Martin Schüller

Eigentlich war es in den 70ern auch für einen Jazzclub keine Kunst, zu den Gastronomiebetrieben Kölns zu zählen, die schon mal den Dichter Rolf Dieter Brinkmann rausgeworfen haben. Zwar gilt der Mann heute als die große Stimme der jungen deutschen Lyrik seiner Zeit, stellt man sich ihn aber neben sich an der Theke vor, wäre man wohl lieber anderswo.

»… vorher hatte ich eine westdeutsche Nuss, die blöde in ihren Boutiquefetzen rumstand und groß redete, mit Wörtern übel zugerichtet …«, schreibt Brinkmann in seinen „Briefen an Hartmut“ über seinen (letzten) Aufenthalt in besagtem Jazzclub, dessen Namen er verschweigt, während die Beschreibung kaum Zweifel lässt, um welchen es sich handelt.

Es war auch keine Kunst – selbst für einen Jazzclub –, Brinkmann zu überleben, der als Opfer des britischen Linksverkehrs bereits 1975 diese Welt verließ. Ihn aber gleich um (bislang) 33 Jahre, nämlich bis heute zu überleben, hat dann schon was Beeindruckendes.

Tatsächlich handelt sich es bei diesem Club um eine Zeitmaschine, wie Wohlmeinende sagen, oder um ein Relikt, so die recht wenigen kritischen Stimmen. Ein Ort des Wohlgefühls, ein Ankerplatz des Wohlklangs im Jazzschen Sinne, eine Oase ohne CD-Spieler, ein Ort des Genusses also (außer beim Atmen, aber das hatten wir schon). Jazz zum Wohlfühlen.

Jazz zum Wohlfühlen?

»… als sie einen westdeutschen miesen sinnlich toten ‚modernen‘ Avantgardejazz zum Besten gaben (eher zum schlechten), also total frustriertes Zeug, und ich ging hin und sagte, spielt doch mal was anderes als den frustrierten Dreck (das wurde dann auch noch für den Rundfunk mitgeschnitten, und ich wusste das gar nicht, mir auch egal), ihr seid ja alle total frustriert mit eurem Scheiß, da wurden sie wütend und der bleiche Besitzer kam und scheuchte mich weg, dem ich sagte, ich dachte, die würden ihre Instrumente stimmen (aber nein, das wars schon! Das war die Vorstellung) – na, also warfen sie mich raus …«, so Freund Brinkmann im weiteren seines Briefes. (Die folgenden Attacken richten sich vornehmlich gegen das Äußere des tapferen Betreibers, ich erspare sie mir hier.)

Ja, gibt es denn Leute, die sich im Jazz gar nicht wohlfühlen wollen? Die »Kulturrevolutionäre« jener Zeit der späten 68er/frühen 70er wollten es gewiss nicht. Nun ja, sie wollten sich überhaupt nicht wohlfühlen. Rückblickend kann man konstatieren, dass sie schwer in die Minderheit geraten sind. Oder unters Auto.

PS: Glückwunsch zum 40sten, liebes Metronom!

PPS: www.metronom-buch.de

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1 Kommentar zu „Brinkmanns Zorn“

  1. Lieber Martin Schüller,

    natürlich war Brinkmann ein grandioses Arschloch (darin lag ja auch – unter anderem – sein Genie), aber dass der Avantgarde- und Free-Jazz der 70er Jahre auch was Apodiktisches, ja gar Zwanghaftes, Miesepetriges und von keinerlei Lebensfreude Belecktes hatte, wirst Du doch ernsthaft nicht bestreiten (oder etwa doch)?

    Das sehen die beteiligten Musiker heute übrigens auch so (zumindest die zurechnungsfähigen).

    Sidney Bechet, Benny Carter oder Johnny Hodges wären zu der Zeit im Metronom vermutlich ausgebuht worden – und das ist doch beschämend, und nicht der zu manchmal peinlichen Ausfällen neigende Brinkmann (die Ausfälle gehörten im übrigen zu seiner Persönlichkeit bzw. seiner Kunst, die in dieser verkörpert war. Ohne die Schimpftiraden wäre „Rom, Blicke“ doch ganz schön langweilig.).

    Beste Grüße

    Rolf Thomas

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