ELBJAZZ 2019

André Nendza

Mein klangvoller, prächtiger Name André Nendza ist seit jeher Opfer unterschiedlichster Verstümmelungen. Das beginnt noch recht harmlos mit dem vergessenen Accent Aigu auf dem e meines Vornamens. Kein echtes Problem, zumal ich die französische Aussprache meines Namens eher befremdlich finde. Außer bei Georg Ruby, der mich als frankophiler Saarländer konsequent „Ondree“ nennen darf.

Ab und an wird allerdings auch ein Accent Grave auf das e gekleistert. Das ist meist der mangelnden Beherrschung der Computertastatur geschuldet, hat aber dennoch Folgen. Macht es doch aus dem eleganten Ondree ein krächzendes Ondrää, welches mich an das Mantra meiner Französisch-Lehrerin erinnert (André, nicht swooiir, sondern süüür la table).

Andere meinen, ich hieße Andreas, und zerstören so unbarmherzig die geheimnisvolle, polyglotte Aura, von der man im Jazzwesen ganz wesentlich abhängig zu sein scheint. Denn nur als „André Nendza“ konnte ich wahlweise als Ungar, Franzose oder – abstammungstechnisch wenigstens nicht ganz falsch – Pole manch deutschem Festival eine Note von internationaler Größe geben.

Dann gibt es ab und an noch das niedliche „Andi“. Und das ist nun endgültig vermintes Gebiet, denn so darf mich ernstlich nur meine Familie nennen. Was sie dann auch ausgiebig und schon immer tut. Nicht, dass mir das besonders gefallen würde. Aber ich kenne die Grenzen der Möglichkeiten der Veränderung, zumal ich froh bin, dass im familiären Kreis mittlerweile zumindest die Grundzüge des Berufsbildes „Jazzmusiker“ verstanden wurden und Fragen wie „Wenn du im Orchester spielst, trägst du dann einen Anzug?“ oder „Um Karneval brummt der Laden doch, oder?“ deutlich weniger häufig auftreten. Da kann man doch generös über das ein oder andere „Andi“ hinwegsehen.

Sind die Möglichkeiten zur sprachlichen Enthauptung meines Vornamens noch überschaubar, bietet mein Nachname den Freunden der rasanten Amokfahrt durch die Buchstabensuppe eine vortreffliche und größere Spielwiese. Nensa, Nenser, Nenzen, Neuzen und Nenzren sind nur ausgewählte Beispiele der mannigfaltigen Möglichkeiten, welche in den unterschiedlichsten Besprechungen, Ankündigungen und Infotexten der Nachwelt hinterlassen wurden.

Unter „André Nenza“ finden sich bei Google (ja, ich gebe es zu, ich google ab und zu meinen Namen, natürlich nur aus rein geschäftlichen Gründen) derzeit neun Treffer. Allerdings fragt die Suchmaschine dann auch etwas vorwurfsvoll: „Meinten Sie vielleicht André Nendza?“

Schon in meiner frühesten Jugend versah mich der Vater meines besten Freundes, wenn ich bei ihm nicht gerade aufgrund meiner nuscheligen Aussprache unter „Der Wuu“ firmierte, mit dem Ehrennamen „DER NENZLICH“.

Ein mir im Prinzip wohl gesonnener Veranstalter lässt sich ab und an zu Superlativen wie „Der André Nenzda ist auch ein hervorragender Komponist“ verleiten, was durch den rheinischen Singsang des Mannes eine noch etwas bizarrere Facette bekommt. Auch werde ich nach Konzerten schon mal nach einer eventuellen Verwandtschaft mit Günter Netzer gefragt. Nun gut, wir mögen eine ähnliche Frisur haben, aber meine Mutter war 1968 nachweislich nicht in Mönchengladbach. Und außerdem ist Netzer ja, wie wir seit dem Film „Aus der Tiefe des Raumes“ wissen, eine durch einen chemischen Prozess vergrößerte Tipp-Kick-Figur.

All diese Verfremdungen und Improvisationen mit meinem Namen sind allerdings die gerechte Strafe für meinen eigenen laxen bis stümperhaften Umgang mit der Namens-Orthographie meiner Mitmusiker. Es dauert Jahre, bis ich in meinem Hirn abgespeichert habe, welcher Stefan mit f, welcher mit ph geschrieben wird. Auch die vielen Mat(t)hiase in meinem Umfeld machen mir das Leben nicht leichter. Und selbst bei meinem guten Freund Philipp van Endert muss ich ab und an ein frech gesetztes doppeltes L dann doch durch das richtige Doppel-P ersetzen. Und auch bei meinem eigenen Logo „Crecycle Music“ ist mir gelungen, selbiges auf einer CD, Gott sei Dank unter der Platte versteckt, als „Crecyle Music“ firmieren zu lassen. Aber natürlich trifft man immer Leute mit dem tödlichen Blick für solche Fehler. Menschen, die – nachdem man monatelang glücklich mit dem CD-Cover gelebt hatte – als allererstes das fehlende C entdecken.

Einmal schickte mir ein Veranstalter ein Infoblatt meines Quartetts korrigiert zurück. Er entdeckte kaum Fehler hinsichtlich der Rechtschreibung, fand aber so zirka zehn falsch geschriebene Namen in den Biographien der Musiker. Zwar hatte ich diese aus den originalen Vorgaben kopiert, was mich zu der trostreichen Erkenntnis führt, dass ich nicht der Einzige mit dieser Schwäche bin. Aber selber bemerkt hatte ich es halt auch nicht. Selbst die Tatsache, dass der Veranstalter, vermutlich ein Lehrer, mit „Ramesh Shotham“ einen der wenigen richtig geschriebenen Namen zu „Ramesh Shotam“ korrigierte, ließ nur begrenzt Schadenfreude aufkommen. Zumal beide Versionen sehr weit verbreitet sind.

Der Höhepunkt an orthographischem Roulette passierte mir allerdings auf der aktuellen CD „The Poetry of Rhythm“ des Duos „Angelika Niescier & André Nendza“, auf der wir mit dem Streichquartett „kaj:kaj“ zusammenarbeiten. Beim Verfassen des Covertextes legte ich nach all den beschriebenen Erfahrungen großen Wert auf fehlerfreie Buchstabenordnung und ließ ihn zudem von einigen versierten Personen heftig lektorieren. Das Ganze war wie immer auf „den letzten Drücker“ und in der üblichen Hektik abgewickelt worden, aber dennoch war ich guter Dinge, dass diesmal alles seinen ordentlichen Gang gehen würde. Also: Die CD erscheint, die Promotion wird gemacht, und alles wird – frei nach den Worten der Allwetter-Philosophin Nina Ruge – gut… Bis zu dem Moment einige Monate später, als ich beginne, die Biographien der Musiker des Streichquartetts zu recherchieren. Aus irgendwelchen Gründen lässt sich keine „Felicia Medric“, welche Cello spielt, finden. Nach langer Suche finde ich allerdings eine „Felicia Meric“, die auf einem Photo der Person, die mit uns die Aufnahmen machte, sehr ähnlich sieht. Mir schwant, dass ich hier wohl ein klitzekleines, kaum sichtbares D eingeschoben habe. Das ist natürlich sehr ärgerlich, aber ich beruhige mich mit Abwandlungen von Durchhalteparolen wie „Was ist ein Halbton unter Freunden“. Allerdings lässt sich im weiteren Verlauf dieses zunehmend bewölkten Tages die Geigerin Nadine Aquah Ngoussi auch nicht in der sonst so zuverlässigen Welt des www finden. Mit Stichworten wie „Nadine-Geige-Köln“ finde ich dann eine vermeintliche Hochstaplerin namens Nadine Goussi Aguigah, die von sich behauptet, beim Streichquartett kaj:kaj zu spielen.

Kennen Sie den Moment, in dem Hitzewallungen zielgerichtet in die Wangen schießen?

Erinnerungen an mein mündliches Abitur im Fach Physik kommen schlagartig zurück. Hier hatte mich die Nachhilfelehrerin, bei der ich so ca. 6 Wochen vor der Prüfung vorstellig wurde, mit dem Satz „Du bist etwa auf dem Niveau der 6. Klasse“ ermutigt. Und so ging diese Veranstaltung dann auch mit einer 5 minus zu Ende. Den einen Punkt gab es wohl für meine Tapferkeit.

Mal ehrlich: Bei einem Stefan mal ein ph eigenmächtig einzufügen ist das eine, sich einen Namen fast komplett auszudenken aber ist schon ziemlich peinlich. Durchaus kreativ, aber peinlich. Klar, nur wer nichts macht, macht keine Fehler, aber es bleibt… peinlich. Die betroffenen Musikerinnen wiederum bleiben nach meinem kriechenden Gang nach Canossa überraschenderweise gelassen. Ich selber hätte, wenn mir Ähnliches widerfahren wäre, eine ganz grundsätzliche Diskussion über Würde und Respekt von mindestens dreistündiger Dauer vom Zaun gebrochen. Mit Fußnoten bis tief in meine Kindheit und Querverweisen zu Luther, John Coltrane und Jürgen Fliege. Gleiches bleibt mir also erspart. Vielmehr wird das Ganze zu einem internen „running gag“ bei der Vorstellung des Streichquartetts auf Konzerten. Auch das Versprechen, das Ganze bei einer zweiten Auflage der CD korrigieren zu lassen, ist natürlich hinsichtlich der heutigen Verkaufszahlen von CDs eine sehr langfristige Perspektive.

Zu meiner Verteidigung: 1996 wurde ich als junger, hoffnungsvoller Musiker bei einem Konzert in Schwedt als Frank Nenza aus Dortmund angekündigt. Siehe Beweisstück A:

Frank Nenza am Baß

Drei Fehler bei drei Möglichkeiten. Keine schlechte Trefferquote. So etwas liest man nach einer achtstündigen Autofahrt, einer Gage von etwa 120 D-Mark und der Perspektive einer Unterbringung in einem Lehrlingsheim natürlich gern. Meine küchenpsychologischen Erklärungen gehen jetzt in die Richtung, dass ich dieses Trauma wohl über das Verursachen ähnlicher orthographischer Fehlleistungen zu kompensieren suche. In dieser Hinsicht konnte ich durch die Unterstützung meiner beiden Lektoren Anke Hartmann und Hans-Peter Schall, welche meine Blogthing-Texte vortrefflich betreuen, in den letzten Monaten beträchtliche Fortschritte machen.

Nun treibt mich nur noch eine Frage um: Wer musste diesen Gig in der Tiefe des Ostens versteuern? Ich hoffe: Frank!

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1 Kommentar zu „Das Leid mit den Buchstaben“

  1. Lieber Androi, Endre, oder auch Andreh (Andih trau ich mich nicht…),

    es ist manchmal schwer.

    Herzlichst,

    Kai Stanke (<- der tat auch ganz schön weh!)

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