RIP: Stanley Crouch

Stanley CrouchStanley Crouch„Jazz ist die höchste amerikanische Musikform, weil sie umfassend ist und einen epischen Rahmen aus emotionalem und intellektuellem Bezug, sinnlicher Klarheit und spiritueller Ausstrahlung besitzt“, schrieb Stanley Crouch einmal. „Anforderungen an und der Respekt für den Einzelnen in einer Jazzband setzen Demokratie in ästhetisches Handeln um. Der Erfolg des Jazz ist ein Sieg für die Demokratie und ein Symbol für die ästhetische Würde, die tatsächlich spirituell ist – und die Künstler erreichen und zum Ausdruck bringen können, wenn sie Musik erfinden und sich der Herausforderung des Moments stellen.“

Crouch, am 14. Dezember 1945 in Los Angeles geboren, hat nur selten mit seiner Meinung hinterm Berg gehalten. Schon als 20-Jähriger schrieb er radikale Prosa-Texte und militante, vom Jazz inspirierte Lyrik angesichts der sechstägigen „Watts Riots“ 1965 in Los Angeles. Ein Schlachtruf dieser Unruhen, „Ain’t no ambulances for no nigguhs“, wurde 1972 auch der Titel eines seiner frühen Gedichtbände. Zudem gehörte er bis 1967 der „Watts Repertory Theater Company“ unter der Leitung der Dichterin Jayne Cortez an, 1968 war er „Poet in Residence“ am Pitzer College und unterrichtete bis 1975 Literatur und Theater am Pomona College im kalifornischen Claremont.

Anfang der 1970er machte Crouch auch als Schlagzeuger von sich Reden und gründete mit dem Saxofonisten David Murray die Band Black Music Infinity. 1975 zog er nach New York, wo er anfangs noch als Schlagzeuger arbeitete und unter anderem auf Murrays Album „Flowers For Albert“ zu hören war. Bis 1988 war er Autor und Redakteur der New Yorker „Village Voice“, seine dort publizierten, oft umstrittenen Kolumnen fasste er 1990 in dem Buch „Notes Of A Hanging Judge“ zusammen, das vom „Encyclopedia Britannica Yearbook“ als beste Essay-Sammlung des Jahres bezeichnet wurde.

In den 1980ern lernte er den damals jungen Trompeter Wynton Marsalis kennen. Crouch wurde dessen Mentor, später auch so etwas wie der Chefideologe für dessen konservative Jazzhaltung. Gemeinsam brachten sie Jazz At Lincoln Center an den Start, das mittlerweile mit seinen Konzertsälen und einem eigenen, von Marsalis geleiteten Orchester in den USA zur Jazzinstitution geworden ist. In dieser Zeit war er auch Fürsprecher für die „Young Lions“, die sich rund um Marsalis versammelt hatten. Zudem wurde Crouch künstlerischer Berater für Jazz At Lincoln Center, gehörte zum Beirat für die TV-Doku „Jazz“ von Ken Burns und schrieb weiterhin Essays, Kolumnen (unter anderem für das amerikanische Magazin „JazzTimes“) und Bücher. Dafür bekam er den „Genius Grant“ der „Mac Arthur Foundation“, 2009 wurde er zum Direktor der „Louis Armstrong Educational Foundation“ ernannt.

Bis zuletzt blieb Crouch streitbar, nur selten ging er einer Kontroverse aus dem Weg. Das „JazzTimes“-Magazin entließ ihn zum Beispiel als Autor, nachdem er sich in seinem Essay „Putting The White Man In Charge“ über die Rolle der weißen Jazzkritiker in den USA ausgelassen hatte: „Their job, they believe, is to speak up for the exotic Negro or use that Negro as a weapon against their own middle-class backgrounds or make that Negro into a symbol of their desire to do something bold, wild and outside of convention“, schrieb er provokant. Stanley Lawrence Crouch ist am 16. September im Alter von 74 Jahren in New York gestorben.

Text Martin Laurentius

Text
Christian Broecking, Stefan Franzen, Martin Laurentius & Rolf Thomas

Foto
Christian Broecking

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