Moers: Analoges Online-Festival

Köln (Stadtplan)

Nach der ersten, etwas missglückten Pressekonferenz vor einem Monat am 25. März, als das Programm des 49. moers festivals vorgestellt wurde, ohne dass auch nur ein Wort über den Lockdown oder über eine mögliche Absage des Festivals verloren worden war, gab man sich hinterher bei den Organisatoren etwas reumütig und ruderte zurück. Mehr noch: Man lud erneut zur Pressekonferenz ein, die auch diesmal als Videostream über die Facebook-Seite ausgestrahlt wurde. Es gab sicherlich nicht wenige, die erwartet hatten, dass sich der künstlerische Leiter Tim Isfort der Realität des Lockdown mit seinem Veranstaltungsverbot bis Ende August stellen und die Absage bekanntgeben würde – so wie vergangenen Freitag, als viele, auch große und bedeutende Jazzfestivals in Deutschland, Österreich und der Schweiz für den Sommer abgesagt haben, etwa JazzOpen Stuttgart, das Jazzfestival Saalfelden oder das Montreux Jazz Festival.

Die Kulisse der Pressekonferenz war dieses Mal weit weniger surreal als beim letzten Mal. Isfort kam aus einem Nebenraum ins Zimmer, zog sich seinen Laborkittel aus, legte diesen auf einen Stuhl und nahm hinter seinem Schreibtisch Platz, wo er sich ganz „staatsmännisch nüchtern“ gab. Fast schon Tradition sind die dadaistisch anmutenden Text-Einblendungen auf einer Leinwand im Hintergrund, auf dem Tisch vor Isfort standen lauter „Miss Unimoers“-Figuren als eine Art „moerschandising“ herum. „Seit ein paar Wochen wissen wir, dass wir dieses Jahr kein normales Festival haben werden. Auf der ersten Pressekonferenz haben wir ein Programm vorgestellt, das noch immer zu 96 Prozent existiert. Das fällt jetzt unter den Tisch“, beginnt Isfort lakonisch die Pressekonferenz. „Natürlich haben wir an einem Plan B gearbeitet, schon sehr, sehr lange. Der ist fast schon genauso umfangreich wie Plan A.“ Er redet weiter von einem Seeungeheuer, das zurzeit sein Unwesen treibt, und von den vielen anderen Festivals, die sich deshalb einen sicheren Hafen gesucht haben. „Wir haben das nicht getan. Wir haben unser Schiff rausgeschickt auf die tobende See, mit ,Miss Unimoers‘ als Kapitänin. Ob das Abenteuer glücken wird, entscheiden wir alle zusammen – entscheidet ihr vor den Bildschirmen!“

D.h., dass das moers festival 2020 als Online-Festival stattfinden soll – allerdings nicht in einer Streaming-Variante, wie man vielleicht vermutet hätte. Alle Bands und Musiker*innen sollen tatsächlich live vor Ort in der moers-Festivalhalle auftreten – allerdings ohne Publikum, aber mit allen Sicherheitsvorkehrungen und Schutzmaßen, die angesichts der Corona-Pandemie gefordert sind. Diese Konzerte werden entweder live oder als Mitschnitte über die Festivalsite oder die von Arte.Concert ausgestrahlt.

„Es gibt Reisebeschränkungen, und wir möchten kein Risiko eingehen“, sagt Isfort weiter. „Wir haben zum Beispiel Respekt vor Künstler*innen, die älter sind und zur Risikogruppe gehören – und deshalb nicht anreisen möchten.“ Dennoch hat es nur wenige Absagen von Künstler*innen gegeben, die ursprünglich aus Plan A für das Festival an Pfingsten 2020 vorgesehen waren. John Zorn zum Beispiel wolle grundsätzlich nicht, dass seine Musik im Internet gestreamt werde, so Isfort. Irène Schweizer fühle sich wiederum zu alt, um die Strapazen der Reise und die Gefahr einer Ansteckung auf sich zu nehmen. Natürlich steht und fällt das Programm damit, ob und inwieweit man wieder an den vier Pfingsttagen reisen darf oder nicht. Die Festival- und Facebook-Seite informieren regelmäßig über den Stand des Programms dieses „analogen“ Online-Festivals.

Text
Martin Laurentius
Foto
openstreetmap.org (CC BY-SA)

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