Martin Schüller

Es wird viel und vielfach zu Recht geklagt über Niveau und Inhalt der in Deutschland elektronisch verbreiteten Unterhaltungsprogramme. Doch wie viel dieser Klage ist berechtigte Kritik, und wie viel ist typisch deutsches Jammern? Warum nicht nach der Chance suchen, die jeder Krise innewohnt?

Seit dieser Woche läuft eine Fernsehsendung, in der – verkürzt dargestellt – Deutschland den Superhund sucht. Man mag mit einiger Berechtigung der Hoffnung sein, dass voraussichtlich noch die Superkatze, vielleicht noch das Superpferd gesucht und gefunden wird, dann aber das untere Ende der Spirale erreicht sein könnte, obgleich … ein Superfisch … aber lassen wir das. Nein, statt uns zurückzulehnen und zuzusehen, wie das Absehbare seinen Lauf nimmt, wollen wir in die Bresche springen und der darbenden Unterhaltungsindustrie hilfreich zur Seite stehen. Hiermit also nehme ich Titelschutz in Anspruch für – tataaa –:

DEUTSCHLAND SUCHT DEN SUPERJAZZER! in allen Sprachen und Schreibweisen.

Man stelle sich vor: allein die Castings, in denen junge, unverbrauchte Altsaxofonistinnen sich einer gnadenlosen Jury stellen müssen, in der mit Manfred Schoof, Bill Ramsey und Joy Fleming Jazztitanen sitzen, deren Kommentare (»Dein Ton erinnert mich an einen schwangeren Nasenbär«) jede Schwäche gnadenlos einem begierigen Millionenpublikum vor Augen führen, dieses so erst für die Feinheiten des Genres empfänglich machen und dem Fernsehen endlich wieder ermöglichen, seinem Bildungsauftrag gerecht zu werden, ohne mit erhobenem Zeigefinger erhaben zu langweilen.Natürlich wird es Proteste hageln aus Kreisen der etablierten und – sprechen wir es ruhig aus – alt gewordenen Kritik. Man wird die Kategorien in Zweifel ziehen, in denen der Nachwuchs sich auszeichnen soll, weil neben den vordergründigen und oberflächlichen Befähigungsnachweisen wie Instrumentenbeherrschung und Bühnenpräsenz, eben auch Fähigkeiten wie »cool rumstehen« (mit den Unterkategorien »bei Solos der anderen«, »bei Konzerten der Konkurrenz« und »besoffen«) oder »Drogenbeschaffung« (»legal«/»illegal«) bewertet werden. Aber gehören sie nicht genauso zum Jazz wie eine saubere Intonation? Niemand kann sich hinter der Musik verstecken, wenn das Leben an die Tür klopft! Und an der Optik könnte man generell auch mal wieder was tun, fällt mir ein, wenn ich mir das Ben Webster-Foto an meiner Wand so angucke.

Also: auf geht’s! Bewerbungen mit aussagekräftigen Fotos an die Redaktion, Höchstalter, sagen wir mal 28, bei Frauen 25. Bitte keine Tonträger beilegen. Für so was ist keine Zeit.

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2 Kommentare zu „DSDSJ“

  1. Die Leute, die diese Shows sehen, hören keinen Jazz; bzw. die Leute die Jazz hören, sehen solche Sendungen nicht.

    Da beißt sich die Katze in den Schwanz: Die Leute bekommen in Fernsehen, Radio etc. nur Müll vorgesetzt. Die Sendeanstalten argumentieren, dass es nur für Müll eine Nachfrage gibt. Woher soll eine Nachfrage nach Qualität denn kommen, wenn ich den Leuten kein anspruchsvolleres Angebot mache. Die kennen ja nichts anderes (mehr) als Schrott.

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