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Pit Huber

Manchmal habe ich den Verdacht, der wirkliche Jazz fände ganz anderswo statt, vielleicht in Nagoya, Kinshasa oder Belgrad, und wir wüssten nichts davon. Wie komme ich drauf? Vielleicht weil so viele kleine Musikerlabels gar nicht mehr bei uns vertrieben werden. Oder weil die Musiker einfach nicht mehr in Deutschland spielen. Man fühlt sich irgendwie unterinformiert. Die Berliner glauben schon, ihre Stadt sei international in Ungnade gefallen, weil die Musiker so gern einen Bogen machen. Dabei gibt es in Berlin einfach keinen Veranstalter mehr, der ordentlich bezahlen könnte. Ausgestorben und nutzlos liegt die Stadt jeden Abend in ihrer Brandenburger Kuhle, sobald die Politiker Feierabend machen. Gähnende Stille senkt sich auf die schwarzen Dächer. Nur die fünf Opernhäuser erstrahlen in subventioniertem Glanz.
 
Irgendwann werden wir nur noch die Jazzmusiker im engsten Freundeskreis kennen. Oder ein paar von uns tun sich zusammen und finanzieren einfach ein Jazz-Quartett. Jazz – eine Initiative Ihres Wohnviertels. Viele kleine Jazz-Szenchen. Das müsste sogar in meiner Kleinstadt möglich sein. Nur eben nicht in Berlin. „Ich traf in Berlin in vier Jahren keinen einzigen Jazzmusiker – niemanden, der ein vernünftiges Saxofon spielte“, beschwert sich der Pianist Gonzales. So gerne hätte er am Prenzlberg eine Nachbarschafts-Swingband gegründet.
 
Die Kokonisierung der Musikszene ist jedenfalls voll im Gange. Sony zum Beispiel hat jetzt gemeinsam mit dem Schwulensender Logo ein eigenes Label nur für Homosexuelle gestartet. Fehlt das Geld, bleiben immer noch die Minderheiten: Die nächsten Projekte sind der „Schwaben-Rap“, das „Yellow Label“ (für Neoliberale) und der Low-Price-Download-Anbieter www.volksmusik-fuer-aerzte.de (für den kleinen Geldbeutel). Es lebe das Musik-Getto. Nur die HypoVereinsbank will das noch mal bremsen. Am 2. März steigt ihr Seminar „Business Trends 2006: Paid Entertainment“. Allerdings weit weg von Berlin.
 
Pit Huber

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5 Kommentare zu „Im Jazz-Kokon“

  1. Komisch, dass in anderen Ländern z.B. Südafrika der Jazz immer mehr eine kulturelle, soziale und politische Bedeutung erhält und hier „Jazz“ einzig als gepanschtes Architektur/Design-Studenten-Elektronik-Gemisch bekannt ist.

    Einen „Markt“ sich herbeizuwünschen finde ich falsch. Wir brauchen Passion, entwickelt aus natürlichem Interesse. Schuld an der Misere sehe ich mal wieder: „Die 68er“ ;)

    PS: Dass viele den Rückweg über Elektronik (dann Funk etc.) finden, ist völlig OK.

  2. Über Berlin kann ich nicht wirklich viel sagen, aber ich habe schon auch den Eindruck, dass es der Jazz schwer hat und sozusagen eher „von unten“ Impulse bekommen muss/soll/darf. Und von mir aus natürlich gerne über den vom Vorposter genannten Rückweg ;O)

  3. Man sollte weiter in die Vergangenheit zurückgehen und die so genannte Haus- oder Salonmusik des 18. und 19. Jahrhunderts wiederbeleben. Damals wurden zig Werke von Komponisten wie Haydn, Mozart, Beethoven, Schubert und Co. eben nicht nur in großen Konzertsälen und Opernhäusern uraufgeführt. Vielmehr spielte man deren Musik im kleinen Kreis – ein Vorrecht, das erst dem Adel und später dann dem sich emanzipierenden Bürgertum vorbehalten war. Und eine solche Aufführungspraxis käme ja auch dem hermetischen Sektierertum, wie es in der Jazz-Szene weit verbreitet ist, entgegen, oder?

  4. Ich glaube ein großes Problem sind unsere deutschen Medien. Die Masse bekommt doch nur musikalische Ramschware vorgesetzt.

    Die deutsche Musikindustrie beklagt sich über die rückläufigen Verkaufszahlen bei Tontraägern und geht davon aus, dass mal wieder das Internet und die Heimbrennereien dafür verantwortlich sind. Dabei liegt es zu einem guten Teil an dem Mist, der bei uns produziert und beworben wird. In vielen anderen Ländern stellt sich das anders dar. Vielleicht sollten unsere Medien der jüngeren Generation mal ein Angebot machen mit etwas mehr Niveau… und so langfristig auch eine Nachfrage generieren.

    Ich KAUFE meine CDs gerne – allerdings nicht in Plattenläden; da gibt es meine Musik kaum… Und deutsches Radio höre ich seit 20 Jahren nicht mehr.

  5. Vielleicht sollten unsere Medien der jüngeren Generation mal ein Angebot machen

    Obwohl ich mich sehr ungerne in die Diskussion um Verantwortlichkeiten, Lehraufträgen und Ausbeutungskapitalismus einmischen mag, hier mein Tipp: Einfach mal selbst eine kleine, lokale Session/Konzert in die Wege leiten. Sei es nur ein DJ-Abend. Ist garnicht so schwer und tut gut im Herz ;)

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