Film „Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand“ komponiert hat. Als „Mosaik voller Schönheit“ wird das Debüt „nen“ beschrieben, das soeben bei We Jazz erschienen ist.

Aktuell mit Nils Petter Molvær auf „Khmer“-Tour hat der norwegische Gitarrist und Klangexperte Eivind Aarset vor zwei Wochen bei Jazzland sein neues Album „Strange Hands“ veröffentlicht, aus dem wir „Deep Green“ hören. Der Saxofonist Christof Lauer hat seine „Odyssea Sonorum“ solo in der Frankfurter Nikolaikirche aufgenommen, drei lange Improvisationen, die durch die heiligen Hallen direkt in die flüchtige Unendlichkeit der Zuhörenden fließen – wie auch am Ende dieses Jazz thing Mixtapes, das auf Deutsch am 30. Mai ab 13 Uhr im auf ByteFM zu hören ist; der Sendetermin für die englische Fassung auf onejazz wird nachgereicht.


Playlist #237/19
für das Jazz thing Mixtape vom Dienstag, 30.5.2026, 13 – 14 Uhr auf ByteFM; der Sendetermin für die englische Fassung auf onejazz wird nachgereicht.

Nduduzo Makhathini     Imvunge KaNtu The Myth We Choose (Blue Note/Universal)
Joe Lovano Congregation Paramount Quartet (ECM/Universal)
David Giesel Trial And Error Echoes Of The Unknown (Double Moon/Bertus)
Robinson Khoury MŸA Alaoui Club Transara (ACT/edel)
Lakecia Benjamin We Dream We Dream (Artwork/PIAS)
Vimbs Mavimbs Love Drive Late Bloomer (Unit/The Orchard)
Hilde Timbre Timbre (Boomslang/Galileo MC)
Kathrin Pechlof Trio Every Hour Of The Light And Dark Hyperobjekt (nWog/Indigo)
Kiri Ra! Ahiahi     nen (WeJazz/Indigo)
Eivind Aaarset Deep Green Strange Hands (Jazzland/edel)
Christof Lauer    Odyssea Sonorum Odyssea Sonorum (An:Bruch/Recordjet)

Weiterführende Links
ByteFM
onejazz.net

Text
Götz Bühler

Veröffentlicht am unter Mixtape

Applaus 2026