Neues Buch: Miles Davis

Mit dieser Erinnerung an das erste Konzert, das er mit dem Trompeter in Hamburg vor gut 40 Jahren gehört hat, leitet der Autor Stefan Hentz in sein Buch „Miles Davis. Sound eines Lebens“ ein. Sein Duktus ist leicht, geprägt von dieser Erinnerung an das einmalige Erlebnis. Hentz ordnet bereits auf den ersten Seiten das Werk Davis’ kenntnisreich ein und legt einzelne Aspekte der Rezeption dieses am 26. Mai 1926 in East St. Louis geborenen Trompeters offen. Er glorifiziert Davis nicht, macht ihn weder zur Lichtgestalt des Jazz noch zum Helden der afroamerikanischen Community. Vielmehr zeichnet er das vielschichtige Bild eines auch durch rassistische Erlebnisse traumatisierten, schwarzen Amerikaners im 20. Jahrhundert, der sich einige Schutzschilde zulegen musste, um zu dem Künstler zu werden, als den ihn Publikum und Medien feierten.
Hentz zäumt sein Buch über Davis von hinten auf und beginnt mit der letzten Schaffensperiode und Lebensphase des Trompeters. Rund 50 Seiten widmet er diesen zehn Jahren nach Davis’ Comeback Anfang der 1980er-Jahre bis zu dessen Tod 1991. Es ist allerdings die Zeit in Davis langer und erfolgreicher Karriere, die bei viele keinen guten Ruf hat; nicht wenige behandeln diese Jahre wie einen Appendix, der weggeschnitten gehört. Dabei hat der Trompeter zu der Zeit eigentlich nur (und auch nicht zum ersten Mal) die Verkehrsregeln im Jazz ignoriert, um wirklich etwas Neues schaffen zu können. Davis war nie Popmusiker, wollte aber spätestens ab dem stilbildenden Album „Bitches Brew“ eine andere Musik spielen – auch um damit mehr Menschen zu erreichen. Diesem Wunsch kam er in den 1980ern vielleicht am nächsten.
Danach wird Hentz’ Erzählung der Davis-Lebensgeschichte chronologisch. Die behütete Kindheit und Jugend im reichen Elternhaus in East St. Louis, die ersten Karriereschritte als Trompeter in den Clubs von St. Louis am gegenüberliegenden Ufer vom Mississippi. Wie Davis nach New York geht, um mit seinen Idolen Charlie Parker und Dizzy Gillespie zu spielen und an der Ausarbeitung des damals noch neuen Bebops mitzuwirken. Wie er im Verbund mit dem Arrangeur Gil Evans und anderen mit der Recording-Session von „Birth Of The Cool“ Ende der 1940er einen neuen Klang schuf. Das Davis-Quintett und -Sextett in den 1950ern mit „Kind Of Blue“ als Highlight. Den Orchester-Miles zur gleichen Zeit, das zweite Quintett in den 1960ern …
Hentz schafft es, in diesen bekannten Karriere- und Lebensstationen von Davis überraschende Kontexte und neue Schwerpunkte zu setzen. Er beschreibt dessen Heroinsucht in der ersten Hälfte der 1950er als das, was sie ist: als den Menschen quälend und den Künstler zerstörend. Oder dass die vier Platten, mit denen Davis aus dem Vertrag mit Prestige Records kam, um zum Branchenriesen Columbia Records zu wechseln, kein schnellproduzierter Kram waren, sondern sich darin die Kunst dieses Trompeters der Emotionalisierung des modernen Jazz manifestierte. Oder dass Davis mit der Aufnahme der Filmmusik zum Klassiker „Ascenseur Pour L’Échafaud“ auch die Grundlage für den modalen Jazz legte, mit dem „Kind Of Blue“ dann zum Verkaufsschlager werden konnte.
Bevor Hentz mit dem „elektrischen Miles“ der 1970er-Jahre sein Buch beschließt, macht er noch einen spannenden Exkurs: über den jungen Fotografen Glen Craig, der im Frühjahr 1969 eine Weile lang Davis begleiten konnte. Die Fotos, die dabei entstanden, dokumentieren nicht nur den Übergang des Jazztrompeters zu einem Universalmusiker, der sich einem neuen Sound hingab und quasi zur Belohnung ein anderes Publikum erhielt, sondern geben auch den Blick darauf Preis, wie Miles zu dieser Zeit als Mensch wohl tickte. Dabei ist auch ein Foto entstanden, das sehr viel von dessen Persönlichkeit zeigt: Davis in seinem Boxclub in der Bronx, wie er mit strahlenden Augen einen Speedball fixiert. Stefan Hentz’ „Miles Davis. Sound eines Lebens“ ist im Reclam Verlag erschienen, hat 383 Seiten und kostet 32 Euro.
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„Miles Davis. Sound eines Lebens“





