In Gütersloh: Alexander von SchlippenbachAlexander von Schlippenbach1966 sorgte Alexander von Schlippenbach bei den damaligen Berliner Jazztagen (dem heutigen Jazzfest Berlin) für einen handfesten Skandal. Auf das Premierenkonzert des von ihm geleiteten Globe Unity Orchestra reagierte das Publikum mit lauten Buh-Rufen, die Medien hatten nur Hohn und Spott für den Auftritt übrig: ein „Hexenkessel, in dem Brötzmann den Part des Leibhaftigen spielt“, war noch eines der milderen Urteile, die man über den teils brachialen, orchestralen Free Jazz dieser Big Band veröffentlicht hatte. Weil aber dieser Auftritt als der erste Versuch betrachtet wird, nicht nur den amerikanischen Free Jazz auf europäische Verhältnisse zu übertragen, sondern diesen auch mit einer Big Band aufzuführen, gilt dieses Berliner Konzert tatsächlich als „legendär“. Im Gespräch mit Götz Bühler für die Jazz-thing-Artikel-Reihe „European Jazz Legends“ bleibt von Schlippenbach auf diesen Skandal angesprochen geradezu nüchtern: „Das war natürlich ein gewaltiges Sprungsbrett für die Karriere dieser Band.“

Der heute 77-jährige Pianist, Komponist und Bandleader zählt zu den Pionieren einer frei improvisierten Musik aus Europa. Schon während seines Musikstudiums an der Hochschule in Köln gehörte von Schlippenbach zum Nukleus einer Gruppe junger Studierender, die nur wenige Jahre später zum Bruch mit der amerikanischen Jazztradition aufriefen. Der Trompeter Manfred Schoof war ebenso dabei wie der Saxofonist Gerd Dudek oder der Schlagzeuger Jaki Liebezeit. Ab Mitte der 1960er-Jahre arbeitete von Schlippenbach dann an einem Konzept, um dem Free Jazz Struktur und Form zu geben, ohne dessen emotionalen Gestus zu verlieren – mit dem Globe Unity Orchestra ebenso wie mit seinem eigenen Trio oder als Mitglied in den Bands von Schoof und Gunter Hampel. „Für mich war der Free Jazz nicht unbedingt nur etwas Revolutionäres und Gewolltes, das hat sich auch aus einer ganz logischen musikhistorischen Entwicklung ergeben“, so von Schlippenbach.

Zum Konzert im Rahmen der Konzertreihe „European Jazz Legends“ in Zusammenarbeit mit der Stadt Gütersloh, WDR 3 und Jazz thing am 3. Oktober im Theater Gütersloh kommt Schlippenbach mit einem Quartett. „Wir haben hier eine sehr gute Berliner Gruppe, die auch noch mehr alle Aspekte meiner Arbeit zeigt. Mit Rudi Mahall, Bassklarinette, Antonio Borghini am Bass und dem Schlagzeuger Heinrich Köbberling“, erzählt der Pianist, „es ist eine Band, die sich auch dem Publikum sehr gut mitteilt. Die Zuhörer merken, dass da was in Bewegung gebracht wird.“ Zusätzlich zum Konzert wird von Schlippenbach live auf der Bühne von Götz Bühler interviewt. Wer nicht in Gütersloh sein kann, der hat über das Kulturradio des Westdeutschen Rundfunks die Möglichkeit, dieses „European Jazz Legends“-Konzert auf WDR 3 (der Termin wird noch bekannt gegeben) ebenso zu hören wie das von Enrico Pieranunzi vom 29. August und das von Jasper van’t Hof vom 15. Mai: Sendetermin für diese beiden ist der 26. September ab 20:05 Uhr. Und alle Konzerte der Serie werden vom Label Intuition auch auf CD veröffentlicht.

Weiterführende Links:
Jazz in Gütersloh

Text
Christian Broecking, Stefan Franzen & Martin Laurentius

Foto
Lutz Voigtländer

Veröffentlicht am unter News
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