ELBJAZZ 2018

Anke Helfrich

Habe mir Ingwertee gegen die Erkältung gekocht, sitze am Tisch und schaue auf die verschneiten Weinberge vor meinem Fenster. Das neue Jahr hat gerade begonnen, es ist richtig kalt, ich habe Winterreifen… was will man mehr! Auf dem Balkon liegt ein Andenken aus wärmeren Tagen: eine wunderschöne Maske aus Südafrika. Mit Holzwurmbefall, wie ich nach ein paar Wochen feststellen musste! Die Maske hatten wir im September auf einem hübschen Markt in Kapstadt erstanden und der Händler versprach mir Glück und Gesundheit – was ja auch irgendwie eingetroffen ist, da ich den Holzwurm noch rechtzeitig entdeckte.

Der eigentliche Grund der Reise waren Konzerte in Südafrika und Namibia. Für mich, die ich als Kind in Namibia aufgewachsen bin, war es gleichzeitig eine Reise in meine Vergangenheit. Am Tag zuvor hatten wir zwei Konzerte gegeben und viele aufgeschlossene, interessante und multikulturelle Leute kennengelernt. Nach unserem letzten Set kam eine Frau auf mich zu und sprach mich auf Deutsch an. Eher zufällig erwähnte sie, dass sie bis vor ein paar Jahren in Windhoek gelebt hätte. Als sich dann herausstellte, dass es sich um meine Freundin und Nachbarin aus Kindertagen handelte, fielen wir uns in die Arme.

Unseren Off-Day in Kapstadt verbrachten wir mit besagtem Maskenkauf (und das sinnigerweise vor allen anderen Aktivitäten), fuhren mit dem Doppeldeckerbus zur Waterfront, vorbei am Rathaus, von dessen Balkon Nelson Mandela seine erste Rede nach der Freilassung gehalten hatte, durch den District Six, einmal ganz um den Tafelberg herum, mit längerem Stopp am wunderbar feinen Sandstrand von Campsbay, Blick auf Robben Island, vorbei am längst noch nicht fertiggestellten Green Point Stadion, hoch zum Tafelberg, Blick zum Lion’s Head und Devil’s Peak und wieder zurück.

Am nächsten Morgen, bzw. mitten in der Nacht, zum Flughafen und mit Air Namibia nach Windhoek. Von dort geht es im Leihwagen durch die karge Landschaft der Namib, vorbei an der Spitzkoppe, weiter an die Küste. In Swakopmund angekommen, meint man sich in eine andere Zeit versetzt. Die Namen der Straßen und der teilweise im Kolonialstil gebauten Hotels und Pensionen, die Strandpromenade, alles erinnert eher an ein Nordseebad aus dem letzten Jahrhundert – nur eben mitten in Afrika. Im benachbarten Walvis Bay treffen wir auf Freunde meines Vaters und fahren mit ihnen im Range Rover zu den Dünen. Nach dem Erklimmen der höchsten Düne, „Dune 7″ genannt, hat man einen beeindruckenden Blick auf die endlose Sandwüste. Mit einer Bootsrundfahrt beginnen wir den nächsten Tag, sehen neben einer handzahmen Robbe an Bord ganze Robbenkolonien, Pelikane, Flamingos, ja sogar Delphine.

Am Abend: unser Konzert im ausverkauften Theater. Die Begeisterung des Publikums hilft uns über den Zustand der Instrumente hinweg und nach zwei Zugaben werden wir mit Amarula und handgeschnitzten Anhängern verabschiedet. Auch hier erzählen mir Leute Episoden aus meiner Kindheit, an die ich mich selbst nur noch vage erinnern kann. Ein dort sesshaft gewordener niederländischer Pilot spricht mich auf meine teils holländischen Ansagen an, und wir stellen fest, dass dessen Bruder im selben Dorf, ja sogar im selben Haus wohnt, in dem ich während meines Studiums in Hilversum logierte. Kleine Welt!

Rückfahrt nach Windhoek und Konzert in der großen Aula meiner ehemaligen Schule. Guter Sound auf der Bühne, nette Menschen und wieder berührende Gespräche.

In aller Frühe machen wir uns auf den Weg zum Etosha Nationalpark, unserer letzten Station im Norden des Landes. Wir halten in Okahandja, dem traditionellen Zentrum der Herero. Hier begann der Aufstand, der 1904 zur Schlacht am Waterberg führte. Auf dem Friedhof liegen die großen Hereroführer wie Maharero und Kutako begraben. Dann geht es weiter auf einsamen, endlosen Straßen, selbstverständlich immer auf der linken Fahrbahn! Die Tage in der Etosha vergehen wie im Flug und weitere Erinnerungen werden aufgefrischt. Zebras, Gnus, Oryxe, Springböcke, Giraffen, Elefanten, Strauße, Hyänen, selbst Rhinozerosse und Löwen können wir in freier Wildnis beobachten. Während der sengenden Mittagshitze jeweils kurze Rast in einem der Camps wie Okaukuejo oder Halali. Keiner von uns möchte nach Hause. Eigentlich ist zu wenig Zeit für die vielen unterschiedlichen Eindrücke – aber dankbar machen wir uns auf den Rückweg.

Es klopft! Meine Nachbarin bittet mich, doch endlich den Gehweg vom Schnee zu befreien…seufz!

Euch allen ein frohes neues Jahr!
Anke

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1 Kommentar zu „September Song“

  1. Liebe Anke,

    erst jetzt komme ich dazu, deine Namibia-Erinnerungen zu lesen – eine Freude! Gerade jetzt ist meine Frau dort unterwegs, wohl auf den selben Wegen, mit den selben Stationen (aber ohne Jazz – und ohne mich!).

    Gruss aus Bonn – mit Joel Frahm im Hintergrund

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