Bio-Pic: Django - Ein Leben für die MusikDjango – Ein Leben für die Musik

Der Film eröffnet mit einer Szene im Wald. Ein Untertitel informiert über den Ort, Ardennen, und das Jahr, 1943. Während die Kamera auf einen Lagerplatz mit Wohnwagen schwenkt, hört man bereits die Musik, die ein blinder, alter Mann auf der Gitarre spielt und singt – und der von einem weiteren Gitarristen und einem Geiger begleitet wird. Die Kamera zieht den Fokus auf: Man sieht spielende Kinder und Frauen, die um ein Lagerfeuer stehen. Dann folgt die Kamera zwei Jungen, die lachend in den Wald laufen, um Feuerholz zu sammeln. Noch während die Kamera auf das Gesicht eines der beiden Jungen zufährt, schiebt sich eine Hand mit einer Pistole an dessen Schläfe: Man hört noch einen Schuss, dann folgt ein scharfer Schnitt zum Vorspann des Bio-Pics „Django – Ein Leben für die Musik“, einer wuseligen Szene in der Garderobe eines Pariser Konzertsaals (wahrscheinlich der Club Cygale), in der sich die Musiker des Django Reinhardt Quintetts für einen ausverkauften Auftritt umziehen. Ständig fragt irgendjemand, wo überhaupt Django sei. Irgendwann schlägt jemand vor, zur Seine zu laufen, weil Django dort wohl angeln würde. Schnitt: Man sieht den Rücken eines Mannes, der mit einer Angelschnur in der Hand am Ufer der Seine in Paris steht. Er dreht sich der Kamera zu – und man erkennt ihn sofort: Django Reinhardt. Lachend ignoriert er eine Weile lang das Drängen seines Musikers, der ihn überreden will, endlich zum Konzertsaal zu kommen, wo „sein“ Publikum aus Franzosen, deutschen Wehrmachtssoldaten und SS-Mitgliedern auf ihn, den Star dieses Abends, sehnsuchtsvoll wartet.

Es ist vor allem der Schauspielkunst von Reda Kateb zu verdanken, dass dieser biografische Spielfilm über den legendären Gitarristen zwei Stunden lang trägt. Kateb imitiert den 1910 geborenen Django Reinhardt nicht, er lebt ihn geradezu: diesen genial genialischen Gitarristen, einem Sinto, der weder schreiben noch Noten lesen kann, der aber als erster Europäer der swingenden Improvisationsmusik aus dem Süden der USA mit seinem „Jazz Manouche“ eine eigene, europäische Stilistik hinzufügt. Wenn er mit unvergleichlicher Arroganz seinem Mentor, dem deutschen Wehrmachtsoffizier Dietrich Schulz-Köhn (in der Orginalfassung heißt er Graf von Schulz), spöttisch beim Klavierspielen zuschaut, wenn er sich mit seinen Musikern über den Gastspielvertrag der Deutschen lustig macht, der bei den geplanten Konzerten im Kriegsdeutschland nur einen geringen Prozentsatz „Blue Notes“ und Swing fordert, wenn er mit seiner Geliebten seine schwangere Ehefrau betrügt oder beim Kartenspiel sein Geld verzockt: Dann erkennt man die Zerrissenheit des Protagonisten, aber auch seine Sensibilität und Tiefgründigkeit.

Django ReinhardtDjango Reinhardt

Ist der Pariser Teil von „Django – Ein Leben für die Musik“ mehr oder weniger historisch verbürgt, so verwebt der Regisseur Etienne Comar im zweiten Teil seines Regiedebüts geschickt die verschiedenen Legenden rund um den Fluchtversuch Reinhardts mit seiner Mutter und Ehefrau in die Schweiz. Comar bleibt fast die ganze Spanne seines Films im Jahr 1943, biografische Details aus Reinhardts übrigem Leben und Karriere erfährt man nur nebenbei. Denn es ist sein Ziel, den politischen Bewusstwerdungsprozess der Hauptperson in Szene zu setzen: von dem „reinen“ Künstler und Musiker, der erst in einem Dorf an der Grenze zur Schweiz politisch sensibilisiert wird, als er die Schrecken der Verfolgung durch die deutschen Besatzer hautnah miterlebt, die zum Beispiel die Wohnwagen von Verwandten des Sinto Reinhardt in Brand setzen, oder als er mit seinem Quintett bei einer Feier der Deutschen in einer Villa am Ufer des Genfer Sees spielen muss, während die Résistance unbeobachtet in einem Ruderboot einen abgeschossenen englischen Piloten in die Schweiz bringt. Ob Reinhardt selbst die Flucht über die verschneiten Berge in die Schweiz schafft, darüber schweigt sich der Film aus (tatsächlich wurde er aufgegriffen und nach Paris zurückgeschickt). Stattdessen sieht man nach einem Schnitt Django in einer Kirche stehen, in der er nach der Befreiung von Paris eine größere Besetzung mit Chor dirigiert: sein verschollenes Requiem, wie die Schlusssequenz informiert, mit dem er an die von den Deutschen ermordeten Sinti und Roma erinnern möchte, von dessen Partitur aber nur acht Takte übrig geblieben sind.

Der deutsche Kinostart von „Django – Ein Leben für die Musik“ ist am 26. Oktober. Gezeigt wird dieses berührende und erstklassig gespielte Bio-Pic auch im Rahmen des Festivals Enjoy Jazz am 29. Oktober, gefolgt von einem Konzert des Django Memorial Quartetts am Schlussabend, dem 11. November: mit dem Gitarristen Stochelo Rosenberg, der mit seinem Trio zudem die Filmmusik eingespielt hat. Auch der Jazzclub Hürth hat eine Vorführung geplant: am 12. November im Berli Theater in Hürth Berrenrath. Zwei Wochen vor dem offiziellen Kinostart verlosen wir zwei Mal das „Fanpaket“ zum Film, in dem eine zehn CDs umfassende Box mit Originalmusik ebenso zu finden ist wie zwei Kinokarten für „Django – Ein Leben für die Musik“. Schickt uns bis 22. Oktober eine Mail an redaktion@jazzthing.de – mit ein paar Sätzen über unseren wöchentlichen Jazz thing Newsletter. Viel Erfolg!

Trailer

Weiterführende Links
„Django – Ein Leben für die Musik“
Enjoy Jazz
Jazzclub Hürth

Text
Martin Laurentius
Foto
Roger Arpajou

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