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Pit Huber

„Schlaf erst mal drüber, morgen sieht alles ganz anders aus.“ Diesen Rat habe ich früher oft von meiner Mutter gehört – und befolge ihn noch immer. Gestern nach dem Kino war ich nämlich erst mal nur sauer. Da macht einer einen Film über Jazz, und dann muss man feststellen: Viele der eingeblendeten Musikernamen sind fehlerhaft geschrieben, mal erscheint sogar ein völlig falscher Name, die deutschen Untertitel sind zudem schlecht und sinnentstellend übersetzt… Wie ernst nimmt dieser Regisseur den Jazz eigentlich? Sind Sorgfalt und Liebe Fremdwörter für ihn? Okay, ich war wirklich sauer. Über Nacht ist mir aber klar geworden: Jeder von uns macht Fehler. Und wenn es in einem Film nur um Jazz geht, bleibt den armen Filmemachern ja gar nichts anderes übrig als dort ihre Fehler zu machen. Muss man mit leben. Echt nicht so schlimm, ey.
 
Europa hat seinen eigenen, seinen eigenständigen, seinen vollwertigen Jazz. Das war die Botschaft des Films: „Die eigene Stimme finden.“ Zu diesen Worten sah man dann Till Brönner, der einen Blues bläst, schwarz, schmutzig, erdig, wie aus dem amerikanischen Bilderbuch, wie direkt aus dem Soul Jazz der Fünfziger hereingeweht. „Aber süß war er schon, der Brönner“, sagte Pia hinterher auch noch. Zum Glück habe ich inzwischen drüber geschlafen. Ist ja doch eigentlich super, dass ein Deutscher aus Viersen heute schon Trompete spielen kann wie Lee Morgan vor 50 Jahren.
 
Worauf kommt’s an im Jazz? „Die Emotionen rauslassen“, sagen die Musiker. Die Amerikaner zeigen im Film, wie das geht – in fulminanten historischen Filmausschnitten. Aber dann: dieser emotionslose, stinklangweilige europäische Edelkitsch für Intellektuelle. Oder gar: nicht enden wollende Kamerafahrten über norwegische Fjorde, dazu das ermüdende Gequatsche von Jan Garbarek. Pia schlief dann auch tatsächlich im Kino ein. Na gut, sie war müde, wir hatten am Vorabend lange gefeiert mit alten Platten von Jimmy Smith und Louis Jordan, mit diesem altmodischen, fulminanten, historischen, emotionalen amerikanischen Kram. So schöne, kalte Jazzfjorde wie in Norwegen haben sie in Amerika halt nicht.
 
„Wenn das europäischer Jazz ist, kann er mir gestohlen bleiben“, sagte Pia, als der Nachspann durch war und ich sie sanft wachküsste. Verpasst hatte sie außerdem: Robert Wyatt als authentischer Zeitzeuge für die Anfänge des Jazz. Dee Dee Bridgewater, Jahrgang 1950, als kompetente Fachfrau für die 50er-Jahre. Joachim Kühn, völlig high, total endkrass. Aber immer noch besser, als wenn uns Dieter Bohlen die Tonleiter erklären würde. Gut, dass ich heute die Welt wieder so positiv sehe.
 
Pit Huber

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13 Kommentare zu „Play your own thing“

  1. Also Pit, ich muß schon sagen. Deine Beschreibung dieses Films hat mich unglaublich neugierig gemacht! Ich erbitte weitere Informationen den Titel betreffend damit ich mich ebenfalls im Kino daran erfreuen kann.

    Beste Grüße

    Sandra

  2. Den Titel kriegst du sicher raus. Kleiner Tipp: Du hättest dir den Film auf der jazzahead! ansehen können.

  3. Tipp angekommen und verstanden. Falls du auch da warst, warum hast du denn bei mir keinen Tee getrunken? Ich hatte auch ein paar nette Platten dabei…

  4. Ich habe zu großen Respekt vor Samowaren. Die explodieren immer, wenn ich in der Nähe bin.

  5. Na, das hättest du mir ja sagen können. Mein Samowar ist ein ECHT sehr altes Teil aus Russland und sobald der Tee heiß ist zieht man einfach den STecker raus, dann kann er nämlich nicht mehr explodieren…..

  6. Hallo, ihr zwei Turteltäubchen! Ist ja nett, was ihr euch zu sagen habt, aber vielleicht meldet sich mal jemand, der den Film ebenfalls gesehen hat? Ich kann nicht recht glauben, dass der so schlimm ist, aber wenn, spare ich mir das Kinogeld gerne.

  7. Also, Pit sieht das alles ein bisschen verkniffen. Der Film hat einen richtig dicken Klopps, nämlich dass bei einer Ellington-Archivaufnahme zwar Paul Gonsalves zu sehen ist, wie er ein Solo bläst, aber der Name Johnny Hodges eingeblendet wird. Ansonsten gibt es einige wirklich gelungene Ansatzpunkte, die all jenen gefallen werden, die zuhause auch eine CD von Joachim Kühn, Jan Garbarek oder Till Brönner stehen haben. Und außerdem ist das letzte Interview mit Mangelsdorff dabei, natürlich nur ein winziger Ausschnitt.

    Und noch eins: Natürlich sind Dexter Gordon und Ben Webster in den alten Bildern wirklich Spitze, aber das beste daran ist doch der junge Niel-Henning Orsted Pedersen. Und die beste Archivaufnahme hat der Regisseur doch von Krzysztof Komeda ausgegraben. Also, bleib mal locker Pit und sieh`s nicht so verkniffen. Besser ein Film über Jazz als gar kein Film über Jazz. Davon gibt*s eh viel zu viele.

  8. Aha: Besser irgendein Film als gar keiner. Nach dem Motto: „Lieber Benzin als gar nichts zu trinken.“ Sagte der in der Pampa liegen gebliebene Autofahrer, griff zum Kanister und ging qualvoll zugrunde.

  9. Schön, dass wir alle im Überfluss leben: jede Menge Benzin, jede Menge Wasser, jede Menge Jazz.

    Prost richie!

  10. Wie blöd ist das denn? Könnt ihr nicht einfach den Titel nennen?

  11. Play Your Own Thing – Die Geschichte des Jazz in Europa

    Der Titel ist gleichzeitig die Überschrift des Blogs – und deshalb im Prinzip schon genannt.

    Viele Grüße

  12. jetzt hab auch ich’s verstanden, vielen Dankn und auch viele Grüße

  13. Mit einigem Abstand muss ich heute sagen: Reinhard, du hast recht! Ich war wohl etwas zu streng. Heute würde ich es so schreiben:

    Play your own thing

    Das ist mal ein toller Film! Fröhlich beglückt verließen Pia und ich gestern das Kino. Welch hingebungsvolle Hommage an den Jazz! Was macht es da schon aus, dass viele der eingeblendeten Musikernamen fehlerhaft geschrieben sind, mal sogar ein völlig falscher Name erscheint, die deutschen Untertitel auch schlecht und sinnentstellend übersetzt wurden? Auf den Spirit kommt es doch an! Seien wir ehrlich: Jeder von uns macht mal Fehler. Und wenn es in einem Film um Jazz und nur um Jazz geht, bleibt auch dem engagiertesten Filmemacher gar nicht anderes übrig, als seine Fehler eben dort zu machen. Kann man mit leben. Echt nicht so schlimm, ey.

    Europa hat seinen eigenen, seinen eigenständigen, seinen vollwertigen Jazz – das war die frohe Botschaft des Films. „Die eigene Stimme finden.“ Und zu diesen Worten sah man dann auch prompt Till Brönner, wie er einen echten Blues bläst, schwarz, schmutzig, erdig, wie aus dem amerikanischen Bilderbuch, wie direkt aus dem Soul Jazz der Fünfziger hereingeweht. Pia war ganz aus dem Häuschen: „Ist der nicht süß?“ Das ist ja auch wirklich super, dass ein Deutscher aus Viersen heute genauso gut Trompete spielen kann wie Lee Morgan vor 50 Jahren.

    Worauf kommt’s an im Jazz? Auch das erfährt man im Film: „Die Emotionen rauslassen!“ Wie das geht, zeigten die Amerikaner in fulminanten historischen Filmausschnitten. Aber auch die Europäer lassen im Jazz ihre Emotionen raus: in großartig intellektuellen, endlos statischen Klangbildern. Dazu passten die wunderbar langen Kamerafahrten über norwegische Fjorde, dazu der unermüdliche Monolog von Jan Garbarek aus dem Off. Pia schlief zwar irgendwann ein, aber das hatte bestimmt einen anderen Grund: Wir hatten am Vorabend lange gefeiert mit alten Platten von Jimmy Smith und Louis Jordan, mit diesem altmodischen, fulminanten, historischen, emotionalen amerikanischen Kram. In Amerika kennen sie Norwegens schöne, kalte Jazzfjorde nicht.

    Schlafend hat Pia dann leider noch einige Highlights verpasst: etwa den greisen Robert Wyatt als authentischen Zeitzeugen für die Anfänge des Jazz. Oder Dee Dee Bridgewater als kompetente Fachfrau für die von ihr intensivst erlebten 50er-Jahre (sie ist Jahrgang 1950). Oder Joachim Kühn, völlig high vom Jazz, von Begeisterung wild aufgekratzt. Das war noch besser, als wenn uns Dieter Bohlen die Tonleiter erklären würde.

    Pit Huber

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