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Martin Schüller

Es war ein erstaunliches Erlebnis. Kollegin Bassenge hat noch vor kurzem hier auf das Phänomen hingewiesen, dass das deutsche Publikum stets auf 1 und 3 mitklatscht, wie sehr die Musik auch swingen mag. Und nun das.

7500 Menschen in einer deutschen Arena klatschen begeistert auf 2 und 4. Und zwar wie eine Eins. (Sorry, den konnt‘ ich mir nicht verkneifen…)

Nun ja, es waren nicht 7500, sondern 7499. Ein Mensch, leider der direkt neben mir, klatschte tapfer auf die 1 – oder besser: circa auf die 1. Seiner Körpersprache war zu entnehmen: Er bemerkte, dass etwas nicht stimmte, aber ihm war völlig unklar, was. Erst als auf der Bühne jemand die weit ausgestreckten Arme über dem Kopf zusammenschlug, wanderte sein Beat ganz langsam in Richtung 2, aber sobald diese optische Unterstützung wegfiel, rutschte er wieder in die Nähe der 1. Mir bereitet es körperliches Unbehagen, so etwas mit anzusehen. Wenn ich eines Tages in der ewigen Verdammnis lande, werde ich mir für alle Zeiten Schlagzeuger anhören müssen, die nach dem Break neben dem Beat landen – aber das nur am Rande.

Das oben erwähnte, nichtsdestotrotz erstaunliche Erlebnis wurde ausgelöst durch einen blinden Afroamerikaner, der seinen ersten Hit vor 45 Jahren hatte und seinen letzten vor 25 und der trotzdem erst 58 ist – glücklicherweise, möchte ich hinzufügen und damit endlich zum Thema kommen, einem eigentümlichen Instrument mit einem eigentümlichen Namen: der chromatischen Mundharmonika. Sie gehört zu den eher rätselhaften Instrumenten der abendländischen Musikkultur. Wann hat der geneigte Leser denn das letzte mal einen Chromatischenmundharmonikaspieler (heißt das so? Herr Duden kommen Sie doch mal kurz her … Wie, das steht hier nicht? Kann ja wohl nicht Ihr Ernst sein … Und dafür bezahl ich Sie?) spielen gesehen? Aber gehört und wahrgenommen hat diesen hellen, beweglichen und seltsam ergreifenden Ton zweifellos schon jeder.

Lässt man diese prägnanten Hörerlebnisse jedoch Revue passieren, dann schält sich für den Jazz der Name nur eines einzigen noch lebenden Spielers heraus, und für den Rest der eines einzigen anderen.
Das sind Jean Toots Thielemans für den Jazz und eben Stevie Wonder für den Rest (was ein wenig ungerecht ist, denn er hat bei seinem Kölner Konzert Miles‘ „All Blues“ und Coreas „Spain“ beeindruckend auf dem Ding gespielt).

Ich persönlich muss gestehen: Weitere namhafte Spieler sind mir nicht bekannt. Wie kommt es, dass ein so bemerkenswertes Instrument so wenig Protagonisten findet? Wer Thielemans mal „Ne me quitte pas“ hat spielen hören und dabei keine Gänsehaut bekam, ist ein Klotz. Und was Wonder an Soul und Groove aus dem Ding holt, reißt noch die letzte Kartoffel vom Sofa. Thielemans ist weit in seinen Achtzigern, Wonder geht auf die Sechzig zu. Wer kommt danach? Ist da wirklich keiner?

Muss ich jetzt auch noch Mundharmonika lernen?

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1 Kommentar zu „Harmonikalernen“

  1. Die chromatische Mundharmonika ist unter den Mitgliedern der leidtragenden Bands auch als „Entlaubungs-Harp“ eher berüchtigt als beliebt. Auditive und motorische Anforderungen sind ungleich höher, in jedem Fall jedoch unterschiedlich zur gemeinen Bluesharp. Das hierbei häufig erzeugte Klangbild führt in der freien Natur zum vorzeitigen Fallen der Blätter und zur Verödung der Bewachsung, es ist quasi das akustische zum Pendant dessen, was mit Pflanzen gechieht, wenn Ziegen daran herumknabbern: da wächst kein Gras mehr. In geschlossenen Räumen führt die unseelige Mischung aus zahnschmelzerweichend mittigem Frequenzbild und den häufigen sog. „falschen“ Tönen zu leisen, klackerenden Geräuschen: die Zahnplomben und auch die letztem Amalagm-Füllungen der Anwesenden lösen sich und gleiten durch den offenen Mund gen Fußboden. Aus diesen Gründen fristet die chromatische Mundharmonika ein völlig bereichtigtes Schattendasein im modernen Unterhaltungsalltag.

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