In einem Generator erzeugen 96 elektromagnetisch abgenommene Zahnräder sinusähnliche Schwingungen, die durch Manuale, Zugriegel und einen Scanner gejagt werden. Um am Ende eines solch komplizierten Prozesses überhaupt einen Ton herauszubekommen, braucht es keinen Doktortitel. Schaden kann so etwas aber trotzdem nicht, wie Andi Kissenbeck, der neue Hauptdarsteller in der Reihe „Jazz thing Next Generation“ unter Beweis stellt. Denn gerade als Hammond-Organist befindet er sich damit in allerbester Gesellschaft.

Andi Kissenbeck's CLUB BOOGALOO - Hammond's Delight

Die musikalische Farbenlehre: Was haben Mathematik und Jazz gemeinsam? Auf den ersten Blick eigentlich gar nichts. Bis auf die überlebensnotwendige Tatsache, dass jeder Musiker in der Lage sein sollte, zumindest seine Gage nachzuzählen. Ansonsten dominiert die Unvereinbarkeit zweier völlig gegensätzlicher Realitätsebenen. Auf der einen Seite steht der Mathematiker, ein mit kühlem Kopf nach klar strukturierten Lösungswegen suchender Pragmatiker, der den Faktor Zufall generell ausschließt. Auf der anderen taumelt der Jazzer mit heißem Herzen durchs Leben; ein Improvisationstalent in jeder Hinsicht, das dem Zufall gerne Tür und Tor öffnet. Logik steht neben Emotion, Vernunft trifft auf Tagträumerei. Keine Schnittmengen also. Wirklich?

Der Einspruch kommt aus berufenem Mund. „Sowohl in der Mathematik als auch im Jazz geht es doch darum, Ordnung in einem an sich ungeordneten Feld zu schaffen“, behauptet Andi Kissenbeck. Der Mann muss es ja wissen. Schließlich ist er Lehrer mit Staatsexamen für Mathematik und Sport an Gymnasien und Profimusiker. Genauer gesagt sogar der aktuelle Hauptdarsteller der Erfolgsserie „Jazz thing Next Generation“, Folge 24.

Kissenbeck fällt jedoch nicht nur durch besagten diametralen Background auf. Während seine Vorgängerinnen und Vorgänger entweder kunstvoll Mikrofone in der Hand hielten, elegisch durch goldene Hörner tröteten, verwegen Gitarren vor dem Bauch baumeln ließen oder gravitätisch die Spannbreite eines Flügels durchmaßen, beschäftigt sich der 39-Jährige als Erster in der seit 2004 laufenden Reihe mit der guten alten Hammond-B3-Orgel. Schon der Name seiner Formation „CLUB BOOGALOO“ (angelehnt an Lou Donaldsons legendäres orgellastiges Blue-Note-Album „Alligator Boogaloo“) verrät, dass deren Erstling „Hammond’s Delight“ (Double Moon/SunnyMoon) alles andere als postmoderne psychedelische Tranquilizer enthält

Der Chef sowie Gitarrist Torsten Goods, Saxofonist Lutz Häfner, Trompeter Andrej Lobanov und Schlagzeuger Jean-Paul Höchstädter servieren vielmehr klassisches Soulfood: warm, würzig, wohlig. Ein überliefertes, mit neuen Ingredienzien serviertes Erfolgsrezept, mit dem schon Andi Kissenbecks erklärte Helden Jimmy Smith, Jack McDuff, Don Patterson, Charles Earland und Joey DeFrancesco Punkte machten und das sogar aus einer Zeit stammt, als der Jazz noch Pop war. Die Einstiegsdroge per se – tanzbar, groovy, mit Ohrwurmcharakter und dennoch allemal gehaltvoll.

Nur ein klobiger Kasten, den ein gewisser Laurens Hammond 1934 in Chicago erfand. Aber: „Schon als Kind bin ich unheimlich auf den Sound abgefahren. Du lernst Klavier, machst als Jugendlicher in ein paar Fusionbands mit, und schon bist du mittendrin“, versucht Andi Kissenbeck den eigenwilligen Hammond-Zauber zu erklären. Denn Organisten wissen trotz ihres Exotenstatus längst, dass dieser Weg nie ein leichter sein wird. Allein schon die Transportfrage für das über 100 Kilo schwere Teil erstickte bis dato so manch hoffnungsvolle Karriere jäh im Keim.

Den entscheidenden Anstoß, den steinigen Pfad trotzdem zu gehen, gab der Gitarrist Michael Arlt in Würzburg, der häufig mit einem amerikanischen Organisten tourte. Kissenbeck besorgte sich nur so zum Spaß eine Plastikorgel und übte verbissen mit dem Kollegen. „Irgendwann habe ich dann gemerkt, dass es mir wesentlich mehr Spaß bereitet als Piano zu spielen.“ Also kaufte er nicht nur eine, sondern gleich zwei der antiquierten B3-Monster, Baujahr 1958 („Eine davon steht bei mir zu Hause in Würzburg, die andere in einem Club in Münster, wo ich jeden Dienstagabend spiele“), traf in Torsten Goods einen Gleichgesinnten, der auch auf einen richtig schönen, fetten funky Sound steht, und gründete CLUB BOOGALOO.

„Auf der einen Seite knüpfen wir natürlich an das Alte an, weil wir nicht in leeren Clubs spielen wollen. Doch wir gehen auch einen Schritt weiter, um keine bloße Stilkopie des Hardbop abzuliefern. Wenn Lutz Häfner beispielsweise über einen Blues improvisiert, dann ist das etwas völlig anderes als das, was Tad Shull damals bei Melvin Rhyne ins Saxofon blies.“

Kissenbeck nennt sein Repertoire deshalb selbstbewusst „zeitgenössischen Jazz“ und untermauert dies neben einigen intelligent strukturierten Originals mit einer Version von Ornette Colemans „Ramblin‘“. Mitnichten ein Widerspruch, sondern wieder eine dieser unerwarteten linearen Gleichungen. Zumal der schlaue Kerl an der Hammond durchaus weiß, wovon er spricht. Schließlich kennt Kissenbeck nebenbei fast alle Fakten, Daten, Zusammenhänge und Noten, die den Jazz zur Wissenschaft erheben. An der Hochschule für Musik Würzburg fungiert er als Lehrbeauftragter für Jazzpiano und an der Musikhochschule Münster als Dozent für Musiktheorie. Darüber hinaus verfasste der Doktor der Musikwissenschaften (Dissertationsthema: „Diastematische Aspekte der Jazzimprovisation“) mit „Jazztheorie I & II“ (Bärenreiter-Verlag) zwei der wichtigsten deutschsprachigen Nachschlagewerke des Genres. Die akademische Seite eines Bauchmenschen.

„Wer wie ich ganz tief in die Theorie eingestiegen ist, der muss zwangsläufig auch ein Praktiker sein“, begründet der aus Bonn stammende Herrscher über alle Orgelregister sein spätes Coming out als Profi. Eigentlich habe er das sowieso schon immer gewollt. Doch erst die nach Ende des Studiums urplötzlich aufkeimende Erkenntnis, fortan nur mehr Schülern unliebsame Formeln ins Langzeitgedächtnis hämmern zu müssen, trieb ihn mitten hinein ins unkalkulierbare Abenteuer. „Ich dachte mir nur: Das kann’s doch nicht gewesen sein.“ Also schaffte der Mathematiker endlich Ordnung – in seinem Leben und in der Musik. Denn dass die Hammondorgel mehr als bloß ein kompliziertes Akademikerinstrument ist, wissen Dr. Andi Kissenbeck und Dr. Lonnie Smith am allerbesten.

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