Schafft zwei, drei, viele Ideen

[14.4.2020]

Hamburg (Stadtplan)

Feuer, die Luft riecht nach Rauch. Frühsommerliche Osterfeuer in Hamburg signalisieren das Nachlassen der Disziplin im Lockdown. Die anfänglich verbreitete Akzeptanz der persönlichen Distanzierung weicht einer wachsenden Spannung zwischen den beiden Umgangsweisen mit der lähmenden Ungewissheit. Während die einen sich ihre kleinen Freiheiten zurückerobern und scheibchenweise in den Normalmodus zurückfallen, überwachen andere – zunehmend gereizt – die Einhaltung aller Regeln des „Social distancing“.

Wo steht die Freie und Hansestadt in dieser Zeit des Virus? Es war ein merkwürdiges Erwachen, als die Hamburger Frühjahrsferien in der ersten Märzhälfte zu Ende gingen, und die eben noch gutgelaunten Urlauber plötzlich zu Rückkehrern aus dem Hochrisikogebiet geworden waren, beschwerdefreie Gefährder, ohne spürbaren Krankheitsdruck in die „freiwillige“ Selbstisolation gedrängt. Als eine Pandemie, die sich im Verborgenen aufbaut, etablierte Corona eine in sich widersprüchliche Wahrnehmung: Man weiß und glaubt begriffen zu haben, dass es sich um ein schwerwiegendes Problem handelt, doch, solange man nicht selbst betroffen ist, sei es als Teil der Erkrankung, sei es als Teil der Bemühung, sie zu kurieren, bleibt die Gefährdung abstrakt. Soweit alles wie überall.

Spürbar ist die Ruhe, die Schließung all der Orte, in der Unvorhersehbares geschieht, Kontakt, Kommunikation, Kultur. Auch in Hamburg ruht die Kultur. Nicht nur in den heiligen Hallen des Schönen-Guten-Wahren. Neben den großen Theater-, Kunst- und Konzerthallen sind die Zentren des eher plebejischen Vergnügens ebenso geschlossen: kein Hamburger Dom, kein Kino, keine Clubs.

Dass dem Virus das Musikleben fürs erste zum Opfer gefallen ist, ist in Hamburg keine Lappalie – hatte es sich die Stadt doch zum Ziel gemacht, sich als Musikstadt neu zu erfinden. Was nach der Abwanderung der deutschen Musikindustrie in Folge des Falls der Mauer auch bitter nötig war. Doch die Stadt hat einiges versucht. Sie hat sich eine schöne, neue Elbphilharmonie bauen lassen, die bisher außerordentlich vielseitig und erfolgreich wirkt. Im alten Flakbunker an der Feldstraße, der als Standort der britischen Radiostationen nach dem Zweiten Weltkrieg zu den Keimzellen des wieder erwachenden Musiklebens in Hamburg gehörte, sowie in dem Gründerzentrum gleich gegenüber auf dem früheren Gelände des früheren Schlachthofs sind mit Unterstützung der Stadt neue Zentren für vielfältige Aktivitäten zwischen Neuer Musik und neuer, pop-orientierter Musik entstanden.

Und auch im Bereich des Jazz hat sich die Infrastruktur verbessert. Nachdem das Birdland, fast 30 Jahre lang der einzige Club für modernen und zeitgenössischen Jazz in Hamburg, für einige Zeit die Tore geschlossen hatte, finden hier wieder regelmäßig Konzerte mit modernem Jazz statt. In einem alten Kraftwerkshaus, über das sich der gesichtslose Bau der Messeerweiterung stülpt, zelebriert eine Gruppe von jüngeren Musikern mit Affinität zu elektronischen Beats und Klängen einmal im Monat Grenzüberschreitendes. Die Jazz Federation Hamburg, die früher im Birdland ihr Zuhause hatte, betreibt nun ein regelmäßiges Programm mit örtlichen, überregionalen und internationalen Acts im Stage Club, einer Nebenspielstätte in einem der Musicalspielhäuser.

Die wöchentliche Programmreihe Fat Jazz, mit der der Saxofonist Gabriel Coburger vor bald 15 Jahren das Fenster öffnete für den aktuellen Jazz aus europäischen Jazzzentren wie Berlin, Kopenhagen und Köln, hat ein passendes Domizil in der Nachbarschaft der Laeiszhalle gefunden, und jeden Montag spielt ein junges Ensemble – meist aus dem Umfeld des Jazzstudiengangs an der Musikhochschule – im Hafenbahnhof an der Elbstraße. Und der Jazzstudiengang an der Hochschule für Musik und Theater, der in den vergangenen Jahren in aller Stille Schritt für Schritt gewachsen ist, setzte gerade zu einem größeren Sprung an, der Neubau einer Jazzhall mit hochkarätigen Konzerten mit Alsterblick auf dem Gelände der Musikhochschule soll die Sichtbarkeit und Relevanz des Jazz in Hamburg fundamental verbessern. Die Eröffnung war für diesen Herbst vorgesehen.

Doch dann setzte der Virus alle Planungen außer Kraft. Und nun? Sitzt der Jazz zu Hause, isoliert. Oder im eigenen Studio. Übt. Keine Auftritte, kein Zusammenspiel, keine Interaktion. Keine Einnahmen. Macht sich Sorgen, wie lange er das durchstehen kann. Manche schreiben auch. Komponieren. Viele tun das. Aber was geschrieben ist, will gespielt werden, schon um zu hören, wie es klingt. Manche denken darüber nach, wie sie das Publikum mit neuer Musik versorgen können. Denken über Clips und Live-Streams nach. Fantasie ist nun gefragt, Kreativität auf dem Gebiet der Verwandlung von Musik in Einkommen.

Vielleicht geben Musiker aus der NDR Bigband ein gutes Beispiel, die in Duo-Konstellationen mit jeweils eine*m Musiker*in aus der freien Szene Clips einspielten, die man sich nun im Internet ansehen kann. Sofern die freien Musiker*innen angemessen honoriert werden, wäre dies vielleicht ein Anfang, ein zartes Pflänzchen.

Doch benötigt werden zwei, drei, viele Pflänzchen. Mal sehen, was daraus wächst.

Text
Stefan Hentz
Foto
openstreetmap.org (CC BY-SA)

Veröffentlicht am unter viral/postviral

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