Uwe Wiedenstried

„Homo natus de muliere brevi vivens tempore repletus multis miseriis quasi flos egreditur et conteritur et fugit velut umbra et numquam in eodem statu permanet.“ Jeder/m zum Trost, die/der es nicht bis zum Großen Latinum gebracht hat: Du musst nicht verstehen. Worte? Was sind Worte? Schall. Weihrauch. Die Welt ist Klang. Lausche! Es ist der Sound, der Sound der Worte, der zählt, nicht ihre Bedeutung: Klactoveesedstene – Oop Bop Sh‘Bam – Jump Did Le Ba – Hey Ba Ba Rebop – Bebop!

Zugegeben, unser Oberhirte in Rom hat diesen Sachverhalt in andere Worte gekleidet, als er seinen Unterhirten erlaubte, die Messe wieder in Latein zu lesen: Der Klang des Lateinischen unterstreiche die Feierlichkeit und Erhabenheit der Liturgie. Es reicht, wenn die Gemeinde von der Frohen Botschaft ergriffen wird, begreifen muss sie sie nicht. Statt „Dies ist mein Leib“ also wieder „Hoc est corpus meum“. Diese Abendmahlsformel verballhornte der Volksmund einst zu Hokus-Pokus, und genau dazu degradiert Benedikt XVI. die katholische Messe. Aber wir schweifen ab.

Die Bibel hat zwar nicht immer recht, dennoch findet sich in ihr die eine oder andere tiefe Wahrheit über die conditio humana, pardon, über die Bedingung des Menschseins, die es lohnt, verstanden zu werden. Luther hat das Zitat aus dem Buche Hiob so übersetzt: „Der Mensch, vom Weibe geboren, lebt kurze Zeit und ist voll Unruhe, geht auf wie eine Blume und fällt ab, flieht wie ein Schatten und bleibt nicht.“

Damit ist alles gesagt über jene kurze Spanne zwischen erstem Schrei und letztem Seufzer, die wir so euphemistisch Leben nennen. Zum Schluss pocht dann der Knochenmann in schwarzer Kutte an die Tür und weist auf die letzten Körnchen, die vom oberen in das untere Glas seiner Sanduhr rieseln. Was soll man sagen? Letzte große Worte? Irgendwie lächerlich, oder? Gleich bratzt man sich ins Hemd, nicht aus Bammel, sondern weil die Kommandozentrale im Oberstübchen aufhört, den beiden Sphinktermuskeln am Anus den Befehl „Dichthalten!“ zu funken, und da soll man sich, kurz bevor man Löffel und Duftprobe abgibt, noch einmal aufbäumen und „Mehr Licht!“ keuchen? – Schmierentheater! Klappe halten, Augen zu und durch. Das war’s. Sense!

Sterben ist ein alltäglicher Vorgang, eigentlich unbedeutend. Gestorben wurde und wird immer: Hiob ist tot, Luther ist tot. Danton, Wallenstein, Willy Loman, ob Revolutionär, General oder Handlungsreisender, keiner kommt daran vorbei, nicht einmal Stan Libuda hat das geschafft. (Wer Stan Libuda war? – Oh, ihr armen, armen unwissend, weil zu spät, Geborenen, euch kann nur noch Google helfen.)

Und doch gibt es Ausnahmen, Menschen, die Freund Hein nicht zu fassen bekommt: Jopi Heesters und den alten Holzmichel z. B. … Der lebt doch noch, oder? Graf Dracula und Elvis werden gelegentlich gesichtet, wobei Verwechslungen hier nicht auszuschließen sind, und, dies steht außer Frage: Bird lebt!

Unsterblich zu sein kann dann und wann zum Vorteil gereichen. Charlie Parker verdankt diesem Umstand sogar ein Privileg, das nicht mit Gold aufzuwiegen ist: Er wird nicht im Verzeichnis toter Musiker geführt. The Dead Musicians Directory ist laut eigenem Bekunden die einzige Obsession eines gewissen Gordon Polatnick aus New York. Fein säuberlich rubriziert nach Art und Umständen ihres selbstredend unnatürlichen Todes – wer erregt schon durch alltägliches Ableben aus Altersschwäche, durch Krebs oder Diabetes Aufsehen? – stellt Mr. Polatnick auf seiner Website (www.elvispelvis.com/fullerup.htm) Musiker/innen aus Pop, Rock, Folk, Country, Blues und Jazz vor.

Die Rubrik Feuer bestätigt eindrucksvoll, dass Sicherheit, nicht Sauberkeit von Heim und Herd, oberstes Gebot bei der Hausarbeit sein sollte: Die Bluessängerin Edna Hicks wienerte ihren in Betrieb befindlichen Kanonenofen mit einem in Benzin getränkten Lappen in solchem Feuereifer, dass zuerst der Lappen und dann durch diesen die gute Mrs. Hicks selbst in Flammen auf- und unterging.

Zwischen der Musik Jimi Hendrix‘ und der Tommy Dorseys liegen Welten, dennoch haben die beiden etwas gemeinsam, ihre Todesursache: Verschlucken des eigenen Erbrochenen, zu finden unter gleichnamiger Rubrik.

Traktorunfälle, das Einatmen giftiger Pestizide und andere Bauerntölpeleien mit letalem Ausgang subsumiert Mr. Polatnick unter dem ein friedliches Landleben suggerierenden Begriff Farming, zu Deutsch: Ackerbau und Viehzucht. Hier hat der Jazz keine Kollateralschäden zu vermelden, dafür um so mehr unter Carcrash: Leon „Chu“ Berry, Clifford Brown, Richie Powell oder Bessie Smith etwa. Der Sänger Dave Lambert wurde beim Wechseln eines Reifens überfahren. – Warndreieck vergessen?

In der Rubrik Mysteriöse Umstände liegen Jazzmusiker ebenfalls vorn: Die Leiche Albert Aylers dümpelte zu Füßen von Miss Liberty im Wasser des East Rivers. Wardell Gray fand man mit gebrochenem Genick in der Wüste von Nevada. Chet Baker fiel oder sprang aus dem Fenster eines Hotels an der Prinsengracht in Amsterdam. – Warum? Wieso? Man munkelt manches, weiß wenig. Jimmie Lunceford kippte nach einem Dinner tot um. Der Fisch war’s nicht, es war der Maître. Dieser, ein Mann mit Ressentiments gegenüber Dunkelhäutigen, verfeinerte Luncefords letzten Gang mit einer Prise Strychnin – sagt man.

Durch Erschießen fanden den Tod: Lee Morgan, Chano Pozo, Jaki Byard und Eddie Jefferson. In der Kategorie Selbstmord fällt eine Häufung von Posaunisten ins Auge: J.J. Johnson und Frank Rosolino.

Beim Golf dagegen starb nur ein Einziger, Bing Crosby, nicht durch einen sein eigentliches Ziel verfehlenden Ball eines minderbegabten Mitspielers, nein, ganz unspektakulär durch Herzklabaster beim Einputten. Ob Crosby vorher sein Handicap verbessern konnte, erwähnt Mr. Polatnick leider nicht.

Hochinteressante Informationen also, gesetzt den Fall, man hat ein Faible für Forensik oder ist Polizeipsychiater, auf Neudeutsch: Profiler, und muss sich den Kopf darüber zerbrechen, welche Art von Persönlichkeit wohl hinter The Dead Musicians Directory stecken mag: ein harmloser Sonderling oder doch ein nekrophiler Stadtneurotiker? Polatnicks Website könnte auch den einen oder anderen Verleger auf Ideen bringen: The Dead Musicians Directory eignet sich hervorragend als Ergänzungsband zu den vielen Enzyklopädien des unnützen Wissens, die bereits auf dem Markt sind. Ein vielversprechendes Geschäft: Jeder Gaffer ist ein potentieller Kunde. Selbst Phönix TV beteiligt sich an der Leichenfledderei und sendet zurzeit die zwölfteilige Serie: „Die letzten Tage einer Legende“.

Wer der unsterblichen Legende Charlie Parker zuhört, hört in jedem seiner Soli: Der Mensch ist voller Unruhe. Wer der späten Billie Holiday zuhört, hört: Einst ging sie auf wie eine Blume, jetzt fällt sie ab, doch immer noch tönt in dieser Stimme, rauh, welk, müde, krächzend, das ganze Leben. Wer die letzten Aufnahmen Lester Youngs hört, begreift: Der Mensch flieht wie ein Schatten und bleibt nicht. Jeder Ton, ob gesungen oder gespielt, spiegelt Leben und Menschsein wider, zumindest bei den großen, stilbildenden KünstlerInnen. Woran und wie Parker, Holiday und Young und all die anderen, für die diese drei pars pro toto stehen, gestorben sind, ist belanglos. Wie haben sie gelebt? Was haben sie erlebt, erlitten? Was lässt sie so singen, so spielen, wie sie singen, wie sie spielen? Dies sind die Schlüsselfragen zum Verständnis ihrer Kunst. Denn: „Jazz ist die Person, die ihn spielt.“ Mal Waldron hat das gesagt. Recht hat er: Jazz ist Leben. „Lasst die Toten ihre Toten begraben!“ (Matthäus 8,22). Lasst den Polatnicks ihre Verzeichnisse, den Verlegern ihre Lexika zu Exitus und anderem Stuss, den Fernsehmachern ihre Leichen und Legenden.

Es gibt nur acht Musiker, die nicht durch das, was sie im Leben geleistet haben, nicht durch ihre Musik, berühmt wurden, sondern tatsächlich allein durch die ungewöhnlichen Umstände ihres gemeinsamen Todes. – Todesdatum: 15. April 1912, Todeszeit: 2:20 Uhr morgens, GMT, Todesort: 41° 46′ N, 50° 14′ W, 3821 Meter unter NN, Todesursache: Ertrinken. Die letzte Nummer, die sie spielten, war „Nearer My God To Thee“. Sie stehen nicht im Dead Musicians Directory.

Die Musikergewerkschaft der Hafenstadt Southampton hat diesen acht Gentlemen ein Denkmal gesetzt. Dessen Inschrift ist im besten Sinne britisch; pathetisch, skurril und doch voller Respekt: „They died at their posts like men.“

Uwe Wiedenstried

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2 Kommentare zu „Exi-Stuss“

  1. Sehr geehrter Herr Wiedenstried,

    Ihre Blogs zu lesen, ist mir ein inneres Laubhüttenfest. Danke für bewußtseinserweiternde Texte!
    (Das muss ja mal gesagt werden! Die Leute reden und reden, aber kommentieren tun sie nix…)

  2. Hallo Herr Wiedenstried,

    Ihre gesammelten Blogs, gibt es die dann mal als kleines Büchlein? Zwischen Morgenstern und Kästner, da wäre bei mir ein Plätzchen dafür frei!

    OhWeh

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