Ornette Coleman @ 80

Dewey Redman (1931-2006) über New York Is Now! 1968

Ornette Coleman – New York Is Now! (Cover)

„New York Is Now!“ mit Ornette Coleman, Elvin Jones und Jimmy Garrison war meine erste Platte in New York. Es gab vorher zwei Proben, doch als ich dann ins Studio kam und mir klar wurde, mit wem ich da spielen würde, war ich so nervös, dass ich richtig zitterte. Jimmy sprach mit mir und beruhigte mich etwas. Ich glaube, wenn er das nicht getan hätte, hätte ich es einfach nicht gepackt, so nervös wie ich war. Das fällt mir immer zuerst ein, wenn ich an diesen Tag denke. Jedenfalls gelang es, die Platte aufzunehmen, und ich bin Jimmy immer noch dankbar. Bei dem Stück „And Now We Interrupt For A Commercial“ spürt man sehr gut Ornettes speziellen Humor; er hörte einfach auf zu spielen und ich machte diese Ankündigung. Später ist dieses Stück noch mal mit einem richtigen Sprecher aufgenommen worden. Ich hatte das Privileg, mit Ornette vier Jahre spielen zu können, mit Keith Jarrett spielte ich dann auch vier Jahre. Etwa neun Monate lang war ich immer abwechselnd eine Woche bei Ornette und bei Keith, das war mit die aufregendste Zeit meines Lebens, denn ich konnte nicht bei beiden auf die gleiche Art spielen. Eine jeweils andere Intonation und ein unterschiedliches Konzept waren erforderlich. Das war wirklich spannend: Keiths Musik wurde so gespielt, wie sie auf dem Blatt stand, doch bei Ornette spielten wir Abend für Abend immer wieder anders. Nie zählte er den Takt vorweg, und manchmal sagte er noch nicht einmal die Stücke an. Er fing einfach an zu spielen, und wenn du bei der zweiten oder dritten Note nicht deinen Einsatz fandest, konntest du es vergessen. Das war ein neues Konzept für mich, und gelegentlich machte es mich wahnsinnig.


Walter Norris über Something Else!!!! 1958

Ornette Coleman – Something Else (Cover)

Vier Jahre vor „Something Else!!!!“ hatte ich Ornette bereits bei verschiedenen Jam­-Sessions gehört, die damals in Los Angeles sehr populär waren. Doch mit ihm war das eine reine Katastrophe, da die Musiker ihn nicht tolerieren wollten und nach und nach die Bühne verließen, wenn er zu spielen begann. Damals saß ich noch im Publikum, doch einige Jahre später traf ich ihn wieder. Ich spielte gerade mit meinem Trio in einem Club, er stieg ein, und danach redeten wir über unsere Musik. Kurz darauf rief er mich an, er wollte, dass ich bei seiner ersten Platte Klavier spiele. Ich sagte ihm, dass ich nicht der richtige Pianist für seine Musik sei und dass ich ihm auch keinen anderen empfehlen könne. Ganz bestimmt nicht Thelonious Monk. Der Grund, dass ich so darüber spreche, hängt mit einem Problem zusammen, das jeder Pianist mit Ornettes natürlichem Stimmungsempfinden hat: Seine Stimmung ist nicht temperiert. Und Ornette ist so verschieden, als Musiker und als Mensch, er hat sich trotz allem eine beneidenswerte Unschuld bewahrt.

Wir probten mehrmals die Woche, fünf Monate lang, und Ornette und Don Cherry, die das ja schon seit geraumer Zeit zusammen machten, kamen zu jeder Probe mit neuen Ideen. Als Pianist war ich dafür zuständig, die Akkorde und Melodielinien zu notieren und von Mal zu Mal entsprechend zu ändern. Das war ein Musterbeispiel für den schöpferischen Prozess, noch am Tag der Aufnahmen haben wir viel geändert. Wir machten also die Aufnahme zu „Something Else!!!!“ und ich dachte, dass das auch der Endpunkt für jede Art von kommerziell erfolgreicher Karriere sein würde. Ich befürchtete, dass ich nie wieder verpflichtet werden würde. Heute mag Ornettes Musik vertraut klingen, damals war jeder schockiert. Wir hatten keine Auftritte und diese Musik wurde nie im Konzert aufgeführt. Verglichen mit „The Paris Concert“ (1965) kann man die Entwicklung seines Spiels sehr gut nachvollziehen.

Wenige Monate nach den Aufnahmen zu „Something Else!!!!“ waren Ornette Coleman und Don Cherry schon in New York. Mich hatten sie gar nicht gefragt, ich war damals jung verheiratet mit zwei Kindern. Ich hatte Ornette geraten, ein Quartett ohne Klavier zu führen, und für mich war die Sache mit den Plattenaufnahmen beendet. Er passte auch nicht in die Bands der anderen Musiker, da fehlte die Chemie. Wenn man so einzigartig ist, wie Ornette es damals war, braucht man eine eigene Band.


Pat Metheny über Song X 1985

Ornette Coleman – Song X (Cover)

In meinem damaligen Übungsraum haben Ornette und ich drei Wochen lang geprobt, bevor wir „Song X“ aufnahmen. In der letzten Woche stieß Denardo hinzu, Jack DeJohnette und Charlie Haden kamen erst ein, zwei Tage vor den Aufnahmen. Das ganze Projekt war ja von mir sehr egoistisch gedacht, denn ich wollte damit vor allem Ornette und Charlie wieder zusammenbringen. Sie hatten etwa zehn Jahre nicht zusammengespielt, und ich liebe Ornette, doch was ich wirklich mag, ist, wenn Ornette und Charlie zusammen spielen. Charlie hört ganz tief drinnen, was Ornette meint. Und nur er ist eigenständig, intuitiv und unmittelbar in der Lage, Ornettes Musik eine neue Stimme hinzuzufügen. Die besten Augenblicke auf „Song X“ sind für mich nicht die Soli, sondern jene Momente, wenn drei melodische Linien sich zu einem großen Klang ergänzen. Genau das fehlte mir in Ornettes Prime­-Time-­Zeit. Da gab es auch sehr viele Stimmen, doch es klang meist sehr zufällig. Und im Unterschied zu so einigen Musikern aus jenen Tagen ist Charlie in der Lage, wirklich auch zu hören, was vor sich geht. Ornette notiert seine Songs ja durchaus ungewöhnlich, er skizziert die Abstände zwischen den Tönen und spielt normalerweise einen wiedererkennbaren Rhythmus. Charlie und ich haben darunter ein harmonisches Feld geschaffen, das ein Eigenleben innerhalb von Ornettes Musik entwickeln konnte, ohne seine Ideen zu reduzieren. Das war für mich das Schlüsselerlebnis von „Song X“. Ornette beschreibt Akkordfolgen ja auf eine sehr exzentrische Art, der nur sehr wenige folgen können. Ich weiß nicht, was er tatsächlich meint, wenn er über einem F-­Du-r­Akkord mit großer Septime doziert. „Kathelin Gray“ ist ein gutes Beispiel dafür, wie Charlie und ich Akkordfolgen entwickelt und gespielt haben. Es ist Ornettes Idee, er brachte die Melodie, doch weil ich während der Proben Akkordsymbole dazu schrieb, ist es heute vielen Musikern möglich, diese Melodie als Stück zu spielen. „The Good Life“ hat eine Form, in der selbst Ornette es bei dieser Aufnahme spielt, die er aber sonst nie in seiner Musik akzeptieren würde. Das macht diese Platte so einzigartig. Wir haben damals viele Konzerte zusammen gespielt, und ich habe alles aufgenommen.

Covered Coleman

Ornette’s Originals By Others

Jackie McLean Old Gospel
Charlie Haden Quartet West The Good Life
Bobby Mcferrin & Chick Corea Blues Connotation
Freda Payne Lonely Woman
Jack Wilson feat. Roy Ayers The Sphinx
Bobby Hutcherson Una Muy Bonita
Phineas Newborn The Blessing
David Sanborn Ramblin‘
Bruce Hornsby Questions And Answers

Zusammenstellung Götz Bühler

Text
Christian Broecking, Guenter Hottmann, Götz Bühler
Foto
Arne Reimer, Nomo michael hoefner / www.zwo5.de (Own work) [CC-BY-3], via Wikimedia Commons

Veröffentlicht am unter 110, Feature, Heft

Michael Wollny