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Uwe Wiedenstried

„Man sagt, der Jazz sei entstanden, als ein paar lustige Seeleute in New Orleans den Schwarzen spaßeshalber einige europäische Instrumente in die Hand gaben. Die Neger hatten natürlich keine Ahnung, wie man auf einem Kornett, einer Posaune, einer Klarinette spielte. Sie brachten die komischsten Töne hervor und waren ungemein stolz auf ihre Leistung, während sich die Weißen vor Lachen ausschütten wollten. Allmählich aber hätten die Neger von selbst gelernt, die Instrumente auf ihre Weise zu spielen. So sei dann der Jazz entstanden. – Ob das ganz zutrifft, wird man nicht mehr ergründen können. Sicher ist, daß das Verlangen, auf den Instrumenten, vor allem auch auf dem Klavier, ebenso wie die weißen Herren zu spielen, entscheidend zum Jazz beigetragen hat.“

„Ein Schwarzer kann nur selten ruhig sitzen, er muss seinen Körper wiegen, mit den Fußspitzen irgendeinen verrückten Takt klopfen. Er kann keine Melodie notengetreu mehr als einmal singen; er wird sie immer auf seine Weise erweitern, zersingen.“

„Etwas konnten die Neger von vornherein besser als die Weißen: trommeln. Das saß ihnen im Blut seit Jahrhunderten. Wenn sie europäische Tanz- oder Militärmusik … hörten, dann zuckte es in ihren Fingern. Auf verbeulten Kornetts, Posaunen, auf Klarinetten, die sie sich irgendwie organisierten – mancher wusch auch ein Jahr lang Teller, bis er das Geld dafür zusammenhatte, und andere mögen sie wohl geklaut haben –, begannen die Schwarzen ihre Musik zu machen. Sie wollten es den Weißen gleichtun und konnten dabei doch ihre Eigenart nicht verleugnen.“

„Die blitzenden Saxophone zum Beispiel … hatten es ihnen besonders angetan.“

„Was ist nun Jazz? Ein Jazzstück kann sehr wohl ein Schlager werden, aber nicht jeder Schlager, der von Saxophonen gespielt wird, ist Jazz. Man muß zwischen der popular music – man kann auch Unterhaltungs- oder Schnulzen-Musik dazu sagen – und dem echten Jazz streng unterscheiden.“

„Ob er nun Kunst ist oder nicht – diese Streitfrage wird jeder nach seinem Temperament beantworten. Aber dass Jazz eine Musizierform unserer Zeit geworden ist, das wird keiner bestreiten wollen.“

Diesen Text gibt es wirklich. Alle Zitate sind echt, Wort für Wort. – Saukomisch, oder? Sie stammen aus einem Buch, das ich vor kurzem auf dem Bücher-Basar einer Kirchengemeinde für 50 Cents erstanden habe.

„Auch Du verstehst Musik“ heißt es. Autor: Walter Panofsky. Erschienen 1956 im Süddeutschen Verlag. „Auch Du verstehst Musik“ ist eine Musikgeschichte. Panofsky spannt darin einen Bogen von den Rhythmen, die die Fred Feuersteins aus dem Paläolithikum mit ihren Äxten trommelten, bis hin zu den Geräuschmontagen von Pierre Henry und Pierre Schaeffer, jener Musique concrète, die in den fünfziger Jahren den einen dernier cri, den anderen schlicht Lärm um nichts war. Ein ambitioniertes Buch. Ein Buch für junge Menschen, denen Panofsky laut Klappentext den „Zugang zum Reich der Musik aufschließen“ wollte; Panofsky war nicht nur ein renommierter Kenner der klassischen Musik, er war auch Autor zahlreicher Schulfunksendungen.

„Auch Du verstehst Musik“ ist ein richtiges Schnäppchen, dachte ich mir, so billig komm ich nie wieder an ein Thema für blog thing. Panofskys offensichtlich aus bloßer Pflichtschuldigkeit geschriebenes Kapitel über den Jazz strotzt nur so vor Unverständnis, ja vor regelrechten Blödheiten. Nichts leichter also, als diesen Experten durch den Kakao zu ziehen: Panofskys schönste Stilblüten zitieren, ein paar ironische Bemerkungen dranhängen, fertig ist die Glosse. Ein leicht verdientes Honorar.

Über Jazz hätte Panofsky wirklich mehr wissen können. Er erwähnt sogar Marshall W. Stearns, der damals als bester Kenner des Jazz galt und 1952 das Institute of Jazz Studies in New Jersey gegründet hatte. Er hätte sich auch bei Joachim Ernst Berendt informieren können, dessen „Jazzbuch“ 1953 erstmals erschienen war und gerade in die vierte Auflage ging. Über Jazz hätte also mehr wissen können, wer hätte wissen wollen. Vorbei. Verjährt. Olle Kamellen. Kurios, ja, komisch, aber ein halbes Jahrhundert her, wen interessiert das heute eigentlich noch? – All jene, denen wie mir beim Lesen dieser Zitate das Schmunzeln vergeht, all jene, die sich an das erinnern, was Panofsky und sein Verlag nicht nur hätten wissen können, sondern wissen müssen.

Am 30. August 1955, gerade mal ein Jahr vor Erscheinen von Panofskys Buch, bargen zwei Angler in der Nähe der Kleinstadt Glendora im US-Bundesstaat Mississippi den Leichnam des seit drei Tagen vermissten 14-jährigen Afro-Amerikaners Emmett Till aus dem Tallahatchie River. Den Hals der Leiche zierte ein Collier aus Stacheldraht, an dem der 75 Pfund schwere Ventilator einer Baumwollentkörnungsmaschine hing. Der Schädel des Jungen war von einem Geschoss durchbohrt. Muss ein großes Kaliber gewesen sein, Emmetts Mutter berichtete später, sie habe durch den Kopf ihres Sohnes hindurchsehen können. Auf ihren Wunsch hin veröffentlichte das Magazin „Jet“ ein Foto von Emmett im offenen Sarg: Ein Auge ist ausgestochen; das andere, die Nase und sein Mund in der zerhauenen Masse kaum auszumachen. Emmett hatte kein Gesicht mehr. Seine Mörder haben ihn buchstäblich zu Brei geprügelt, bevor sie ihn erschossen.

Emmett hatte Verwandte in Mississippi besucht. Aus dem liberalen Chicago kommend, war er mit der Etikette in den Südstaaten wohl nicht ganz vertraut, die da lautete: Nigger, lass deine Augen und Finger von unseren Frauen! Er grüßte eine attraktive weiße Frau, anderen Aussagen zufolge soll er ihr nachgepfiffen haben. In jenen Jahren genügte dies im Staate Mississippi als Lizenz zum Lynchen. Die Geschworenen, lauter weiße, in der „Rassenfrage“ prinzipientreue Männer, sprachen die Mordverdächtigen frei. Die Berichte über Emmetts Ermordung erreichten via Radio und Presse jeden noch so verlassenen Winkel der Welt. Zu seiner Beisetzung in Chicago kamen 50.000 Menschen; sie gilt als Startschuss der Bürgerrechtsbewegung. Panofsky und sein Verleger haben diesen Schuss wohl nicht gehört.

Am 1. Dezember 1955 wurde in Montgomery, Alabama, die Näherin Rosa Parks festgenommen, weil sie sich weigerte, einem Weißen ihren Platz im Bus zu räumen. Den Bus zu nehmen, erschien daraufhin vielen Afro-AmerikanerInnen nicht mehr als eine einem anständigen Menschen geziemende Art der Fortbewegung, zumindest so lange nicht, wie in den Bussen Weiße Vorrechte genossen. Der Organisator dieses so genannten Montgomery-Bus-Boykottes war ein bis dato unbekannter Reverend namens Martin Luther King. In dessen Haus explodierte am 30. Januar 1956 eine Bombe. Die Detonation erschütterte die ganze Welt. Bei Walter Panofsky und den für die Veröffentlichung und Verbreitung seines Buches Verantwortlichen stieß auch dieses Krachen offenbar auf taube Ohren.

1956 –: Elf Jahre ist es her, dass die Soldaten der Roten Armee und der Westmächte das Dritte Reich auf die Knie gezwungen haben. Seit elf Jahren muss zumindest in Westeuropa kein Mensch mehr um Leib und Leben fürchten, weil er aussieht, wie er aussieht, denkt, was er denkt, glaubt, woran er glaubt, sagt, was er sagt, und tut, was er tut, kurz: weil er ist, wer er ist. 1956 –: Seit sieben Jahren gilt in der Bundesrepublik Deutschland als erste Pflicht und oberstes Gesetz: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Um diese Freiheiten und Menschenrechte durchzusetzen, mussten Soldaten aus aller Welt Leben oder Gesundheit hingeben, unter ihnen waren Abertausende „Schwarze“.

1956 stellt ein Autor aus dem Rechtsstaat Bundesrepublik Deutschland in seinem Buch, noch dazu einem Buch für die Jugend, „Schwarze“ als infantil dar, als geistesschwach, kriminell und als zu Kulturleistungen nur deshalb fähig, weil sie ihre „weißen Herren“ nachahmen. Kein Lektor sagte: „Stopp!“ Kein Gericht sagte: „Stopp!“ „Auch Du verstehst Musik“ erschien, in mehreren Auflagen sogar.

Goebbels‘ Dreckschleudern haben ganze Arbeit geleistet. Der Gedankenkot vom Herren- und Untermenschentum dampfte 1956 noch immer in vielen Schädeln.

Er dampft noch heute: Zwischen 1990 und 2006 wurden laut Angaben der Bundeszentrale für politische Bildung 135 Menschen in Deutschland aus rassistischen Motiven ermordet. Man schlage irgendeine Zeitung auf, egal an welchem Tag im Jahr, z. B. die Süddeutsche vom 25. September, Seite 5: Laut dpa haben fünf Jugendliche in Dessau-Roßlau einen Afrikaner beleidigt und vom Rad gestoßen. – Der bloße Anblick des Ebenholzteints seiner Haut genügte offensichtlich, sie aus heiligem Arierstolz auf ihre Bullterrier-Blässe in Rage zu bringen.

Beim Lesen von „Auch Du verstehst Musik“ bleibt mir das Lachen im Halse stecken. Das Buch ist 51 Jahre alt, aber seine Botschaft ist kein aufgewirbelter Staub aus der Mottenkiste der Geschichte. Rassismus ist Alltag. „Was die Erfahrung aber und die Geschichte lehren, ist dieses, dass Völker und Regierungen niemals etwas aus der Geschichte gelernt und nach Lehren, die aus derselben zu ziehen gewesen wären, gehandelt haben“, schrieb der Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel vor gut 200 Jahren. Sein Zeitgenosse Friedrich Schiller kam zu einem ähnlich düsteren Befund: „Mit der Dummheit kämpfen Götter selbst vergebens.“

Uwe Wiedenstried

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2 Kommentare zu „Vergebens?“

  1. Auch im Jahr 2007 entblöden sich Millionen und Abermillionen nicht, den Spruch „Ich bin stolz, ein Deutscher“ oder auch „I‘m proud to be an American“ (analog in Französisch, Spanisch, etc.etc.)zu verbreiten und zu verteidigen.

    Da fragt man sich, was können diese Subjekte dazu, daß Ihre Erzeuger zufälligerweise Angehörige eines reichen Landes waren?

    Wahrscheinlich sind sie rein geistig nicht in der Lage zwischen „froh“ und „stolz“ zu unterscheiden:

    Beispiel froh: Ich bin froh ein Deutscher zu sein (und damit nicht hungern zu müssen, in einer Demokratie zu leben, …).

    Beispiel stolz: Ich bin stolz, mit eigener, ehrlicher Arbeit mein Brot zu verdienen (und nicht als gammelnder Rassist durch die Stadt zu streichen, um fremd aussehende Menschen zusammenzuschlagen).

    Rassismus ist ganz klar ein Ding mangelnder Bildung, einseitiger Ausbildung und überbordender Einbildung.

    Ach ja, Jazz: gestern durfte ich wieder meinen Lieblingsbassisten auf der Bühne zuhören. Der spielt auf seinem Bass nicht nur Kontrabass, sondern auch Gitarre, Cello, und manch anderes – ein unglaubliches und leider nur lokal bekanntes Genie. Er kommt vom Balkan – ich glaube er ist Serbe – aber das ist unwichtig, wichtig für mich ist, daß er in meiner Hörweite lebt und spielt. Dank einem Europa ohne Blöcke und mit weitgehend offenen Grenzen!

  2. Heute schiebt man die afro-amerikanische Jazz-Kultur in die Vergangenheit ab und „globalisiert“ den Jazz. Die Europäer machen ihren eigenen Jazz und brauchen die Afro-Amerikaner nicht mehr – und so verlieren die ihre guten Jobs in Europa. Man verleiht ständig irgendwelche Preise an europäische Musiker und füllt die Zeitschriften mit den Till Brönners, skandinavischen Sternchen usw. – damit die Hörer nicht auf die Idee kommen, es fehle etwas.

    Es ist eine Variante einer alten Geschichte: Schon bei den ersten Jazz-Platten (1917) kamen nicht die Afro-Amerikaner zum Zug; der King des Swing war Benny Goodman und nicht Count Basie oder Duke Ellington; der große Renner der 1940er-Jahre war nicht Charlie Parker, sondern das Dixieland-Revival; die 50er Jahre waren überschwemmt vom West-Coast-Jazz; auch das große Fusion-Geschäft war eine primär „weiße“ Sache.

    Früher hat man diese ganze Geschichte als „Enteignung“ bezeichnet. Heute nennt man das „Globalisierung“. Aber es ist die selbe faule Sache, die die Armstrongs, Parkers und Coltranes über den Tisch zieht.

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