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Pit Huber

„Schreib doch mal über was Nützliches“, sagt Pia gelegentlich. Manchmal sagt sie auch: „über was Sinnvolles“. Oder: „über was Praktisches“. Und dann schleppt sie ungefragt irgendetwas an, wovon sie glaubt, dass es die Leser dieses Jazzblogs brennend interessiert. Antiquarische Jazzbiografien, burgunderrote Jazzshirts, Axel-Stinshoff-Autogrammkarten, sogar neuseeländische Jazzäpfel. „Sind total lecker, ehrlich!“
 
Letzte Woche war es Pocket Quiz: 150 Fragen und Antworten, alles Wissenswerte zum Thema Jazz im Kartenspiel-Format. Autor (kann man das so nennen?) dieser dringend benötigten, ganz frischen Neuerscheinung von 2008 ist Jean-Peter Braun, ein echter Jazzgitarrist und Musikpädagoge, der übrigens nicht nur von Fragespielen etwas versteht, sondern auch von Kunstpostkarten oder vom Nicht-mehr-Rauchen. Dank Bobby McFerrin hat Jean-Peter Braun sogar ein Lebensmotto. Irgendwas mit Musik und Himmel.
 
Also gut: Pocket Quiz. Ich habe es Pia fest versprochen. Nun ja, Pocket Quiz bietet alles, was ein Quiz so haben muss. Echte Wissenfragen, aber auch ganz schwere Dinger, bei denen man nur raten kann, oder auch Lustiges wie das hier: „Wie heißt der wichtigste Posaunist der Pre-Bop-Aera? a) Johnny Coffeehouse b) Jack Teagarden c) James Milkstore.“ Richtig schwer ist dagegen: Welcher berühmte Jazztrompeter wurde in Laurinburg, North Carolina geboren? Welches Fach studierte Toots Thielemans? Was aß Buddy Bolden am liebsten? Es ist wirklich für jede Wissensstufe was dabei.
 
Sogar ich habe eine Menge dazugelernt. Zum Beispiel habe ich mich immer gefragt, wieso die amerikanischen Jazzmusiker mit den Bossa-Rhythmen so gut klarkamen, während sie für ausländische Popmusik sonst doch kaum was übrig hatten. Pocket Quiz weiß die Antwort: Sie haben die Bossa Nova selbst erfunden! Sie reisten nämlich – schon „in den 1950er Jahren“ – heimlich und als „Cool-Jazzmusiker“ getarnt nach Brasilien und brachten zusammen mit mysteriösen „Samba-Apologeten“ diese „neue Art zu musizieren“ hervor. In den Sechzigern taten sie dann ganz unschuldig so, als hätten sie die Bossa Nova gerade erst entdeckt! Ein raffinierter Propaganda-Feldzug. Dazu gehörten natürlich auch die angeblich sensationellen Verkaufserfolge von Bossa-Jazz-Platten wie „Jazz Samba“ oder „Getz/Gilberto“. Alles gelogen – wie schon bei Brubecks „Time Out“. Die erste Jazzplatte in den amerikanischen Top Ten war nämlich erst „Head Hunters“ 1974. Das weiß ich dank Pocket Quiz.
 
Pocket Quiz hat eine Menge solcher Fehler der Jazzhistoriker aufgedeckt. Der eitle Sonny Rollins zum Beispiel ist nicht etwa 1930 geboren, wie er immer behauptet, sondern schon 1929: Herr Braun hat natürlich die Geburtsurkunde nachgeprüft. Keith Jarretts „Köln Concert“ heißt nur in Deutschland so, aber sonst „Cologne Concert“: Herr Braun hat im Ausland sehr gründlich geforscht. Das „von John McLaughlin gegründete Mahavishnu Orchestra“ bestand tatsächlich nur bis 1973 – danach sonnte sich ein namensgleiches Ensemble frech im Mahavishnu-Ruhm. Und Paul Wertico ist seit 1983 „ständiges Mitglied“ der Pat Metheny Group – er benutzt nur seit einigen Jahren das Pseudonym Antonio Sanchez. Und diese Korrekturen sind nur die Spitze des Quizberges.
 
Besonderen Dank schulde ich Herrn Braun für eine der schönsten Anekdoten des Jazz, die mir seltsamerweise bisher unbekannt war. Ich will sie euch nicht vorenthalten. Duke Ellington, heißt es, war ein „vollendeter Kavalier alter Schule“, was ihm „den besonderen päpstlichen Segen Papst Pauls VI. einbrachte“. Man bedenke: Der Papst segnet einen Jazzmusiker, weil der ein Kavalier ist. Hat er Ordensschwestern Komplimente gemacht? Oder nur dem Heiligen Vater die Tür aufgehalten? Pocket Quiz verrät es uns leider nicht. Doch bei Stanley Dance wurde ich schließlich fündig.
 
Das Ellington-Orchester trat in Rom auf und der Duke erhielt auf Vermittlung seines Agenten eine Papst-Audienz. Man plauderte artig, bis Paul VI. fragte, wie Ellington denn zur Kirche stehe; schließlich habe er ja auch geistliche Musik geschrieben. Ellington antwortete: „Die Kirche, Heiliger Vater, stelle ich mir gerne vor wie eine gütige, alte Lady. Ich habe dabei immer das Bild meiner Großtante Hattie vor Augen, für die ich als Kind oft den Hof fegen musste. Ich war darin nicht besonders gut, aber irgendwann durfte ich doch immer aufhören und Aunt Hattie entließ mich mit einem wohlwollenden Lächeln. Sie lobte damit nicht meine Leistung, wohl aber mein Bemühen.“ Paul VI. soll über diese diplomatische Antwort ebenfalls gelächelt haben und entließ Ellington mit einem besonderen Segen.
 
Laut Stanley Dance gibt es noch einen Nachtrag zu dieser Geschichte. Der Duke sei nach der Audienz umgehend in einer kleinen Bar an der Piazza de Risorgimento verschwunden, habe einen Brandy bestellt, sich ans Klavier gesetzt und einen seltsamen, verbohrten Blues gespielt. Johnny Hodges, der mit einigen anderen Orchestermitgliedern an einem der Bartische saß, wagte den Duke zu fragen: „Was ist das denn, was du da spielst?“ Der Duke, die Zigarette im Mund, brummte: „Little Devil.“ Und etwas leiser: „So nannte mich Aunt Hattie immer, wenn ich sie mal wieder angelogen hatte.“
 
Schöne Geschichte, oder? Ich finde, in der zweiten Auflage von Pocket Quiz sollte sie unbedingt enthalten sein. Das ist Herr Braun schon seinem Niveau schuldig.
 
Pit Huber

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1 Kommentar zu „Pocket Quiz“

  1. Danke, eine wirklich wunderschöne Anekdote.
    Übrigens lehrt ein keltisches Sprichwort, dass man eine gute Geschichte nicht durch Wahrheit verderben darf.

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