RIP: Cassandra Wilson

Cassandra WilsonCassandra WilsonAm 2. September starb im Alter von 70 Jahren die Sängerin Cassandra Wilson – und mit ihr eine der stärksten Stimmen und Persönlichkeiten im Jazz. Geboren als Cassandra Fowlkes am 4. Dezember 1955 in Jackson, Mississippi, lernte sie Gitarre und Piano und trat in New Orleans bereits als Sängerin auf, bevor sie mit ihrem damaligen Ehemann Anthony Wilson nach New York zog. Dort wurde sie Teil des progressiven M-Base-Kollektivs um die Saxofonisten Steve Coleman und Greg Osby sowie Drummer Marvin „Smitty“ Smith, mit denen sie auch in Europa auf sich aufmerksam machte. Das Album „No Good Time Fairies“ der Steve Coleman Group erschien mit Wilson als Sängerin 1985 auf dem Münchner Label JMT, wo sie im darauffolgenden Jahr auch ihr erstes Album unter eigenem Namen veröffentlichte: „Point of View“, unter anderem mit Coleman am Alt, Lonnie Plaxico am Bass und Jean-Paul Bourelly als Gitarrist. Wilson erweiterte deren urbanen, polyrhythmischen New Yorker Stil mit ihrem warmen Kontraalt und Südstaaten-Timbre um eine nicht unerhebliche Dimension. Mit „Blue in Green“ hatte sie bereits einen Titel von Miles Davis im Programm. 1989 eröffnete sie für Davis bei einem seiner letzten Auftritte auf dem JVC Jazz Festival in Chicago.

Nach der fruchtbaren Zeit mit M-Base und sieben (!) eigenen Alben bei JMT in ebenso vielen Jahren, verließ Wilson die Nestwärme des avantgardistischen Kollektivs. Der Weg hatte sich bereits mit dem Standard-Album „Blue Skies“ (1988) abgezeichnet und führte nun über einen Vertrag mit Blue Note zum internationalen Durchbruch. Die dort erschienen Alben „Blue Light ’Til Dawn“ 1993 und „New Moon Daughter“ 1996 enthielten immer noch eigenes Songmaterial, das zunehmend von ihrer Wurzelsuche in New Orleans und westafrikanischen Sprichwörtern zeugte. Aber die meiste Aufmerksamkeit erregten ihre Interpretationen von Standards und Klassikern wie „Strange Fruit“ oder „Moon River“ sowie Songs von Hank Williams, Neil Young, Joni Mitchell oder Van Morrison.

1997 sang sie neben Jon Hendricks eine der Hauptrollen in Wynton Marsalis’ Großkomposition „Blood on the Fields“. Einem Album mit Jacky Terrasson folgte das Davis gewidmete „Travelling Miles“ 1999, eine Mischung aus eigenen Kompositionen, Interpretationen und Variationen über Themen aus der Discografie des Trompeters, von „Seven Steps“ bis „Cyndi Laupers „Time After Time“. Zum Teil schrieb Wilson Texte zu den instrumentalen Titeln. Spätestens damit hatte sie ihren Stil gefunden, eigene und fremde Kompositionen zu einem persönlichen „Great American Songbook“ aus Blues, Country, Gospel, Folk, Pop und Jazz zu verweben und gehört seitdem zum Hochadel des Vocal-Jazz. Sie gewann DownBeat-Polls und Grammys, erhielt den Titel „Jazz Master“ der NEA (National Endowment of the Arts) sowie Ehrendoktorwürden am Millsaps College (wo sie selbst „Theater Arts and Philosophy“ studiert hatte, bevor sie an der Jackson State University einen Abschluss in „Mass Communications“ machte), The New School und dem Berklee College of Music.

Auch als ihre Blue-Note-Zeit endete und ihre seltener werdenden Alben nicht mehr so hohe Wellen schlugen, hatte sie, als eine der letzten Diven, auf Festivals grundsätzlich Headlinerstatus. Ihr letztes Album „Coming Forth By Day“, abermals eine Sammlung von geschmackvoll arrangierten Standards, erschien 2015. In einer Erklärung ihres Managers Robert Torre gegenüber dem Radiosender WBGO heißt es: „Mit tiefer Trauer geben wir den Tod von Cassandra Wilson, der Grammy-prämierten und legendären Jazzmusikerin, bekannt. Cassandra ist friedlich im Kreis ihrer Familie, enger Freunde und ihres Managers verstorben. Ihre Familie und engen Freunde bitten in dieser schweren Zeit um Wahrung ihrer Privatsphäre.“

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Cassandra Wilson

Text
Eric Mandel
Foto
Mark Seliger

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