Florian Herzog

Freiheit in Gemeinschaft

Fast schon natürlich sei das, behauptet der Titel. Ein bisschen Planung war aber doch dabei, fügt Florian Herzog hinzu und ergänzt: „Bei aller Abstraktion suche ich doch immer auch nach einem Kern, der die Musik zugänglich macht. Das kann eine Melodie sein oder ein Groove, der ein Kopfnicken auslöst, auch wenn man beim Hören womöglich gar nicht vollständig nachvollziehen muss, was da gerade passiert.“

Florian Herzog (Foto: Patrick Essex)

Ein Schmunzeln regt sich, denn Herzogs Zugänglichkeit ist doch etwas für Fortgeschrittene. Das Quartett des Kölner Bassisten mit dem Pianisten und Elektroniker Elias Stemeseder, dem Saxofonisten Sebastian Gille und dem Schlagzeuger Leif Berger spielt weitgehend frei von Strukturankern, die unerfahrene Hörer/-innen identifizieren könnten. Es ist Musik weitab der Taktstriche, gegliedert von einem Puls, der den Musikern klar ist, weil sie sich zum Teil lange kennen und auch viel gemeinsam gespielt haben, in New York etwa, wo Herzog und Stemeseder während Ihrer Ausbildung quasi Nachbarn waren.

Eingängigkeit aber ist etwas anderes, und es ist sinnvoll, das zu unterscheiden. Denn Herzog gelingt es auf der eine Seite, die Musik nicht zu verschließen. Almost Natural (Tangible/Bandcamp) ist als Debüt des Quartetts eine klare Entscheidung für die Eigenheit der Charaktere, die sich klanglich aneinander reiben. Die Kommunikation aber bleibt andererseits über alle neun Stücke hinweg wertschätzend und kooperativ, und das hört man.

„Bei der Setlist des Albums genauso wie beim Ablauf eines Konzerts weiß ich, dass man nach fünf Minuten Chaos erst einmal wieder ein paar Melodien oder Akkorde zum Entspannen braucht“, meint Herzog weiter.

Das macht den Unterschied zu den Freiheiten der Väter, die Haltung, Opposition, Ausbruch hießen. Bei Herzog und seinem Quartett sind sie Stilelemente, Sprache mit integrierendem Moment. Denn die eigene Freiheit endet bei der des anderen. Und damit Hören nicht zur Strafe wird, gibt man ihr eine Form in der Gemeinschaft, beinahe natürlich.

Text
Ralf Dombrowski
Foto
Patrick Essex

Veröffentlicht am unter 150, Feature, Heft

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