RIP: Cassandra Wilson

Nach der fruchtbaren Zeit mit M-Base und sieben (!) eigenen Alben bei JMT in ebenso vielen Jahren, verließ Wilson die Nestwärme des avantgardistischen Kollektivs. Der Weg hatte sich bereits mit dem Standard-Album „Blue Skies“ (1988) abgezeichnet und führte nun über einen Vertrag mit Blue Note zum internationalen Durchbruch. Die dort erschienen Alben „Blue Light ’Til Dawn“ 1993 und „New Moon Daughter“ 1996 enthielten immer noch eigenes Songmaterial, das zunehmend von ihrer Wurzelsuche in New Orleans und westafrikanischen Sprichwörtern zeugte. Aber die meiste Aufmerksamkeit erregten ihre Interpretationen von Standards und Klassikern wie „Strange Fruit“ oder „Moon River“ sowie Songs von Hank Williams, Neil Young, Joni Mitchell oder Van Morrison.
1997 sang sie neben Jon Hendricks eine der Hauptrollen in Wynton Marsalis’ Großkomposition „Blood on the Fields“. Einem Album mit Jacky Terrasson folgte das Davis gewidmete „Travelling Miles“ 1999, eine Mischung aus eigenen Kompositionen, Interpretationen und Variationen über Themen aus der Discografie des Trompeters, von „Seven Steps“ bis „Cyndi Laupers „Time After Time“. Zum Teil schrieb Wilson Texte zu den instrumentalen Titeln. Spätestens damit hatte sie ihren Stil gefunden, eigene und fremde Kompositionen zu einem persönlichen „Great American Songbook“ aus Blues, Country, Gospel, Folk, Pop und Jazz zu verweben und gehört seitdem zum Hochadel des Vocal-Jazz. Sie gewann DownBeat-Polls und Grammys, erhielt den Titel „Jazz Master“ der NEA (National Endowment of the Arts) sowie Ehrendoktorwürden am Millsaps College (wo sie selbst „Theater Arts and Philosophy“ studiert hatte, bevor sie an der Jackson State University einen Abschluss in „Mass Communications“ machte), The New School und dem Berklee College of Music.
Auch als ihre Blue-Note-Zeit endete und ihre seltener werdenden Alben nicht mehr so hohe Wellen schlugen, hatte sie, als eine der letzten Diven, auf Festivals grundsätzlich Headlinerstatus. Ihr letztes Album „Coming Forth By Day“, abermals eine Sammlung von geschmackvoll arrangierten Standards, erschien 2015. In einer Erklärung ihres Managers Robert Torre gegenüber dem Radiosender WBGO heißt es: „Mit tiefer Trauer geben wir den Tod von Cassandra Wilson, der Grammy-prämierten und legendären Jazzmusikerin, bekannt. Cassandra ist friedlich im Kreis ihrer Familie, enger Freunde und ihres Managers verstorben. Ihre Familie und engen Freunde bitten in dieser schweren Zeit um Wahrung ihrer Privatsphäre.“
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