Pit Huber

Songtexte sind in der Regel eine eintönige Sache. Ob bei Robert Schumann („Da ist in meinem Herzen die Liebe aufgegangen“), den Beatles („Remember to let her into your heart“) oder Xavier Naidoo („Gib mir mein Herz zurück“): Ständig dreht sich fast alles nur um das Eine. Beginnende Liebe, vergehende Liebe, erwiderte Liebe, unerwiderte Liebe. Der große hormonelle Wahn regiert die Musik.
 
Doch zum Glück gab es die Tin Pan Alley, die Straße der Philosophen. Dort arbeiteten Songtexter mit Bildung und eigener Bibliothek und trugen nicht umsonst Ehrennamen wie „the scholar“ oder „the encyclopedia“. In ihren Songs wussten sie über Wichtigeres zu schreiben als über die hormonellen Irrwege des Trivialen. Und weil sie sich mit so ernsthaften Themen beschäftigten, lebten sie meist auch allein und waren Meister darin, sich ihr Spiegelei selbst in die Pfanne zu schlagen. Daher der Name „Tin Pan Alley“.
 
Ihre Bildungs-Ergüsse, die zu Jazz-Standards wurden, ersetzen noch heute so manchen Volkshochschulkurs. Da erfährt man, dass in Paris im Frühling die Kastanien blühen und dass es sogar auf dem Mars Jahreszeiten gibt. Dass auch die Austern getrenntgeschlechtliche Lebewesen sind, dass es in Spanien öfter mal zu Revolutionen kommt und dass in Österreich gerne ein Schnitzel mit Nudeln gegessen wird.
 
Vor allem in der Geografie leistete die Tin Pan Alley viel für die Erwachsenenbildung. Laut Cole Porter wohnen in Amsterdam die Holländer und kommen siamesische Zwillinge alle aus einem Land namens Siam. Schon ein kleiner Blues wie „Route 66″ kann dem USA-Touristen praktisch den Rand McNally ersetzen. Kein Wunder, dass man die Jazz-Standards ehrfurchtsvoll das GREAT American Songbook nennt.
 
Ganz besonders am Herzen lag den großen Song-Veredlern natürlich die Musik. Einzig beim gelehrten Ira Gershwin kann man noch erfahren, dass Friedrich der Große im 18. Jahrhundert bereits ein Fan des Strauß-Walzers war, einer übrigens typisch preußischen Spezialität: „With waltzes we’ll build up the Empire!“ Cole Porter hat noch tiefer geforscht und sogar unbekannte Werke des Walzerkönigs entdeckt, darunter „a symphony by Strauß“.
 
Im gleichen Songtext erhob der vielseitig gebildete Porter übrigens den Verpackungskunststoff Zellulosehydrat (Cellophan) zur zeitgemäßen Edelstoff-Metapher: „You‘re the National Gallery, you‘re Garbo’s salary, you‘re cellophane!“ Das hat manchen Sänger ganz schön aus der Fassung gebracht. Zum Beispiel wenn er dann an einen Text von Spencer Williams geriet und nicht recht wusste, wie man in „strains of a mellow cello“ das „cello“ auszusprechen habe. Handelte es sich etwa um gespannte Verpackungsfolie? War die hier beschriebene „sweet music“ vielleicht das Knistern von Cellophan? Denn zweifellos würde ein solches Geräusch unter einen avantgardistisch erweiterten Begriff von musikalischer Materialerfahrung fallen. Auch über diese musikphilosophischen Dinge wissen wir Bescheid – dank eines Songtexts von Frank Loesser: „The rattle of the milkman on the stair: sure, that’s music, mighty fine music.“
 
Pit Huber

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