Ensemble Modern: Film-Doku

Ensemble ModernEnsemble ModernDie Frage im Titel dieses Dokumentarfilms über das Ensemble Modern, „Why We Play“, stellt sich einem auch dann nicht, wenn man diese Doku bis zu Ende gesehen hat. Nach den 104 Minuten über dieses international renommierte, 1980 mit einem Konzert im Kölner Deutschlandfunk gestartete Solist:innen-Ensemble für aktuelle, neue und zeitgenössische Musik weiß man allerdings vieles über die insgesamt 18 Instrumentalist:innen und ihr Arbeitsumfeld. Mit fünf Momentaufnahmen von Probenphasen und Konzerten bekommt man einen tiefen Einblick in den weitverzweigten Klangkosmos des Ensemble Modern, das seit 1985 seinen Sitz in der Schwedlerstraße im Frankfurter Ostend hat. Und wenn man den Schuttberg mit Vorurteilen über Neue Musik beiseite geräumt hat – zu kompliziert, zu komplex, zu intellektuell, zu ernst, zu schräg, zu elitär, zu schwierig –, lernt man ein Orchester mit seinen Musiker:innen kennen, die ihr Arbeitsleben selbst organisieren und sich Gedanken darüber machen, neue Wege in der Aufführung und Produktion von Neuer Musik zu suchen.

Dem Regisseur Thorsten Schütte ist ein gleichermaßen eindringliches wie intimes Porträt dieses Ensembles für Neue Musik gelungen. In seinem Film zeigt er unaufgeregt, wie humorvoll die älteren und jüngeren Musiker:innen aus aller Herren Länder miteinander umgehen, wie angeregt sie diskutieren und sich auseinandersetzen. Er zeigt, wie die seit Jahrzehnten gleichberechtigt agierenden Mitglieder die verschiedenen Gewerke und Strukturen „ihres“ Ensemble Modern handhaben: mit einem breit aufgestellten Team unter der Leitung einer kaufmännischen und künstlerischen Geschäftsführung, mit regelmäßigen Mitgliederversammlungen, in denen die verschiedenen Projekte diskutiert und vorbereitet werden, mit dem Knüpfen von Verbindungen zwischen der eigentlichen Gruppe, dem Ensemble Modern Orchestra und der Internationalen Ensemble Modern Akademie.

Ueli WigetUeli WigetSchütte lässt den Violinisten Jagdish Mistry, seit 1994 Ensemble-Mitglied, erzählen, wie er seine Rolle als Künstler in eine immer mehr ausdifferenzierten Gesellschaft wahrnimmt. Oder er lässt den Pianisten Ueli Wiget, seit 1985 Ensemble-Mitglied, in seinem Köfferchen kramen, in dem sich allerlei Gerätschaften befinden, mit denen er den Flügel präparieren kann: verschieden große Hämmer und Schlegel beispielsweise, eine Billardkugel oder ein mit Sand gefüllter Strumpf – aber auch ein Dildo, mit dem er die Saiten zum Surren bringt. Und der Film bietet die Möglichkeit, den im Frebruar verstorbenen Posaunisten Uwe Dierksen, seit 1983 Ensemble-Mitglied, noch einmal wiederzusehen.

Schüttes Film zeigt aber auch, wie sehr das Ensemble Modern darum bemüht ist, die in der klassischen und Neuen Musik übliche Dichotomie von Werk und Aufführung, von Dirigat und Orchester aufzulösen. Im Mittelpunkt von „Why We Play“ stehen Probenphasen des Ensembles mit Werken der bekannten Komponist:innen Rebecca Saunders, Heiner Goebbels und Mark Andre, aber auch denen einer jüngeren Generation, Brigitta Muntendorf und Milica Djordjevic. Schütte tritt mit seiner leisen Bildsprache ganz nah an die Protagonist:innen heran, gleichzeitig stellt er oftmals Distanz her, um das Einmalige und Besondere der Arbeitsweise des Ensemble Modern herauszustellen.

Dietmar WiesnerDietmar WiesnerWenn sich Saunders in langwierigen Try-Outs von den Musiker:innen verschiedene Spieltechniken und Klangmöglichkeiten ihrer Instrumente erklären lässt, wenn in den Proben zum Stück von Djordjev das Schaben und Knarzen auf den Saiten von Streichinstrumenten zur Grundlage einer leisen Kammermusik wird oder Muntendorf eine Art audiovisuelles Singspiel, in dem sie die Ensemble-Mitglieder zwar als Engel verkleidet, diese aber mit ihren Langhaarperücken eher wie Heavy-Metal-Rocker aus den 1980ern aussehen lässt, als schrille Klangperformance inszeniert, dann lösen sich die Vorurteile über Neue Musik endgültig in Nichts auf und man erkennt, wie unterhaltend, wie emotional und intellektuell anregend zugleich dieses Genre doch sein kann.

Am Ende von Schüttes Film hat man also noch immer keine befriedigende Antwort auf die im Titel gestellte Frage. Doch man hat gelernt, dass das notierte Werk in der Neuen Musik keineswegs in Stein gemeißelt ist. Vielmehr wird es durch den Prozess intensiven Kommunizierens zwischen den Musiker:innen, den Dirigent:innen und Komponist:innen beständig verändert, weil stets Komponenten wie Form und Struktur zur Disposition gestellt werden. Nachdem „Why We Play“ Ende April beim Lichter Filmfest Frankfurt seine Premiere hatte und im Programm des DOK.fest München gezeigt wurde, läuft nun Schüttes Film über das Ensemble Modern am 11. Juni regulär in den Kinos an.

Weiterführende Links
„Ensemble Modern – Why We Play“

Text
Martin Laurentius
Foto
Amafilm, Andreas Wunderlich / Amafilm, Ebrahim Alfadhala

Veröffentlicht am unter News

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