RIP: Nicolas Simion

Nicolas SimionNicolas Simion2007 bekam der in Köln lebende, rumänische Saxofonist und Komponist Nicolas Simion vom staatlichen Kulturinstitut Rumäniens Gelder, um Musikjournalist:innen aus Deutschland und Europa zum Jazzfestival nach Brașov einzuladen. Damals nutzte ich die Gelegenheit, nicht nur das Festival in der Stadt in den rumänischen Karpaten kennenzulernen, sondern diskutierte mit Simion auch die Möglichkeit, eine Recherchereise durch Rumänien zu organisieren und für eine Reportage über Jazz in diesem Balkanstaat zu recherchieren. Das war damals eine spannende Zeit in Rumänien. Viele Kulturschaffende beschäftigten sich mit der blutigen Revolution im Dezember 1989, mit der das kommunistische Regime Nicolae Ceaușescus gestürzt wurde – wie zum Beispiel der Spielfilm „4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage“ des Filmemachers Cristian Mungiu. Gleichzeitig wurde in der Zeit publik, dass einige Aktivist:innen dieses Umsturzes auch informelle Mitarbeiter:innen der gefürchteten Geheimpolizei Securitate waren.

In dieser Zeit reisten Simion, der Fotograf Christoph Giese und ich also nach Rumänien, um mit einigen Protagonist:innen des rumänischen Jazz zu sprechen. Musiker:innen waren darunter, wie der Bassist Johnny Răducanu, die Sängerin Anca Parghel oder die Pianisten János „Jancy“ Körössy und Mircea Tiberian, der ein enger Freund von Nicolas war, aber auch Veranstalter:innen, Journalist:innen und andere Akteur:innen. Wir trafen auf eine traumatisierte Gesellschaft – durch das strikte Regime Ceaușescus ebenso, aber vor allem durch die entbehrungsreichen Nach-Wende-Jahre. Bald schon stellte sich heraus, dass sich die These vom Jazz als Musik des Widerstands auch in Rumänien zu Zeiten der kommunistischen Diktatur nicht halten ließ. Das Gros der rumänischen Jazzmusiker:innen war während der Ceaușescu-Jahre entweder unter dem Wahrnehmungsradar der politischen Nomenklatur oder hatte sich mit dem Regime arrangiert. Am Schluss unserer Reise kamen wir auch nach Dumbrăvița, einem Dorf unweit von Brașov. Dort standen wir vor Nicolas’ Elternhaus, auf das er zeigte und laut sagte: „Hier bin ich nicht nur aufgewachsen, hier wurde ich auch geboren.“

Als Simion Ende 1988 über Ost-Berlin und Warschau nach Wien flüchtete, hatte er sich in Rumäniens Jazzszene längst einen Namen als wendig spielender Saxofonist und raffiniert schreibender Komponist gemacht. Doch das repressive System Ceaucescus zwang ihn, seine Heimat zu verlassen und im Westen neu anzufangen. In Österreichs Hauptstadt traf er bald mit Harry Sokal zusammen, spielte mit dem Gitarristen Wolfgang Muthspiel und lernte die Amerikaner Art Farmer und vor allem Mal Waldron kennen, der ihn für sein Quartett engagierte. Nach seinem Umzug nach Köln begann Simion, sich intensiv mit der Folklore vom Balkan auseinanderzusetzen und nach Möglichkeiten einer Fusionierung mit Jazz und improvisierter Musik zu suchen. Dabei ging es Simion weniger darum, Folklore zu verjazzen oder dem Jazz ein volksmusikalisches Gepräge zu geben. Vielmehr brachte er mit seinen verschiedenen Bands die ungeraden Metren der Folklore seiner Heimat ebenso zum Swingen wie er deren modale Klänge komplex auflud. Er komponierte Ballett- und Orchestermusik, gründete 2004 seine eigene Plattenfirma 7 Dreams Records und wurde 2015 mit dem WDR Jazzpreis in der Kategorie „Improvisation“ ausgezeichnet. In letzter Zeit war Simion wieder oft in Rumänien anzutreffen, wo er so etwas wie Mentor für die junge Szene rumänischer Musiker:innen geworden ist. In der Nacht vom 29. auf den 30. August ist Nicolas Simion nach einem Konzert in Brașov 67-jährig an einem Herzinfarkt gestorben.

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Nicolas Simion

Text
Martin Laurentius
Foto
Christoph Giese

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Deutsches Jazzfestival Frankfurt 20026