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Pit Huber

„Wirst du da nicht neidisch?“, fragt Pia gerade, nachdem sie einen Blick in diesen Blog geworfen hat. Ihren berüchtigten, gleichgültigen, flüchtigen Blogblick. Was für eine Frage! Natürlich werde ich neidisch, wenn die Mit-Blogger so viel mehr Kommentare kriegen als ich! Neidisch, eifersüchtig, missgünstig! Mein Bauch schwillt schwarz an vor Galle und meine Augen sprühen Feuerblitze. Besonders dann, wenn Lisa, Martin oder Sandra mir auch noch Mails schreiben wie diese: „Lieber Pit, hast du meinen neuen Blogbeitrag schon gelesen? Ich hatte nach 12 Stunden bereits 7 Kommentare. Wann hattest du zuletzt 7 Kommentare?“

Ganz klar: Da muss sich was ändern. Ich will mehr Kommentare! Eine von den Jazzpäpsten heiliggesprochene Kuh muss her und die wird dann geschlachtet. Oder zumindest gepiekst. Irgendwas Schlimmes muss ich schreiben, etwas, das in keiner Weise mehr pc ist – oder jc („jazzistically correct“). Etwas, das die eine Hälfte der Blog-Gemeinde vor Schmerzen aufbrüllen lässt und der anderen Hälfte aus tiefster Herzensmördergrube spricht. Etwas, das die Jazzwelt spaltet wie eine Laserkanone eine morsche Eiche.

Am besten, man demontiert ein Denkmal. Sting zum Beispiel, diesen ewigen Langweiler. Oder Joni Mitchell, die heilige Johanna des Erwachsenen-Pop. Wenn ich nur das Cover dieser „Tribute“-CD ansehe, wird mir bereits übel: Joni, wie in Steinseife gemeißelt, schon halb in die Ewigkeit entrückt. Aber was das Joni-Mitchell-Demontieren angeht, hat Kollege Kampmann im letzten Heft von Jazz thing (JT 71, S. 81) eigentlich gute Arbeit geleistet. Hat zugebissen wie ein tapferer Leitwolf.

Also bleiben wir doch beim Jazz-Jazz! Wie wäre es mit Saint John Coltrane? Offenbar will ja keiner hören, was für ein einfallsloser, humorfreier Technikfreak das war. Ein reiner Arpeggio-Spieler, Skalen-Renner, Akkord-Auffächerer. Damit das überhaupt erträglich wurde, spielte er jeden Chorus noch ein bisschen lauter und noch ein bisschen virtuoser. Genau das, was man den heutigen Musikern als verschulten, seelenlosen, formalistischen Technikfetischismus vorwirft. Miles Davis hat das nervöse Getute damals schon genervt: Warum er nicht mal 26 Chorusse statt 27 spielen könne, fragte er seinen Sideman, es käme ja echt nicht drauf an. Und einen praktischen Tipp hatte er auch noch für ihn: „Einfach das Saxofon aus dem Mund nehmen!“ Aber man soll über Tote ja nichts Böses sagen. Anderenfalls könnte ich jetzt noch anmerken, dass Coltrane von Politik und Religion keine Ahnung hatte. Sonst muss er aber ein netter Kerl gewesen sein. Ein bisschen verdorben nur von seiner frömmelnden Familie.

Oder wie wär’s mit einem aktuellen Trend? (Ich will Kommentare auch von den Jungfröschen!) Kürzlich war ich bei einem Festival, da spielten so viele Pianisten, dass das Klavier überhaupt nicht mehr bewegt werden musste. Es stand einfach nur da und brachte vor Staunen den Deckel nicht zu. Und kein einziger der Pianisten schaffte es, dem Klavier NICHT in den offenen Rachen zu fassen und irgendetwas mit den Saiten anzustellen. Das scheint jetzt irgendwie in Konzertverträgen Bedingung zu sein: „Künstler ist verpflichtet, während des Vortrags mehrfach direkt in die Klaviersaiten zu greifen.“ Dabei ist das ja weder klanglich noch musikalisch besonders prickelnd. Es setzt ja auch nicht jeder Pianist den Ellbogen ein, nur weil Jelly Roll Morton und Cecil Taylor das mal gemacht haben. Und es dreht auch nicht jeder Saxofonspieler in jedem Konzert mindestens einmal den Schnabel von seinem Horn, um a) ins Mundstück allein zu pusten oder b) auf dem Saxofon ohne Mundstück Musik zu machen. Also bitte, schließt künftig die Klavierdeckel! Am besten mit Vorhängeschloss dran.

Und noch eins, nicht totzukriegen: die ständige Zitiererei. (Ja, jetzt komme ich in Fahrt.) Der Jazz klingt heute anders, wir wissen es, alle suchen nach neuen Konzepten, Mainstream war 1958, wir besitzen eine andere Sensibilität, die Stilgrenzen haben sich aufgelöst, auch Charlie Parker würde heute anders spielen – so weit, so gut. Und im nächsten Augenblick gehen sie hin und zitieren „Confirmation“ oder „Well You Needn‘t“ oder zumindest die Bridge aus „Blue Skies“. Ich schreibe jetzt dann die „First International Bop Quote Championship“ aus. Da steht dann der digitale „Quote Ticker“ auf der Bühne und blinkt bei jedem Bopzitat. Wer die meisten Blinker hat, wird Champion. Natürlich gelten auch Zitat-Zitate. Das sind die, die Sonny Stitt oder Phil Woods schon 1958 spielten, aber damals aufgrund einer akuten Akkordschieflage spontan ein bisschen abändern mussten. Manche dieser Zitat-Variationen sind ungemein populär geworden und werden meinem Quote Ticker ein schiffssirenenhaftes Hupen entlocken. Hupen zählt doppelt!

So, das wär’s erst mal. Und jetzt her mit den Kommentaren! Damit Pia beim nächsten Blogblick keine dummen Fragen mehr stellt.

Pit Huber

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7 Kommentare zu „Neid!“

  1. Ich kommentiere hier alle Blogger :-)

    Erst mal ein Lob: Pit Hubert – das ist das erste was ich in einem neuen JazzThing lese, und meist auch das beste!

    Und zum aktuellen Trend: mit allem rumspielen anstatt Musik zu spielen. Das geht mir wirklich auf die Nerven.

    Letzthin zu Matthias Schriefl (Shreefpunk) gegangen, weil preisgekrönter Trompeter etc. (und vor allem weil sein kleiner Bruder Magnus so toll spielt, den kannten wir schon). Aber dann nur Rumgespiele: auf und in alles muß mal geblasen werden, in Dämpfer, Vogeltröten, Vasen, ganz egal, und so schnell hintereinander, daß das Zeugs rumfliegt auf der Bühne. Die Kollegen an Gitarre etc. waren auch voll beschäftigt mit Effekten und Gedöns. Toll! Nur war das halt nicht im Bierzelt um Trottel zu beeindrucken sondern in der Unterfahrt (Jazzkeller in München).

    Die Stücke gähnend langweilig, die Interpretationen auch. Aber Selbstvertrauen hatte er, der Herr Preistrompeter („war gestern in Wien, vorgestern in Rom“) nach dem Motto ich bin der Champ von Obergiesing.

    Nach dem ersten Set sind wir gegangen. Zu Hause dann eine Platte aufgelegt.

  2. Michael Gottfried

    Hach, schöne, einseitige Rage – hab ich auch oft und stimme zu. Naja, bis auf das demontieren von Sting vielleicht (obwohl er das manchmal auch ganz alleine zu schaffen scheint, aber manche Platten werd ich ihm nie vergessen). Noch ein schnell ein paar Denkmäler demontieren? Vielleicht sollte ich noch hinzufügen, dass mich sowohl Bobby McFerrin, als auch Al Jarreau zeitlebens genervt haben, das dürfte wohl auch eine Ansicht sein, mit der ich ziemlich alleine dastehe. Oder?

  3. Lieber Pit, (wie ich dir schon in meiner letzten mail schrieb:) ) Es reicht als Ansatz nicht, einzelne Stars und deren Anhänger zu dissen. Gegenüber dem vorhanden Erregungspotential ist die Situation für den potentiellen Kommentator dabei zu unwägbar: Er liebt seinen Star, weiß aber auch, dass er Gefahr läuft, sich in einer Minderheitenposition wiederzufinden. Der Kommentator ist ein scheues Wild, er wagt sich am liebsten dann hervor, wenn er sich nicht allein weiß. Ich empfehle daher, gleich ganze, möglichst große Gruppen innerhalb der Leserschaft gegen sich aufzubringen. Gute Erfahrungen habe ich z.B. mit Bassisten und Rauchern gemacht, (wobei Letztere noch einen Schlag abkönnen müssten. Vielleicht probierst du’s mit denen noch mal …)

  4. Was Bassisten und Raucher betrifft, muss ich Martin Schüller recht geben, weil ich selbst Bassist und Raucher bin. Ist aber dir, Pit, eigentlich schon einmal aufgefallen, dass keiner deiner Mitblogger, kein Martin, keine Sandra oder Lili, so viele Komentare beim Lebenslauf hat wie du (gut, ich gebe es zu, für einen Teil davon bin ich verantwortlicht). Aber muss man einem Pit Huber, um nicht zu sagen: DEM PIT HUBER, überhaupt Trost spenden?

  5. was soll denn das geläster, ich kapier nicht wo das problem ist! wenn euch andere künstler nicht gefallen, geht doch einfach und macht selbst musik. oder liebe. wie wärs?

  6. Das ist kein Geläster sondern Kritik, die dazu dient entweder auf gute Musik(er) hinzuweisen oder vor schlechter/n Musik(ern) zu warnen.

    Selber machen? Typische Antwort. Loben darf man immer aber was negatives, dafür ist man natürlich nicht kompetent genug.

    Außerdem: das letzte gute(!) Jazzkonzert das wir besuchten (letzter Freitag) hatte 4 Musiker und 7 Zuhörer inkl. mich und meiner Frau. Willst Du noch weniger Zuhörer und noch mehr aktive Jazzer?

  7. Für Autoren mit Deinem Schreibstil gibt es sogar ein Modelabel: Ichichich. http://www.ichichich-berlin.de. Aber das Label hat Inhalte, Du hast Kommentare.

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