Pit Huber

So richtig gemütlich wird es im Jazzclub oft erst hinterher: wenn sich die Musiker langsam von ihren gekünstelten Siebenachteltakten erholen, die Frauen endlich ungehindert auf die Toilette gehen können, die Schwätzer wieder schwätzen und die Raucher wieder rauchen dürfen, die Bedienung in Ruhe mit dem Geschirr klappern kann und der Wirt endlich seine Lieblings-CD auflegen darf. Letzten Freitag saßen wir dann noch länger zusammen. Ein paar Musiker von der Bühne waren dabei, ein paar Musiker aus dem Publikum, Freunde, Bekannte, Stammgäste, ein größerer Kreis. Jede Menge Musikergarn wurde gesponnen, über Klaus Doldinger im Damenklo und Michael Naura im Vollrausch, solche Sachen, und Pia unterhielt sich lange mit dem jungen Schlagzeuger aus der Band, dem mit der blonden Tolle. Komisch, der ist doch ein ganz anderer Typ als ich. Bevor wir gingen, machte sie sogar von der Runde ein paar Erinnerungsfotos mit ihrer alten Analogkamera.

Wir hatten den Ausgang noch nicht erreicht, als uns einer von den Typen nachlief, so ein Halbjunger, steil gegelt und kunstvoll kotelettiert, in schwarzem Sakko und schwarzem Rollkragen. Wir müssten noch was unterschreiben, sagte er. „Wir haben schon Flatrate“, antwortete Pia, die nicht mehr ganz nüchtern war. „Vielleicht ein Hilfsprojekt für die Jazzszene“, kicherte ich. Was er uns dann vorlegte, besaß eine gewisse Ähnlichkeit mit Fragebögen zur Erlangung der Einreisewürdigkeit für Usbekistan. Oben drauf stand „Leim & Babel Artist Management“ und darunter: „Danke für Ihr Interesse an Leim & Babel Künstlern. Wir bitten Sie, dieses Formular komplett auszufüllen. Es hilft uns, Ihre Anfrage nach einer Fotografier-Erlaubnis zügig zu bearbeiten.“ Wir kapierten nichts. „Wisst ihr, wir stecken eine Menge Geld und Arbeit in Nico“, flötete der Halbjunge, „wir glauben einfach an den Jungen, ein Riesentalent, und wir bringen den ganz groß raus, das wird der neue Wynton Marsalis.“ Unter „Name des Künstlers“ stand: Nico Greiner. „Wer ist das denn?“, fragte Pia. „Der saß so halb links, zur Theke hin, dunkle Haare, dunkles Shirt“, sagte der Halbjunge, „du hast ihn doch fotografiert.“

Also füllten wir alles brav aus: unsere Namen, Adressen, Telefon, Fax, E-Mail. Dann: Tag, Ort und Uhrzeit des Photo Shootings. Zweck und Verwendungsart. Pia schlug als Zweck vor: „Freunden zeigen.“ Dann: Name der Publikation, Erscheinungsort, Erscheinungsweise. Dann: „Anzahl und Fabrikate der verwendeten Fotokameras.“ Dann: „Ich erkläre mich bereit, Leim & Babel Artist Management Kontaktabzüge des kompletten Shootings zur Verfügung zu stellen.“ Dann: „Jede Veröffentlichung und Verbreitung von Bildmaterial aus obigem Photo Shooting – auch im Internet – bedarf der ausdrücklichen schriftlichen Genehmigung durch Leim & Babel Artist Management und ist auf das darin bezeichnete Territorium beschränkt.“

Das Formular hatte auch noch eine Rückseite. „Bei dem Aufwand solltest du mit deinen Bildern wirklich was anstellen“, sagte ich noch, um gute Laune bemüht. „Ich hab doch nur so abgedrückt“, meinte Pia, „vielleicht können wir noch mal zurückgehen?“ Das ließen wir dann aber bleiben: Wir kennen Nico Greiner ja gar nicht. Das ganze Wochenende haben wir gerätselt, welcher in der Runde er nun eigentlich war. Vielleicht kommen wir dahinter, wenn wir Pias Bilder sehen. Der Film ist allerdings noch halb leer.

Pit Huber

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1 Kommentar zu „Der neue Marsalis“

  1. DAS habt ihr unterschrieben? Schon einen Kleinkredit aufgenommen?

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