ELBJAZZ 2018

Pit Huber

Bei uns im Erdgeschoss gibt es jetzt auch einen Friseur. Na endlich! Wir hatten ja erst zwei in unserer Straße. Nun sind es insgesamt sechs, die zu Fuß in weniger als acht Minuten zu erreichen sind. In dem grünen Haus schräg gegenüber wäre auch noch ein Laden frei. Da fragt man sich schon: Wie oft gehen die Leute eigentlich zum Friseur? Wächst Haar heute etwa schneller als früher? Und wie viele Haare müssen täglich zum Friseur gehen, damit er davon leben kann? Wenn ich nicht so schlecht in Mathematik wäre, könnte ich jetzt den für die deutsche Friseurbranche aktuell gültigen Kundenhaarkoeffizienten errechnen. Dann hätte man das schon mal schwarz auf weiß.
 
Die Popularität des Haareschneidens verdankt sich selbstverständlich nur der Sprachfantasie der Friseure. Früher hießen Friseure „Salon Barbara“ oder „Heinemann“ oder einfach „Frisör“. Damit kriegt man heute keine Locke mehr unter die Schere. „Ritschratsch“, „Smooth & Curly“ oder „Haarmonie“ sind das Mindeste. Ich glaube, es gibt niemanden, der nicht irgendwann damit angefangen hat, die originellsten Friseurnamen zu sammeln. Manche buchen extra Städtereisen auf der Suche nach Nachschub.
 
Hier verrate ich einige Favoriten aus meiner eigenen alphabetischen Sammelliste: Cutter, Fünf Millimeter, Glatt ab, Haar Director, Haarklein, Hair Care, Hair Condition, Hairlift, Hair-Paket, Kopfkult, Kunstschnitt, Kurz und gut, Love is in the Hair, Ponydressur, Scherenmann, Schneideraum, Schnittstelle, Sehr Hair, Strähnchen zum Glück. Die Friseurinnung verlangt seit einigen Jahren übrigens ein mindestens zweiwöchiges Praktikum als Werbetexter.
 
Übertroffen wird die Friseursalonhäufigkeit in meiner Gegend nur noch von der Apothekendichte. Ich wage die Hochrechnung: Es gibt in Deutschland heute mehr Kranke und Alte als Haarträger. Und wenn die Haarmonie-und-Ritschratsch-Generation eines Tages verstärkt in den Kranken- und Altenstand drängen wird, wird wahrscheinlich auch bei den Apothekern die Sprachfantasie endlich erblühen. Dann werden Apothekenfilialen mit originellen Namen an jeder Ecke aus dem Boden schießen. Der Begriff „Hausapotheke“ kriegt dann einen ganz neuen Sinn.
 
Weil ich immer gerne die Trends setze, habe ich auch schon mal ein bisschen vorausgedacht. Hier sind erste, vorläufige Vorschläge für das sprachliche Update der Apothekenbranche: Beipackzettel, Body & Soul, Common Health, Dreimal täglich, Drug Stop, Gesundtheke, Glückstanke, Happy Pharm, Herzpumpe, Jungbrunnen, Keine Nebenwirkungen, Lebenselixier, Pharmonie, Pillendreher, Placebo, Sorgenfrei. Euch fallen bestimmt noch mehr ein.
 
So. Und jetzt die entscheidende Frage: Wie viele Jazzclubs haben wir? Von meiner Gegend hier will ich gar nicht reden. Aber es soll in Deutschland auch große Großstädte geben, die nur einen halben funktionierenden Jazzclub aufweisen können. Oder einen siebentel Jazzclub: Jazzprogramm nur freitags. Große Großstadt heißt übrigens: mehr als 500.000 Einwohner. Wenn nur 1 Prozent der erwachsenen Einwohner Jazzfans sind, dann ergibt das doch auf jeden Fall eine vierstellige Zahl. So um die 4.000. Damit könnte man drei Dutzend Jazzclubs füllen oder zwei bis drei Provinz-Sporthallen. Wo gehen denn all die Jazzfans abends hin? Aus purer Verzweiflung etwa ins Kino?
 
Ganz klar: Es liegt an den Namen. Kein Friseur heißt heute mehr Friseur. Also dürfte es auch keinen Jazzclub geben, der Jazzclub heißt. Der Name eines Jazzclubs müsste erheitern oder verführen, Versprechungen machen, einschlägig sein. Nicht so wie Domizil, Pavillon, Keller oder Eckhaus: Das ist für einen Jazzclub viel zu nichtssagend. Bei Fabrik, Zollverein, Schlachthof oder Speicher denken die meisten an Arbeit – außer vielleicht der Fabrikbesitzer. Ganz schlecht. Namen wie Cassa Blanca und Leerer Beutel sind dagegen zwar realitätsnah und von galligem Humor, aber nicht unbedingt werbewirksam.
 
Ich sehe da bessere Strategien. Zum Beispiel die sozial erhebende: Villa Swing. Swing ist King. Jazz-Residenz. Swimming Cool. Bop Management. Swing-Dynastie. Oder die gastfreundlich einladende: Jazz mit Käs‘. Blueser-Friendly. Jazzgaststätte. Cool & Warm. Uncle Jam. Oder die das Äußerste versprechende: Jazz-Ekstase. Blues Heaven. Bop Till You Drop. Endless Chorus. Zugabe 13. (Die 13 könnte die Hausnummer sein.)
 
Da fällt mir ein: Das grüne Haus schräg gegenüber mit dem leer stehenden Laden IST Hausnummer 13. Vielleicht sollte ich da mal mit dem Vermieter reden, wegen der Kaution und so. „Villa Swing“, das könnte sogar seinem Hausmeister gefallen.
 
Pit Huber

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2 Kommentare zu „Villa Swing“

  1. Der Bunker Ulmenwall in Bielefeld hat die postalische Adresse Kreuzstraße 0, u.a. erreichbar mit der Stadtbahnlinie 1. Lässt diese Hausnummer Rückschlüsse auf eine „Harry Potterisierung“ der deutschen Jazz-Szene zu? Oder zeigen die 0 und 1, dass es den Bunker Ulmenwall in echt gar nicht gibt, sondern nur virtuell?

    Außerdem heißen die Jazzclubs heute nicht mehr Jazzclubs sondern Spielstätten. Was, wie man mir gegenüber stets beteuert, auf die Professionalisierung der Strukturen hinweisen soll. Für mich klingt’s aber nach Kindergarten mit angeschlossenem Spielplatz und fundierter pädagogischer Betreuung.

  2. In München scheitert es nicht nur am Namen (Unterfahrt). Neues Publikum findet den Laden im Keller schon rein räumlich nicht. Am Häuserblock ein Gemeinschaftsschild (da findet nur derjenige den Namen Jazzclub Unterfahrt, der die Location schon kennt), dann muss man in den Hofeingang und – das wissen nur Insider- rechts rein in einen „Tiefgaragen“eingang (unbeschriftet). Traut man sich als Neuling runter, muß man ca. 30 (gefühlte 100) Meter Gewölbegang hinter sich bringen (ohne Wegweiser), dann nach rechts abbiegen (ohne Wegweiser). Nun endlich kommen Hinweise auf einen Jazzclub: „Rauchen verboten“ und Plakate mit Vorankündigungen. Über dem Vorraum ds Eingangs dann ein kleines Schild „Unterfahrt“.

    Soweit zum Renommierclub in München. Die kleinen Kneipen in denen Jazz gespielt wird, muss man sich mühsam erarbeiten! (wo, wann, wer)

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