Zum Tod von Uli Lemke

Uli verstand es in enger Abstimmung mit Stinshoff und einem großen Netzwerk aus freien Autor:innen, diese Vielfalt an Themen zu bündeln, ein Netzwerk von in ganz Deutschland verteilten Schreiber:innen zu koordinieren und so drei Mal im Jahr eine abwechslungsreiche, spannende Zeitschrift zu gestalten. Blue Rhythm wurde unter seiner Führung zum einzigen ausschließlich dieser Nische verpflichteten Musikmagazin im deutschsprachigen Raum. Er selbst trug als Autor mit vielen Stories, Interviews und Plattenkritiken dazu bei, etwa über Taj Mahal, John Lee Hooker oder Irma Thomas. Sein präziser, von immensem Hintergrundwissen und trockenem, auch mal augenzwinkernd-bissigem Esprit geprägter Stil war sein Alleinstellungsmerkmal.
Sehr gut erinnere ich, Stefan Franzen, mich an unseren Erstkontakt: Ich meldete mich als junger Musikwissenschaftler und angehender Weltmusik-Schreiber 1997 telefonisch bei Uli, um ihm ein Interview mit der finnischen Band Värttinä anzubieten. Sofort stimmte die Chemie, und dank ihm begann für mich eine journalistische Arbeit bei Blue Rhythm und Jazz thing, die bis heute anhält. Ebenso gut erinnere ich mich an seine erste Korrektur meines Textes: Er lachte herzlich darüber, dass ich aus den „Frontfrauen“, den Värttinä-Sängerinnen der vordersten Reihe, vertippend „Fronfrauen“ gemacht hatte. Als die Blue-Rhythm-Themen 2009 schließlich in der Mutterzeitschrift Jazz thing aufgingen, war Ulis formende Kraft weiterhin über Jahre gefragt. Nach seinem Ausstieg aus der Redaktion blieb er trotz eingeschränkter Gesundheit der Redaktion von Jazz thing als Rezensent erhalten.
Musikalisch war Uli immer breitspurig unterwegs. Seine Liebe galt der Roots-Music und dem Blues, von Ry Cooder bis zu Rokia Traoré, von Tom Waits bis zu Lhasa de Sela. Er begeisterte sich für Grenzgebiete zwischen Jazz und freien Formen. Wenige wussten, dass sein Herz auch für die Klassik schlug: Mit ihm konnte ich in detaillierte Diskussionen über die Interpretationen von Gustav-Mahler-Symphonien einsteigen (sein Lieblingsdirigent: Klaus Tennstedt). Und immer wieder debattierten wir auch marginal über Fußball, wobei er sich als Dortmunder, der lange Zeit in der Nähe des BVB-Stadions wohnte, köstlich über die neuesten badischen Bonmots des SC-Freiburg-Trainers Christian Streich amüsierte.
Sein Masterpiece als Musikjournalist war vielleicht seine Titelgeschichte 1999 über Tom Waits, die allerdings in Jazz thing und nicht in Blue Rhythm erschien. In seinem langen Piece über diesen Solitär der US-amerikanischen Roots-Music legte er all seine musikjournalistischen Qualitäten offen, die ihn zeitlebens auszeichneten. Auch für diese Story nimmt er sich ganz zurück und lässt Waits den Raum, den der für seine teils absurde Inszenierung braucht. Eine Besonderheit von Uli ist, dass er einerseits als Chronist seine Expertise als Fachmann einbringt, um, wie in diesem Fall, den Künstler Waits adäquat zu würdigen. Andererseits rückt er nahe an den Menschen Tom heran, um authentisch aus dessen Leben abseits der Vita erzählen zu können.
Es ist eine Geschichte in drei Akten, die er mit Waits aufführt, angesiedelt in einem China-Imbiss im kalifornischen Santa Rosa. Und Uli steigt mit dem Ende seines Gesprächs mit Waits ein. „,Übrigens, ich lüge gerne‘“, lässt er Waits sagen, und fügt dann selbst eine Antwort hinzu: „Na klar, das gehört zum Geschäft. Fangen wir also vorne an mit den Erfindungen von Tom Waits.“ Dieser leise Humor, das blitzgescheite Sentiment und eine kenntnisreiche Lakonie durchziehen seine Geschichte über Waits. Noch ein Beispiel? Bitte sehr. „Der Kellner serviert eine weitere Kanne Tee. Ob er die Rechnung bringen soll? ,Ja gerne, es hat einmal wieder ganz wunderbar geschmeckt. The best! The best I’ve had!! Thank you very much.‘ Er und der chinesische Gastwirt üben sich im Verbeugungswettkampf, und am Ende gewinnt Tom Waits im skurrilen Ballett.“
Mit Uli verlieren wir einen wunderbaren Kollegen und Freund, der für die Nischen-Musik und jede noch so außergewöhnliche Entdeckung brannte und der es immer wieder verstand, uns mit seiner Begeisterung anzustecken. Mehr als 30 Jahre hat er unserem Teamwork ein angenehm menschliches Klima verliehen und prägte unzählige Arbeitstelefonate und persönliche Gespräche mit seinem ihm ganz eigenen Humor. Wir erlebten Uli oftmals herzlich und bescheiden, der seine eigenen Belange und die Krankheit der letzten Jahre nie ins Zentrum stellen wollte.
„Seine westfälisch-trockene Art und große persönliche Bescheidenheit sollten nicht darüber hinwegtäuschen“, schreibt Axel Stinshoff, „dass Uli der wahrscheinlich profundeste Kenner und leidenschaftlichste Fan amerikanischer Roots-Musik, vor allem des Blues in all seinen Schattierungen und Epochen, war, den ich je erlebt habe. Diese seine tiefgehende musikalische Kompetenz, sein geschmackssicheres Urteil und das darüber hinaus stets weit geöffnete Visier für originäre, originelle und progressive Musik aus aller Welt führten vor 30 Jahren zur gemeinsamen Gründung von Blue Rhythm – bis heute in wechselnder Gestalt essenzieller Bestandteil von Jazz thing. Ulis musikästhetische Feinsinnigkeit entsprach dem trocken-ironischen Feinsinn seines vorzüglichen Humors. Beides wird uns sehr schmerzlich fehlen. Wir trauern um Dich, verneigen uns vor und bedanken uns bei Dir, lieber Uli.“






