ELBJAZZ 2018

Lorenz Hargassner

Fernsehen ist out – das Internet ist in. Früher hieß es, der Deutsche verbringe durchschnittlich 5 Stunden vor dem Fernseher. Mir liegen keine aktuellen Zahlen vor, aber ich kann mir irgendwie nicht vorstellen, dass es bei dem schlechten Fernsehprogramm und der Multimedia-Tauglichkeit der Gesellschaft mittlerweile nicht längst eine Flucht des Publikums ins Internet gegeben haben soll. Wir, die wir uns hier gerade bei blog thing tummeln, haben diese wohl schon angetreten.

Das meiste, was ich aber im Internet mache, ist Lesen: Artikel und Berichte, mal über schnöde Banalitäten wie Sportergebnisse oder was irgendwelche Promis angeblich so machen. Mal sind es philosophische Texte über das Universum oder die Gesellschaft oder auch die Musik. Aber wenn nicht mal zwischendurch ein kleines Video dabei ist oder ich einen Film streame, ist es eben vor allem Text.

Nach einiger Zeit, wenn ich mal wieder bei einer interessanten MySpace-Seite vorbeikomme, schalte ich dann gerne Musik ein und lasse sie auf einem Fenster im Hintergrund weiter abspielen, wenn sie mir gefällt. Und dann tue ich etwas, was ich früher nie tun wollte: Ich höre Musik im Hintergrund. Ich höre eigentlich nicht wirklich zu, dennoch kriege ich dabei irgendwie mit, worum es im Wesentlichen geht. Obwohl ich keine Kontrapunkte, Harmonieverläufe, Tricks im Arrangement oder intelligente Auflösungen, melodische Vertracktheiten, größere und kleinere Zusammenhänge im Spannungsbogen verfolge.

Meiner Erfahrung nach kann Jazz zwar sehr viel spannender und intensiver sein, wenn man sich beim Hören so ganz und gar hingibt und mit jeder Faser seines Körpers so viele Elemente der Musik wie möglich gleichzeitig zu erfassen versucht. Aber wie oft hat man dafür wirklich Zeit? Und wie viele Menschen gibt es, die in der Lage sind, eine so komplizierte und manchmal auch anstrengende Musik wie modernen Jazz so aufmerksam zu verfolgen? Ich konnte das vor meiner Ausbildung zum Jazzmusiker ja selbst eigentlich nicht so richtig, glaube ich heute.

Deswegen glaube ich, dass die meisten Menschen Musik vor allem so wahrnehmen – als Begleitung des Alltags, als Soundtrack ihres Lebens. Und nur beim Autofahren oder vielleicht auf einer Zugfahrt, beim Spülen, Bügeln oder Aufräumen etwas aufnahmefähiger sind für das, was auf so einer CD eigentlich alles passiert. Ist gute Musik also immer auch „Background Music“? Ist das eine Qualität von Musik, die man immer bei einer Platte herstellen sollte, wenn man nicht total am Sinn und Zweck einer Tonaufnahme vorbeiarbeiten will? Ist es das, was ihr wollt?!

Vielleicht ist es das. Und vielleicht ist das auch der Grund, warum so viele Jazz-CDs gemacht werden mit einem unaufdringlichen Sound, wo selbst der „Burner“ im Programm als Ballade herüberkommt. Oder welche, die in ein schickes Hall-Gewand gepackt werden, das einen Klangraum erzeugt, den man sich eben gerne als Tapete der eigenen Gedanken anstellt. So wie ich das ja auch selbst manchmal gerne mache, beim Nicht-genau-Hinhören.

Nur frage ich mich: Wozu machen wir uns dann eine solche Mühe mit dieser komplexen Musik, wenn eigentlich nur die emotionale Grundenergie wirklich ankommt? Wenn die eigentliche Aussage auf eine den Hörer in eine gewisse Stimmung bringende Klangwolke reduzierbar ist? Warum hört eigentlich noch jemand Jazz, wenn er nicht live ist? Gelingt es uns Jazzmusikern von heute denn, eine Atmosphäre mit unserer Musik zu schaffen, mit der man sich umgeben will in seinem Alltag?

Ich selbst mag das ja: Nils Wogram zum Frühstück, Ornette Coleman beim Briefeschreiben und auch mal ein John Coltrane beim Spielen mit meiner Tochter – aber ob das jedermanns Sache ist? Mich würde interessieren, wo und wann du, geneigter Leser, gerne Jazz hörst, und welche Musik dazu jeweils auf deiner Playlist steht. Vielleicht kann ich mir dann doch die Balladenplatte mit Sängerin und Streichquartett als nächstes Projekt verkneifen.

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9 Kommentare zu „Background Music“

  1. „…Wozu machen wir uns dann eine solche Mühe mit dieser komplexen Musik, wenn eigentlich nur die emotionale Grundenergie wirklich ankommt?…“

    Weil du als Jazzmusiker für einen (kleinen!?) Kreis von Leuten Musik machst, für die sich in guter Musik hohe/höhere Komplexität und emotionale Grundenergie gegenseitig bedingen ?! Emotionale Grundenergie ist für jeden ein Muss. Aber der jeweils „notwendige“ Grad von Komplexität ist wohl eher von Person zu Person unterschiedlich ausgeprägt.
    IMHO: ModernTalking geht gar nicht aber Ornette Coleman ist mir auch zu abgefahren. Aber kann man Dieter Bohlen eine gewisse emotionale Grundenergie absprechen (wenn schon der Komplexitätsgrad bei 0 liegt …)? Wer hat mehr Platten verkauft: Ornette oder Dieter ?
    Meine persönliche Wahrheit liegt irgendwo dazwischen – Esbjörn Svensson Trio in der Badewanne. Nicht zu komplexe, eingängige Nummern aber doch mit „Anspruch“; ein nicht zu analytisches, eher „meditatives“ Hörerlebnis …
    ;-)

    Viele Grüße aus Braunschweig !!

  2. Esbjörn Svensson in der Badewanne – ja, das kann ich mir vorstellen… ;o) Am besten „E.S.T. goes Monk“ mit den Streichern.

    Dazu gibt’s übrigens auch eine gemeine Parodie von Larry Goldings: „Hans Groiner, The Music of Thelonious Monk“ bei Youtube: http://www.youtube.com/watch?v=51bsCRv6kI0

    Kürzlich habe ich eine Sendung über Didi Hallervorden gesehen, zu seinem 75. Geburtstag, glaube ich. Da sagte er einmal, dass ihm wichtig sei, mit dem, was er mache, einen großen Kreis von Leuten anzusprechen. Ich habe mir dann gedacht, wenn es möglich ist, mit einem solchen „Wahnsinn“, der das eigentlich ist, so viele Leute zu erreichen, dann müsste es doch eigentlich auch mit Musik gehen?

    Oft ist es eben eher die Form, die überzeugt, weniger der Inhalt. Schön ist, wenn beides passt.

    LG, Lorenz

  3. Aber ist es nichts so, dass heimische Musiker gerade davon leben, dass viele Hörer nicht so genau hinhören und ihnen ein wenig „Jazz-Atmosphäre“ genügt? Es gibt von Louis Armstrongs Hot Five bis zu Steve Colemans Five Elements eine solche Menge absoluter Top-Aufnahmen, dass das meiste, was sonst so an Jazz produziert wird, weitgehend überflüssig ist. Wenn alle Hörer ein Ohr für diese Top-Sachen hätten, würde sich der Jazz-Markt radikal lichten. Denke ich. Ich verstehe auch nicht, wie Nils Wogram in eine Reihe mit Coltrane und Ornette Coleman gerät. Das ist es eben: Wenn solche krassen Unterschiede keine Rolle spielen, dann ist eh alles egal. Dann eben gleich Hintergrundmusik, ein bisschen Jazz-Flair usw.. Oder etwa nicht???

  4. Lieber mampf,

    das ist ein ganz schön hartes Urteil über den deutschen oder europäischen Jazz. Ich gebe Dir recht, dass Vieles, wenn nicht das meiste, was heute produziert wird, den Platten von früher auch nicht ansatzweise gerecht wird. Das sehe ich auch so.

    Dabei sind es gar nicht die großen Meisterwerke wie „Kind Of Blue“, „Time Out“, „The Blues And The Abstract Of The Truth“, „A Love Supreme“, „Speak No Evil“ usw. Sondern auch CDs aus der „zweiten Reihe“ von damals haben oft eine größere Aussagekraft als das, was heute gemacht wird, meine ich.

    Allerdings gibt es Ausnahmen und gerade bei Nils Wogram sehe ich eine. Ich finde, die Art und Weise wie er Musik gestaltet und Posaune spielt, wie er seine Bands formt und reifen lässt, das kann schon mithalten mit den „Alten Meistern“. Aber ich halte auch Pianisten wie Marc Copland oder Brad Mehldau für stilbildend und einzigartig wie ihre großen Vorgänger. Es gibt schon herausragende Musiker, auch heute, die sich in eine Reihe mit Coltrane oder Ornette stellen lassen können. Vielleicht nicht mit Miles Davis, aber mit J.S. Bach konnte sich auch nichts, was nachher kam, messen!

    Also ich glaube nicht, dass der Jazz tot ist. „Er riecht nur ein bisschen komisch“ und zwar vor allem da, wo musikalisches Akademikertum und Musealisierungs-Wahnsinn aufeinander treffen. Und natürlich gibt es bessere und schlechtere Leute, das war früher ja auch so. Die kennen wir heute nur einfach nicht mehr.

    Im übrigen fände ich gut, wenn sich der Jazz-Markt lichten würde. Für sich selbst kann das ja jeder ohnehin tun und eben nur das hören und kaufen, was ihm gefällt.

    Über Geschmack kann man bekanntlich nicht streiten: Einen so krassen Unterschied zwischen Coltrane, Ornette und Wogram wie Du sehe ich jedenfalls nicht.

  5. Eins geht mir noch durch den Kopf:

    Wo sind eigentlich die „Typen“ von früher, die wie Coltrane, Ornette und alle anderen die Musik geprägt haben? Die haben natürlich mit ihrer Persönlichkeit dazu beigetragen, dass die Musik ehrlich, kantig und aussagekräftig war. Kunst eben.

    Aber diese „Typen“ vermisst man heute doch nicht nur im Jazz. Einen Mangel an Persönlichkeit lässt sich doch an allen Ecken und Enden der Gesellschaft feststellen, in der Politik, im Sport, in der gesamten Öffentlichkeit. Selbst die als „Typen“ verkauften Otto-Normalverbraucher der Reality-Soaps oder Casting-Shows sind doch meist absolute Selbstdarsteller ohne Rücksicht auf Verluste – Hauptsache, berühmt werden, im Fernsehen sein.

    Und wo sind sie noch, die guten Dinge: Die Autos, die ewig halten, die vollwerigen Lebensmittel, die man mit gutem Gewissen kaufen konnte, die allgemeine Qualität der Arbeit?

    Das war früher anscheinend einfach eine andere Zeit. Ich bin selbst zu jung, um es mitgekriegt zu haben, aber wenn man sich Berichte darüber durchliest, wie das früher auch in Deutschland so war, dann kann man heute schon fast neidisch werden. Erst vor kurzem bin ich darauf aufmerksam gemacht worden, dass ich unweit einer legendären ehemaligen Hamburger Musikkneipe wohne, dem „Onkel Pö“. (siehe http://de.wikipedia.org/wiki/Onkel_Pö)

    Was da los war, klingt auf jeden Fall nach dem, was man sich unter einer „Szene“ vorstellt. Und auch daran, was man sich unter einem Publikum vorstellt. Da steppte der Bär, man wollte da hin gehen. Es war cool, diese Musik zu hören. Heute befindet sich in den Räumlichkeiten eine Restaurantkette ohne jeglichen Charme. Und die meisten Jazzclubs sind keine Szene-Treffs mehr, sondern eine Art Konzert-Keller für Afficionados einer skurrilen ehemaligen Subkultur.

    Heute sind die Zeiten eben anders – die Leader von heute sind eher besonders Mainstream-kompatibel als dass sie anecken und auffallen würden. Wer zu viel auffällt, wird eher in die Ecke der Seltsamkeiten abgeschoben und nicht ernst genommen. Und in dieser globalisierten-Internet-Community, als die sich die Welt von heute präsentiert, scheint alles möglich zu sein – und nichts wirklich interessant.

    Aber ob es heute nicht auch möglich ist, Kunst zu machen? Den Menschen mit dem zu verbinden, das wichtiger ist ales alles andere? Intensive Momente einer persönlichen Aussage zu kreieren?

    Ich glaube, es ist möglich, und auch im heutigen Jazz von heimischen Musikern kann ich das für mich zumindest immer wieder entdecken. Und ich werde mich immer weiter selbst daran versuchen.

  6. In meinen Augen passierte früher auch nicht ständig Umwerfendes und ich finde es auch heute: Seit ca. 15 Jahren ist für mich Steve Coleman auf der Stufe von Parker und Coltrane. Das glaubt mir keiner, aber kürzlich sagte Vijay Iyer (der von der amerikanischen Jazz-Journalisten-Vereinigung zum Musiker des Jahres 2010 gewählt wurde): „In meinen Augen ist Steve Coleman so bedeutend wie Coltrane. Er hat einen gleich großen Beitrag zur Musik-Geschichte geleistet. Er verdient, in den Pantheon der wegweisenden Künstler aufgenommen zu werden.“ (http://jazztimes.com/articles/26044-steve-coleman-vital-information). Für mich sind Colemans Rhythmen und überhaupt seine Musik so aufregend und mitreißend, dass mir der sonst übliche Jazz einfach zu altbekannt ist.

    (Nils Wograms Musik finde ich einfach nicht gut, sie ist für mich „Konservatoriumsmusik“ – ich sag das gerade heraus, weil mir vorkommt, dass er in einem Maß empor gelobt wird, das peinlich ist. Dieser ganze „heimische“ und europäische Hype geht mir als Hörer schon schwer auf die Nerven.)

  7. Die bisherige Background-Music Blog war (wie es sich für Hintergrundsmusik nicht gehört) anregend – deshalb auch meine Meinung dazu. Leider ist es kaum möglich für mich eine Musik zu nennen, die ich als Background nicht wahrnehmen möchte.
    Grauenhaft die Musik, die als angeblich verkaufsfördern lautstark in Kaufhäusern aus den klitzekleinen, scheppernden Lautsprechern in unseren Ohren gepresst wird.
    Wenn ich eine Musik nicht hören möchte, dann nervt sie mich umso mehr, da ich mich anstrengen muss, sie aus meinem Wahrnehmungsfeld hinaus zu schleudern.
    Interessant aber: Als ich als tanzende Sängerin (weiss Gott nicht als singende Tänzerin) im Tanztheater Darmstadt gastierte, hat einer meiner Tänzerkollegen mich für die Musik meiner damals aktuellen CD bedankt, in dem er sagte: man könne so gut dabei bügeln!
    Das ist es! Saties Möbelmusik, Fahrstuhlmusik, die MUSAK der 60er Jahren, das Neu-Deutsche Wort Wellness Music – alles passé!
    Keine Ironie – Music For Ironing muss der neuer Trend werden.
    Nun lass mich überlegen…..Begin The Bügeling, The Bügel Woogie Bügel Boy, I-roning Wild…. Oder just some soothing, smoothing stuff

  8. @Jenny: Ich freue mich schon auf Deine Version von „das bisschen Haushalt…“ – ebenso erfreulich, daß das Kompliment von einem Mann kam – das ist ein echter Iron Man :-)

    @Alle: Ich denke, es ist mit der „guten alten“ Musik unserer Jazz-Heroen wie bei allem was in irgend einer Form historisch ist – wir erleben diese Dinge durch die Vergangenheit gefiltert, d. h. mittelmässiges wird automatisch ausgemerzt, nur die besten Dinge mit herausragender Qualität werden über den kurzen Augenblick eines Trends hinaus geschätzt und für die Folgezeit bewahrt. Wer von uns war denn damals dabei und hat die Leute live auch mal einen schlechten Tag haben gehört? Wir kennen nur die Aufnahmen, die die Vertriebe auch aus Ihren Archiven herausrücken, wohl oft als reissue, weil der sich früher auch schon gut verkauft hat. Natürlich ist heute nicht jeder Schuss ein Treffer, aber ich glaub‘, das war früher nicht anders. Ein eher sozio-politischer Ansatz wäre dagegen die Überlegung, daß die Musiker in der „guten alten Zeit“ andere Rahmenbedingungen hatten und dies das Spiel beeinflusst hat – wer weiss…verglichen mit dem hier und heute will ich provokant einmal fragen: Kann man Jazz wirklich an einem Institut studieren?

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