RIP: Annie Ross

Lambert, Hendricks & Ross-'Sing-A-Song-Of-Basie'Lambert, Hendricks & Ross-‘Sing-A-Song-Of-Basie‘Dieses Vokaltrio war nicht das erste, das Ende der 1950er-Jahre mit dem Vokalisieren von Instrumental-Jazz-Soli erfolgreich war. Schon einige Jahre zuvor konnte zum Beispiel der Sänger King Pleasure mit der vokalen Bearbeitung von James Moodys Saxofonsolo in „In The Mood For Love“ einen Hit landen. Doch für die Vokalarrangements von Count-Basie-Stücken für das Album „Sing A Song Of Basie“ von Lambert, Hendricks & Ross 1957 fand der Jazzkritiker Leonard Feather den treffenden Begriff „Vocalese“, der seitdem sowohl für diese Art der vokalen Arrangements als auch für den Vokalstil selbst verwendet wird. Dieses Trio mit den beiden Amerikanern David Lambert und Jon Hendricks und der gebürtigen Engländerin Annie Ross machte bis 1962 „Vocalese“ zur Kunstform, ihre Lyrics waren gleichermaßen intelligent wie humoristisch und ironisch und sie wurden so Vorbild für viele späteren Vokalgruppen – wie zum Beispiel The Manhattan Transfer.

Ross, 1930 als Annabell Short Lynch in der Nähe von London geboren, hatte schon fünf Jahre vorher erfolgreich mit der Gesangstechnik gearbeitet. 1952 war sie nach New York gezogen, wo sie für Dizzy Gillespies Label Dee Gee Records den Song „Twisted“ aufnahm, für den sie das Saxofonsolo von Wardell Grey vokalisiert hatte. 1959 gehörte Ross dann zum zehnköpfigen Background-Chor, mit dem Lambert und Hendricks ursprünglich „Sing A Song Of Basie“ aufnehmen wollten. Weil das zu aufwendig war, machten sie als Lambert, Hendricks & Ross weiter. Bis zum krankheitsbedingten Ausstieg der Sängerin 1962 war dieses Trio mit seinem Gesangsstil weltweit erfolgreich – mit Plattenproduktionen ebenso wie live auf der Bühne. Danach ging Ross zurück nach London. Mit Hendricks kam sie noch einmal zusammen, als die beiden mit Georgie Fame bei den Berliner Jazztagen 1968 auftraten. 1985 zog es Ross wieder in die USA, wo sie als Schauspielerin arbeitete (unter anderem für Robert Altmans „Short Cuts“), aber auch weiter als Jazzsängerin auftrat – bis ins hohe Alter sang sie beispielsweise regelmäßig im Metropolitan Room in New York. Vier Tage vor ihrem 90. Geburtstag ist Annie Ross am 21. Juli in Manhattan gestorben.

Text
Christian Broecking, Stefan Franzen, Martin Laurentius & Rolf Thomas

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