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Pit Huber

Jetzt haben sie ihn abgefeiert, den Jahrhundertmusiker, den großen Innovator, den Zauberer. 80 Jahre alt wäre er geworden im Mai und daher gab es Würdigungen überall. Ein „Trompeten-Genie“ wurde er genannt, von seiner „virtuosen Trompete“ war die Rede, von seiner beispiellosen „Trompetentechnik“. Alles Bullshit. Miles‘ erster Trompetenlehrer in St. Louis sagte einst zu ihm: „Du bist der schlechteste Trompeter, den ich kenne.“ Billy Eckstine ließ ihn nur aus Gutmütigkeit einsteigen: „Er klang furchtbar, er konnte überhaupt nicht spielen.“ Bei Charlie Parker drückte er sich um die technisch anspruchsvollen Stücke, und zum Glück nahm ihm Dizzy Gillespie bei der ersten Plattensession die schwierigen Parts ab.

Miles vermied die hohen Töne und die schnellen Tempi und griff schließlich zum Dämpfer, um seinen schlechten Ansatz zu vertuschen. Bei Gil Evans blieb nur die Solisten-Rolle für ihn übrig, weil die ausgeschriebenen Trompetenstimmen zu schwer für ihn waren. Tony Williams, der Youngster im 60er-Jahre-Quintett, musste ihn sogar ermahnen, doch endlich mal Trompete zu üben. Das tat Miles dann öffentlich in den Achtzigern und nannte es Popkonzert.

Neben seiner überschätzten Trompetenkunst wurde der Jubilar auch für seine stilistischen Innovationen gelobt. Was er nicht alles erfunden haben soll: den Cool Jazz, den Hardbop, den modalen Jazz, den elektrischen Jazz. Ich habe gründlich recherchiert und weiß jetzt, dass er dafür verschiedene Pseudonyme benutzte: Lee Konitz, Horace Silver, George Russell, Herbie Mann. Der Beweis: Keiner von denen spielte gut Trompete.

Zu kurz gekommen in den Würdigungen ist Miles‘ Verdienst als Cover-Ästhet. Er war der Erste, der seine Freundinnen auf seinen Plattenhüllen verewigte: Frances Taylor, Betty Mabry, Cicely Tyson, Marguerite Eskridge. Wir sollten alles dafür tun, damit diese historische Leistung wenigstens dann zu Miles‘ 100. Geburtstag richtig gewürdigt wird. Man wird dann nicht mehr schwammig vom coolen oder modalen Miles faseln müssen, sondern chronologisch exakt von seiner Frances- oder Betty-Phase sprechen. So viel jazzhistorische Gewissenhaftigkeit sind wir dem Trompeter, der nicht Trompete spielen konnte, auf jeden Fall schuldig.

Pit Huber

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11 Kommentare zu „Der abgefeierte Miles“

  1. Böse. Aber nicht falsch.

  2. …dann hör doch weiter Wynton Marsalis oder besser noch: gesamplete Trompeten aus dem Rechner, die sind technisch immer perfekt.
    Miles‘ Musik hast Du jedenfalls – genau wie die, die seine Technik feiern – nicht verstanden.

  3. Bei der Frage der Cover-Ästhetik von Miles Davis darf man dessen eigene Mal-Versuche aus seinen späten Lebensjahren nicht vergessen, die als malerische Paraphrase des „Bitches Brew“-Covers anzusehen sind und durch ihren ungezwungenen Umgamg mit pornografischen Elementen vor allem Männer ansprechen (und deshalb auch in einer Linie mit Miles‘ Freundinnen und Ehefrauen auf den Covern stehen). Der kreative Nährwert seiner Malereien wird nur noch von Joni Mitchels naiven Kinderkunst unterschritten. Ach, unbeantwortet ist zudem die Frage, inwieweit Miles auch als Avantgardist in Modefragen zu betrachten ist. Aber für die Antwort hat man ja noch 20 Jahre Zeit.

  4. …..wenn man so etwas liest, kann mann sich nur fragen, ob der Autor auch nur annähernd irgend etwas mit Musik zu tun. Es wird einem schlecht und es ist schlimm, dass so etwas veröffentlicht wird. Ich würde ihm vorschlagen, dass er sich solche „Ergüsse“ auf seiner eigenen Toilette in Zukunft erbricht….

  5. Schön fies, da steh‘ ich drauf.

  6. es ist zumindest schön, wenn über einen musiker (den ich persönlich schätze) so gegensätzlich gesprochen wird (werden kann) – eine durchschnittsfigur wäre im sprichwörtlichen sinne „nicht der rede wert“

  7. Herr Huber, wann lernen Sie es endlich dick „SATIRE“ über ihre Kolumne zuschreiben, damit auch die Micha Hoffmanns und N.K.s dieser Welt begreifen, daß sie Ihre – im Kern wie immer natürlich pfeilspitz treffenden – Beobachtungen nicht auf die Goldwaage legen sollen.

  8. Hallo Jota, guter Vorschlag. Ich werd’s bei Gelegenheit ausprobieren, wenn mir mal partout nichts Satirisches einfallen sollte. Hoffentlich nehmen Sie mich dann wenigstens ernst.

  9. Ein später Nachtrag:

    Ein Jazzfan kommt in den Himmel. Petrus bittet ihn herein. Dort spielt zu seinem Willkommen die beste Big Band, die er je gehört hat. Alle Großen sind vertreten: Dizzie, Bird, Monk, Klook … you name it. Auch das Stück ist überirdisch! Petrus reicht ihm ein Guinness: Er ist im Himmel. Plötzlich betritt eine weiß gekleidete Gestalt die Bühne, dreht ihm den Rücken zu und spielt mit jämmerlichen Ton ein zaghaftes Trompetensolo. »Hey, Pertus«, sagt der Fan, »die Band ist fantastisch, aber was soll DAS?« »Nicht so laut«, antwortet Petrus flüsternd, »das ist Gott … Er denkt er sei Miles Davis!«

  10. finde es wunderbar , wenn in der heuchelei um irgend etwas eine realität durchbricht, das selbe braucht der „river dance“ die popstars erheben sich aus der asche, natürlich lügen alle, miles hat in
    seiner mischung aus heroine coks und diabetes natürlich eineige sachen hin gerotzt, die man nicht anhören kann.
    aber da sind natürlich auch coole nummern passiert.
    nicht um sonst gibt es sketche von helge die sich über davis amüsieren,
    aber all dies amüsemeng birgt auch noch ein bischen liebe.
    von miles verstehen oder nicht kann hier gar nicht die rede sein und wer das verlangt is vermutlich sehr klug.
    aber schön wenn die gedankenwelt weg vom dummen klischee wandern darf.
    ich danke dir dafür von ganzem herzen pit,
    liebe grüße,
    dein marcus t.

  11. ein weißer schreibt über schwarze musik. immer noch schwierig wie vorliegender artikel zeigt. schade,- set versaut.

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