RIP: Nicolas Simion

In dieser Zeit reisten Simion, der Fotograf Christoph Giese und ich also nach Rumänien, um mit einigen Protagonist:innen des rumänischen Jazz zu sprechen. Musiker:innen waren darunter, wie der Bassist Johnny Răducanu, die Sängerin Anca Parghel oder die Pianisten János „Jancy“ Körössy und Mircea Tiberian, der ein enger Freund von Nicolas war, aber auch Veranstalter:innen, Journalist:innen und andere Akteur:innen. Wir trafen auf eine traumatisierte Gesellschaft – durch das strikte Regime Ceaușescus ebenso, aber vor allem durch die entbehrungsreichen Nach-Wende-Jahre. Bald schon stellte sich heraus, dass sich die These vom Jazz als Musik des Widerstands auch in Rumänien zu Zeiten der kommunistischen Diktatur nicht halten ließ. Das Gros der rumänischen Jazzmusiker:innen war während der Ceaușescu-Jahre entweder unter dem Wahrnehmungsradar der politischen Nomenklatur oder hatte sich mit dem Regime arrangiert. Am Schluss unserer Reise kamen wir auch nach Dumbrăvița, einem Dorf unweit von Brașov. Dort standen wir vor Nicolas’ Elternhaus, auf das er zeigte und laut sagte: „Hier bin ich nicht nur aufgewachsen, hier wurde ich auch geboren.“
Als Simion Ende 1988 über Ost-Berlin und Warschau nach Wien flüchtete, hatte er sich in Rumäniens Jazzszene längst einen Namen als wendig spielender Saxofonist und raffiniert schreibender Komponist gemacht. Doch das repressive System Ceaucescus zwang ihn, seine Heimat zu verlassen und im Westen neu anzufangen. In Österreichs Hauptstadt traf er bald mit Harry Sokal zusammen, spielte mit dem Gitarristen Wolfgang Muthspiel und lernte die Amerikaner Art Farmer und vor allem Mal Waldron kennen, der ihn für sein Quartett engagierte. Nach seinem Umzug nach Köln begann Simion, sich intensiv mit der Folklore vom Balkan auseinanderzusetzen und nach Möglichkeiten einer Fusionierung mit Jazz und improvisierter Musik zu suchen. Dabei ging es Simion weniger darum, Folklore zu verjazzen oder dem Jazz ein volksmusikalisches Gepräge zu geben. Vielmehr brachte er mit seinen verschiedenen Bands die ungeraden Metren der Folklore seiner Heimat ebenso zum Swingen wie er deren modale Klänge komplex auflud. Er komponierte Ballett- und Orchestermusik, gründete 2004 seine eigene Plattenfirma 7 Dreams Records und wurde 2015 mit dem WDR Jazzpreis in der Kategorie „Improvisation“ ausgezeichnet. In letzter Zeit war Simion wieder oft in Rumänien anzutreffen, wo er so etwas wie Mentor für die junge Szene rumänischer Musiker:innen geworden ist. In der Nacht vom 29. auf den 30. August ist Nicolas Simion nach einem Konzert in Brașov 67-jährig an einem Herzinfarkt gestorben.
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