Am 21.4. gestorben: PrincePrinceVergangene Woche wurde auf Youtube ein gut sechsminütiger Videoclip von 2004 hochgespült, als eine George-Harrison-Tribute-Band mit Tom Petty an der Spitze sich vor dem 2001 verstorbenen Ex-Beatle musikalisch verneigte. Harrison wurde damals posthum in die „Rock‘n’Roll Hall Of Fame“ aufgenommen und die Band coverte anlässlich der Gala einen seiner Klassiker, „While My Guitar Gently Weeps“: nicht schlecht gespielt, mit einem hübschen Satzgesang der beteiligten Akteure, aber als Country-Rock etwas zauselig brav interpretiert. Das biedere Szenario änderte sich schlagartig, als Prince die Bühne betrat. Mit der Telecaster-Gitarre hob er den Song auf ein höheres Energielevel, als Sounddramaturg konterte er den oft gefälligen Klangteppich, ließ die Gitarre jaulen und fiepen, experimentierte mit den Ausdrucksmöglichkeiten seines Instruments. Und Prince war anders als die restlichen Musiker auf der Bühne vor allem: cool und hip zugleich. Das demonstrierte er mit seinem hell-purpurrotem Hut und gleichfarbigem Hemd, mit seiner regungslosen Mimik während seines Gitarrensolos und dem eigenwillig zitierten Zelebrieren des Zeitgeists vom Ende der 1960er-Jahre: als er mit einer lässigen Geste seine Gitarre auf den Boden warf. Mit diese Geste verneigte er sich zwar auch vor George Harrison, machte aber damit deutlich, dass es damals noch einen anderen, für ihn prägenderen Rock-Revolutionär gab: Jimi Hendrix.

Als am 21. April die Meldung um die Welt ging, Prince sei im Alter von 57 Jahren nach einem Konzert gestorben, wollte man es anfangs nicht glauben. Doch als die ersten Nachrufe auf Prince Rogers Nelson selbst in den Feuilletons der großen überregionalen Tageszeitungen wie „Süddeutsche“ oder „Frankfurter Allgemeine“ vorab online veröffentlicht wurden, wurde es zur Gewissheit: Dieses Multitalent und dieser Multiinstrumentalist, dieses popmusikalische Phänomen, das vor allem in seinen Hochzeiten in den 1980er-Jahren das Prinzip Pop auf die Spitze und weit über die Grenzen dieser Gattung trieb, lebt nicht mehr. Spannend wurde die sich viral verbreitende Trauer um einen Popmusiker, als man mitbekam, wer alles dem „kleinen Prinzen“ Tribut zollte. So schrieb zum Beispiel der Jazzpianist Jason Moran auf seiner Facebook-Site: „Always loved Prince’s piano skills. Hear his final concert from his piano and a microphone tour. I can’t help but think that he is from the Fats Waller lineage: just as free at the instrument as he is with his mind.“ Oder „The Boss“ Bruce Springsteen, der seine Konzerte in Brooklyn überraschend mit „Purple Rain“ eröffnete, dem Prince-Klassiker, der längst seinen Platz im Kanon der Pop- und Rockmusik gefunden hat. Selbst das Kulturradio des Westdeutschen Rundfunks, WDR 3, sorgte für eine Überraschung, als es eine Klangcollage von Alexander Schuhmacher aus dem Jahr 1996 als Nachruf ins Programm nahm: „The Entire Prince In One Hour“.

Seit dem Tod von Prince vor einer Woche ist viel über die verschiedenen Facetten der Persönlichkeit des Menschen und Musikers geschrieben und gesprochen worden. An seine Glanztaten mit den Alben in den 1980ern wurde ebenso erinnert wie an seinen Protest gegen seine Plattenfirma Warner im folgenden Jahrzehnt, als er sich das Wort „Slave“ auf die Wange malte und sich das Akronym „TAFKAP“ („The Artist Formerly Known As Prince“) als Namen zulegte. An seine sogenannte „Masturbationshymne“ „Darling Nikki“ 1984, die die Ehefrau eines späteren US-Vizepräsidenten, Tipper Gore, zu der Inititative veranlasste, dass seitdem der Sticker „Parental Advisory – Explicit Lyrics“ auf Alben mit anzüglichen Texten prangt. An seine oft so großartige Popmusik, die nonchalant den Funk von George Clinton mit der Bühnenpräsenz von James Brown und dem Falsett der einmaligen Soulstimme von Curtis Mayfield verband. An seine nur vordergründig obszönen Liedtexte, mit denen er gesellschaftliche Schranken geradezu atomisierte – von denen er sich aber distanzierte, als er sich Jahre später zum „Zeugen Jehovas“ bekehren ließ. Kurzum: Prince ist zeitlebens eine „komplette“ Popmusikerpersönlichkeit mit politischem Anspruch und sozialem Gewissen gewesen – obwohl oder gerade weil er als Mensch und Musiker so widersprüchlich und disparat geblieben ist.

Weiterführende Links
Prince auf Twitter

Text
Christian Broecking, Stefan Franzen & Martin Laurentius

Foto
Creative Commons/jimieye

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