55: moers festival 2026

moers festival-Modellmoers festival-ModellWenn das moers festival im Frühjahr zur Programmpressekonferenz lädt, fährt man als Journalist gleichermaßen gespannt wie etwas mit Sorge in die Grafenstadt am Niederrhein. Seit Tim Isfort vor fast zehn Jahren künstlerischer Leiter dieses traditionsreichen Musikfestivals geworden ist, werden diese Pressetermine in der Regel als skurril-groteske Happenings inszeniert, in die man als „Fachbesucher“ gerne auch mal einbezogen wird. Schon zuvor gab das Team um Isfort bekannt, dass das Festival mit seiner 55. Ausgabe vom 21. bis 25. Mai zurück in die Innenstadt ziehen werde und man den Kastellplatz vor dem Moerser Schloss als Hauptbühne auserkoren habe. Deshalb war vergangenen Donnerstag das Schloss Austragungsort der Programm-PK.

Dort angekommen, wurde man von Mitarbeitenden mit Wolfsmasken und teils in Pelzjacken in Empfang genommen. Man sah eine Prinzessin mit Frosch in der Hand und weitere, an Märchenfiguren erinnernde Gestalten durch das Schloss huschen. Eine Königin-Mutter gab es auch, und die neue „Improviser in Residence“, Evi Filippou, zupfte Wolfs-maskiert eine Harfe, während wir Journalist/-innen im Rokoko-Zimmer Platz nahmen. Irgendwie hat man es sich also denken können, dass in diesem Jahr das Motto „… wie im Märchen“ heißen wird und der Untertitel „Jazzfestival für Rotkäppchen, klatschende Frösche, Wirklichkeitsflucht und: Âventiure“ lautet.

Evi Filippou, Wolfs-maskiertEvi Filippou, Wolfs-maskiertWährend der Begrüßung durch die Moerser Bürgermeisterin Julia Zupancic, die sich freut, dass aus Anlass des „kleinen Jubiläums“ das Festival in die Innenstadt zurückkehren werde, um unweit seines Gründungsortes, dem Schlosshof, stattzufinden, sinniert man selbst, dass es doch vor nicht mal 15 Jahren die Moerser Stadtpolitik gewesen ist, die dieses Festival quasi vor die Tür gesetzt hat: neben das Freibad Solimare weit weg vom Zentrum. Man erinnert sich auch, wie Ende 2016 der damalige Geschäftsführer im Nebenberuf bei der verantwortlichen Moers Kultur GmbH, Dirk Hohensträter, als eine seiner letzten Amtshandlungen eine kurz zuvor mit öffentlichen Geldern in die moers festival-Halle umgebaute Tennishalle an den örtlichen Energieversorger ENNI, für den Hohensträter damals als einer der Geschäftsführer im Hauptberuf tätig gewesen ist, abgetreten hat.

Aber gut, Schnee von gestern, zurück nach 2026. Weiter geht es mit einer schrägen Inszenierung. Begleitet von einer Frauenstimme aus dem Off, die der vielleicht bekanntesten Hausherrin des Schlosses, Louise Henriette von Oranien aus dem 17. Jahrhundert, nachempfunden ist, kaspert Isfort pantomimisch vor einem Modell mit den Spielplätzen des Festivals herum, während die Stimme ins männliche Timbre morpht, und man einen Deutsch sprechenden Donald Trump zu hören meint, der großmäulig die Vorzüge des Umzugs und des moers festivals anpreist. Gut, denkt man, kann man machen, lässt sich als Kritik an der autokratischen und menschenverachtenden Politik des US-Präsidenten verstehen.

Tomeka ReidTomeka ReidSo ist es auch: Nach Ende von Isforts Slapstick-Nummer wird „Rotkäppchen USA“ als ein Programmschwerpunkt des diesjährigen Festivals ausgerufen, um auf die Marginalisierung afroamerikanischer Kultur durch die Trump-Administration hinzuweisen. „Heute propagieren so manche Märchenonkel und -tanten ihre ‚Wahrheiten‘ in Politik, sozialen Medien und zunehmend autokratischen Systemen. Der ‚böse Wolf‘ lauert überall“, so Isfort. Sein US-Schwerpunkt fällt vorwiegend weiblich und divers aus – unter anderem mit der Saxofonistin Lakecia Benjamin, der Flötistin Nicole Mitchell, der Fagottistin Joy Guidry oder der Cellistin Tomeka Reid.

Ein weiterer Festivalschwerpunkt ist die dritte Folge von „?Afrika“, diesmal mit Acts aus Togo, Benin und Ghana – wie zum Beispiel mit der Anagoko Family oder Nana Benz du Togo. Zwei Hundertjährige hat man auch ins Festivalprogramm genommen – nein, nicht Miles und Trane, sondern den US-amerikanischen Komponisten Morton Feldman (1926–1987) und den Ungarn György Kurtág, der am 19. Februar tatsächlich seinen 100. Geburtstag feiern konnte. Steht Feldmans Werk „Rothko Chapel“ im Zentrum einer immersiven Aufführung beim moers festival, so wird Kurtágs Sohn György Jr. zum Festival kommen, um mit dem Cimbalonspieler Miklós Lukács Kammermusikfragmente seines Vaters auf die Bühne zu bringen. Das Märchennarrativ soll am Radikalsten durch Gellert Szabo’s Ideal Orchestra und das Musiktheaterstück „Märchenhafte Klangschaften“ vom Chroma Kollektiv als Suche nach Wahrheit und Flucht in die Fiktion in Szene gesetzt werden, heißt es.

InEvitable ExtendedInEvitable ExtendedNatürlich ist Filippou als „Improviser in Residence“ gesetzt: mit InEvitable Extended und ihr als Schlagzeugerin und Vibrafonistin. Der Gitarrist Gordon Grdina präsentiert sein Projekt RU’YA, aus Brasilien kommt das Duo Bella Comsom & Bruna Cabral, aus Ägypten das Kollektiv The Dwarfs of East Agouza und Reid tritt im Trio mit der Saxofonistin Angelika Niescier und der Schlagzeugerin Eliza Salem auf. Weil der 21. Mai „Aktionstag Zusammenhalt und Vielfalt“ ist, hat sich das moers festival diesen Donnerstag kurzerhand einverleibt und begeht mit seinem kleinen Jubiläum nun auch die bislang längste Ausgabe in der Festivalhistorie; auftreten wird dann die WDR Big Band mit dem südafrikanischen Pianisten Nduduzo Makhathini. Drum herum gibt es auch 2026 wieder die vom Saxofonisten Jan Klare kuratierten Sessions, diesmal morgens im Schlosshof, der Freysinn mit seinen Jams zieht in die Röhre, zudem bespielen Kinderprojekte die Wiese am Pulverhaus … und vieles weitere Spannende mehr.

Weiterführende Links
moers festival

Text
Martin Laurentius
Foto
Gabriele Schweer, Tony Smith, Petros Kolotourps

Veröffentlicht am unter News

Theaterhaus Jazztage 2026