ELBJAZZ 2018

Saxofonist Sam RiversIst am 26. Dezember gestorben: Sam Rivers

„Monsoon“, „Mélange“, „Flair“ und „Spunk“ hießen die gewaltigen Klanggebirge, die der Multiinstrumentalist Sam Riversmit seinem 16-köpfigen RivBea-Orchestra aufführte. Im vergangenen Jahrzehnt spielte er mittwochabends im Wills, einer großen Kneipe in seinem Wohnort Orlando, um sein RivBea-Orchestra am Laufen zu halten, beim Vision Festival wurde er vor fünf Jahren mit einem großen Konzerttag geehrt. Und dieses Orchester wurde zur unerwarteten Entdeckung auf der gefragten New Yorker Bühne  – auch das Sam Rivers Trio wurde damals mit Standing Ovations gefeiert. Rivers schrieb kontinuierlich neue Musik, darunter an die 300 Kompositionen für sein Orchestra, jede zwischen 15 und 20 Minuten lang, die es noch nicht auf CD gibt. Rivers war der einflussreichste unabhängige Jazz-Organisator der 1970er-Jahre, sein RivBea-Studio wurde damals zum Zentrum der New Yorker Loft-Szene, es ging um Selbstbestimmung, Selbstorganisation und Subventionierung des „Free Thing“. „Newsweek“ bezeichnete Rivers einst als inoffiziellen Bürgermeister der Szene. Doch seine Antwort auf die Frage, wie es der Avant-Szene heute gehe, fiel kürzer als erwünscht aus: „Schlechter als je zuvor.“

Charlie Parker war einst bei ihm zum Abendessen. Bevor Rivers zu Miles Davis kam, war er musikalischer Direktor von T-Bone Walkers Band gewesen. Das war in Boston. In seiner eigenen Band spielten damals Tony Williams, Hal Galper und Henry Grimes. „Eines Tages kam Jackie McLean vorbei auf der Suche nach einem Schlagzeuger. Und weg war Tony. Direkt nach New York. Philly Joe Jones und Miles hörten sich Tony an, und am nächsten Tag engagierte ihn Miles und durch Tony kam ich auch dazu. Miles wollte eigentlich Wayne Shorter, der damals noch bei Art Blakey spielte. Bis Wayne frei war, nahm er dann mich. So lief das damals. Danach spielte ich mit Andrew Hill und dann sechs Jahre mit Cecil Taylor. Schließlich eröffnete ich RivBea. Später war ich dann drei Jahre in Dizzy Gillespies Quintett. Das war harte Arbeit. Präzisionsarbeit. Wenn ich nur einen kleinen Fehler machte, sprach Dizzy die ganze Nacht darüber. Mit Cecil haben wir während der Proben manchmal eine Phrase bis zu 50 Mal wiederholt. Das verlange ich nicht.“

Das Problem sei, dass heute der Nachwuchs fehle und junge kreative Musiker keine Auftrittsmöglichkeiten mehr bekommen würden, klagte Rivers, der gern an einstige Trio-Konzerte mit Dave Holland und Barry Altschul erinnerte. Jeder Fortschritt in der Musik sei damals mit lautem Buhen und fliegenden Eiern einhergegangen, die Avantgarde habe schon immer Aufruhr verursacht. In den letzten Jahren klagte er über einschneidende Streichungen von Sozialleistungen und dass der Musikunterricht in den Schulen eingestellt wurde. Nach längerer Krankheit ist Sam Rivers am 26. Dezember 2011 in Orlando gestorben. Er wurde 88 Jahre alt.

Text
Christian Broecking, Stefan Franzen & Martin Laurentius

Foto
Creative Commons/Robert Auclair

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