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Martin Schüller

Zum Wesen einer jeden Kulturtechnik gehört, dass sie permanent vom Vergessen bedroht ist. Wann – nur mal zum Beispiel – hat der Leser das letzte mal auf dem Papier dividiert? Nach nur kurzem Nachdenken fallen einem die verschiedensten Kulturtechniken ein, die man lange nicht angewandt oder gesehen hat: vom Sendungen-zu-Ende-Gucken, weil man zum Umschalten aufstehen müsste, bis hin zum Sich-Benehmen in der Öffentlichkeit.

Eine eher exotische unter diesen bedrohten Arten ist das Ausbuhen. Als Bob Dylan in den 60ern erstmals eine elektrische Gitarre mit auf Tour nahm, waren die Konzerte sehr bald ausverkauft, aber: man zahlte Eintritt, um Herrn Dylan unter Zuhilfenahme der Kulturtechnik Ausbuhen mitzuteilen, dass man mit seinem Verzicht auf die alte Klampfe nicht einverstanden sei.

Aus heutiger Sicht ein erstaunlicher Vorgang: Wenn man mit der Arbeit eines Künstlers nicht einverstanden ist, geht man eben nicht hin. Ist man hingegen schon da und wird enttäuscht, geht man schweigend wieder weg. Weil diese Möglichkeiten im Theater- und Opernbetrieb durch teure Abos unattraktiv sind, bilden sie das letzte Reservat für aktive Buher.

Ebenfalls immer seltener erlebt man den hübschen Verwandten des Buhs, das Bravo. Wie das Buh stellt es eine entschiedene, öffentliche Meinungsäußerung dar, und manchmal ruft das Auftreten des einen das andere erst hervor. Und wenn, sagen wir, zum Beispiel jemand seine Ud hinter dem Kopf spielt, wie weiland Jimi Hendrix seine Fender – was heute ja durchaus unter Jazz läuft – dann sehnt man das eine oder wenigstens das andere herzlichst herbei. Aber nichts passiert, und man fühlt sich allein und wagt nicht, selbst damit anzuheben.

Sind wir so liberal? So tolerant und aufgeschlossen? Oder haben wir Angst, der Kaiser habe wirklich keine Kleider an?

Man mag einwenden, das Ausbuhen sei ein würdeloser, verletzender Akt und sein Verschwinden zu begrüßen; doch mein Eindruck ist eigentlich nicht, dass die Gegenwart sich durch einen Zuwachs an Würde und Fairness auszeichnet. Eher durch einen an Gleichgültigkeit. Und an Desinteresse.

Vielleicht ist es auch Bob Dylan, der Schuld am Aussterben des Buhs trägt. Denn er hat sich einfach nicht drum geschert.

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4 Kommentare zu „Bedrohte Arten“

  1. Wozu ausbuhen? Das stört auch diejenigen, denen es gefällt. Es genügt völlig, vorzeitig, etwa in der Pause, zu gehen, nicht zu klatschen, oder keine Zugabe zu verlangen.

    Jeder Musiker, der sich für Reaktionen des Publikums überhaupt interessiert, wird verstehen.

    Dumm nur diese Claqueure, die auch beim kürzesten und schlechtesten Solo Beifall spenden und grundsätzlich ein da capo wollen, egal wie müde die Vorstellung war. Ich habe das Gefühl, die hören nicht zu sondern machen das automatisch.

    Und erst frenetisches Gejohle bei Stars, bevor die überhaupt einen Ton gespielt haben – was soll das? Oft steht da ein arrogantes Schwein vorne auf der Bühne (Motto und Haltung: Seid dankbar, daß Ihr hier sein dürft, für die lumpigen paar Kröten.) und die devote Schar bestärkt ihn auch noch, anstatt mal zu hören ob er auch nur halb so gut ist wie er großkotzig tut.

  2. Ich schließe mich meinem Vor-Kommentator an. Wenn’s gefällt, klatsche ich, wenn nicht, besorge ich mir was trinken und geh in die hintere Ecke und vermiese den anderen nicht ihren Spaß

  3. Komischerweise funktioniert dieses einfache Weghören und den anderen ihren Spaß lassen nur bei Menschen, die sich für viel Geld auf Bühnen stellen und (zu recht sei dahingestellt) feiern lassen. Meine Kunden (ich bin Designer, im weitesten Sinne dann eigentlich auch Künstler) sagen mir bei Nichtgefallen, dass sie meine Arbeit Scheiße finden und ich gefälligst noch einmal von vorne anfangen soll. Und damit weiß ich wenigstens, woran ich bin. Aber nur soviel: ein begründetes Buh (und sei es noch so subjektiv) ist sicherlich ein adäquater Ausdruck des Nichtgefallens, über den sich ein Künstler dann vielelicht auch mal seine Gedanken machen sollte. Ich glaube nicht, das wir so tolerant und aufgeschlossen sind, sondern zu bequem und unauffällig. Zum Artikel mein Bravo!

  4. Hallo Sven,

    zu Leuten, die viel Geld verlangen gehe ich eigentlich nur dann, wenn ich vorher schon ziemlich sicher weiß, daß es mir gefallen wird.

    Meine Kunden sagen mir auch, wenn Ihnen meine Arbeit nicht gefällt. Aber das sagen Sie nur mir, nicht meinen anderen Kunden.

    Bei einer beschwerde warte ich im Geschäft möglichst auch, bis nicht 3 andere Kunden mithören.

    Das ist IMHO der kleine Unterschied. Bei kleinen Jazz-Veranstaltungen, sage ich (höflich) auch schon mal dem einen oder anderen Musiker, daß er wohl schon bessere Tage hatte.

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